Stuttgart - Stolz und Erleichterung sind Frank Deiß und Michael Häberle anzumerken. Der Leiter des Daimler-Stammwerks Stuttgart-Untertürkheim und der dortige Betriebsratschef haben, wie berichtet, am Freitag gemeinsam verkündet: Das Kompetenzzentrum Elektromobilität kommt an den Traditionsstandort am Neckar. Sechs Monate haben die Verhandlungen gedauert. Die Vereinbarungen sind komplex, im Kern soll eine Kombination aus traditioneller Fertigung sowie aus Forschung, Entwicklung, Produktion und Montage rund um die E-Mobilität die Zukunft des Werkes und seiner etwa 18 000 Beschäftigten in den sechs Werkteilen für die kommende Jahre sichern. Mehr als 400 Millionen Euro will der Konzern in deren Weiterentwicklung investieren. Das Verhandlungsergebnis verbuchen beide Seiten für sich als Erfolg.
Betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2029 ausgeschlossen
Von einem „historischen Tag“ ist die Rede. „Es gibt keine Verlierer“, sagt Häberle. Klar ist aber, die Fertigung konventioneller Antriebe wird in den kommenden Jahren schrittweise zurückgefahren. „Electric first“ heißt die Devise bei Daimler, auch wenn der Verkauf von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor derzeit noch existenziell ist. Und die Zahl der Beschäftigten in Untertürkheim wird weiter reduziert, weil für den Bau von Elektroantrieben nicht mehr so viele Beschäftigte nötig sind wie für den von Verbrennern.
Auch das sieht die Vereinbarung vor. Im Detail geredet wird darüber offiziell aber derzeit nicht. Die Beschäftigten in Untertürkheim sind verunsichert genug, den Grund dafür sieht Häberle auch in dem großen Druck, den der Konzern aufgebaut habe, wie er im Verhandlungsverlauf kritisierte. So äußern sich weder der Betriebsratschef noch Deiß dazu, wie viele Arbeitsplätze durch den Wandel hin zur E-Mobilität am Standort verloren gehen könnten. „Der Betriebsrat redet nicht über Abbauzahlen“, sagt Häberle. Es gehe nicht um Abbau, sondern um Transformation, also eine Weiterentwicklung des Stammwerks. Er verweist zudem auf die Beschäftigungssicherung, die betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2029 ausschließe. Die Zahl der Mitarbeiter werde aber weiter sinken, entgegnet Deiß.
Die Zahl „4000“ kursiert seit Herbst 2020
Dabei kursiert seit Herbst vergangenen Jahres, als die Verhandlungen zum Thema Kompetenzzentrum gerade anliefen, schon eine Zahl. In einem Brief des Betriebsrats von Untertürkheim, der im September 2020 an die Beschäftigten im Werk verschickt wurde, berichteten die Arbeitnehmervertreter von den Verhandlungen. Das Unternehmen verlangte demnach, bis zum Jahr 2025 im Werk rund 4000 Stellen abzubauen. Der Standort sei Daimler insgesamt zu teuer, hieß es. Die Zahl „4000“ nimmt offiziell derzeit niemand mehr in den Mund. „Voll ausgelastet“ sei Untertürkheim angesichts der guten Auftragslage, sagt Häberle.
„Großzügige Abfindungsangebote“
Die Vereinbarung sieht gleichwohl neue Personalmaßnahmen vor: In der Produktion und produktionsnahen Bereichen wird es die Möglichkeit freiwilliger Abfindungen geben. Ein freiwilliger Wechsel an andere Standorte in der Region – Sindelfingen und Rastatt – ist möglich. Ob sich möglicherweise eine vierstellige Zahl an Mitarbeitern für das Abfindungsangebot interessieren wird, hängt nach Ansicht des Automobilexperten Ferdinand Dudenhöffer schlicht von den finanziellen Konditionen ab. Gerade für Beschäftigte „50 Jahre und älter“ könne es interessant sein, die Zeit bis zur Rente mit einer entsprechenden Summe zu überbrücken. Dudenhöffer, Chef des Duisburger Forschungsinstituts CAR, geht von „großzügigen Abfindungsangeboten“ seitens des Konzerns aus. Das Unternehmen müsse einmalig „einen großen Verlustposten verbuchen“. Das sei verkraftbar, auch angesichts des anziehenden Geschäfts, vor allem in China.
Auch die Konkurrenz setzt auf E-Antrieb
Den Autoexperten wundert nicht, dass nach den schwierigen Verhandlungen zum E-Campus nun keiner der Beteiligten mehr mit einer Zahl zum Stellenabbau an die Öffentlichkeit geht. „Angesichts der Beschäftigungssicherung wäre das Lärm um nichts“, sagt Dudenhöffer. Zu Beginn der Verhandlungen sei dies noch etwas anderes gewesen. Beide Seiten hätten da ihre Maximalforderungen formuliert. „Daimler geht mit dem Abfindungsprogramm nun lieber den leisen Weg“, ergänzt er. Auch BMW und Opel beispielsweise hätten so schon erheblich Personal abgebaut.
Werkleiter Deiß hätte die Vereinbarung zum E-Campus gerne schon bis Ende 2020 unter Dach und Fach gebracht. Die Entwicklung hin zur E-Mobilität habe sich noch einmal beschleunigt, man dürfe keine Zeit mehr verlieren. Daimler hat 2021 zum Jahr der E-Auto-Offensive erklärt und will einige Modelle auf den Markt bringen, unter anderem die E-Variante des Flaggschiffs S-Klasse, die in Sindelfingen gebaut wird. „Geschwindigkeit ist für Daimler-Chef Ola Källenius ein großes Thema – auch mit Blick auf die Wettbewerber“, sagt Dudenhöffer. So sollen bei VW bis 2030 in Europa 70 Prozent der Neufahrzeuge batterieelektrisch angetrieben werden. Bei Porsche bleibe letztlich nur die Sportwagenikone 911 als Verbrenner übrig. Und Volvo wolle in knapp zehn Jahren ausschließlich Elektroautos verkaufen.