InterviewDarsteller im Musical „Anastasia“ Die Opernkarriere dem Musical geopfert

Von Björn Springorum 

Wie sieht das Leben eines Musicaldarstellers aus? Das verraten die beiden „Anastasia“-Darsteller Judith Caspari und Milan van Waardenburg im Interview. Und wieso Caspari für das Musical ihre Karriere als Opernsängerin opferte.

Haben sich gefunden: Die beiden Hauptdarsteller Judith Caspari  und Milan van Waardenburg. Foto: Stage Entertainment
Haben sich gefunden: Die beiden Hauptdarsteller Judith Caspari und Milan van Waardenburg. Foto: Stage Entertainment

Stuttgart - Das „Anastasia“-Ensemble feiert im SI-Centrum die 100. Vorstellung der Saga um die Zarentochter. Die Hauptdarsteller Judith Caspari (Anja/Anastasia) und Milan van Waardenburg (Dimitri) geben Einblicke in ihren Alltag, ihre Rollen und ihren sehr unterschiedlichen Werdegang.

Frau Caspari, Herr van Waardenburg, die 100. „Anastasia“-Show steht unmittelbar bevor. Wie hat sich inzwischen alles eingespielt?

Milan van Waardenburg: Wir haben uns sehr schnell in unsere Rollen hineingefunden. Uns kommt es vor, als würden wir dieses Stück schon immer spielen, dabei sind es erst drei Monate. Das ist bemerkenswert: Für die Proben des gesamten Stückes hatten wir diesmal nur vier Wochen, was echt knackig ist. Doch unsere Regisseurin hat einen phänomenalen Job geleistet, so dass wir sogar in dieser kurzen Zeit noch genügend Raum hatten, unsere Figuren selbst zu entwickeln.

Judith Caspari: Davon zehren wir bis heute, kurz vor der 100. Vorstellung. Natürlich ist mittlerweile eine gewisse Routine vorhanden, doch wir rufen uns immer wieder ihre Worte ins Gedächtnis, nach denen wir immer zu uns selbst zurückkehren sollen. Natürlich spielt man sich nach einigen Wochen frei und erreicht dadurch eine ganz andere Qualität, doch wir erinnern uns immer gegenseitig an die Grundessenz unserer Rollen, um nicht in einen Trott zu verfallen. Das macht jede Woche einzigartig. Wir entdecken jeden Abend neue Facetten an den Figuren.

Wie haben Sie die Premiere erlebt?

Milan van Waardenburg: Die ersten 15 Minuten der Show sind wir beide nicht auf der Bühne. Daraus ist ein kleines Ritual geworden: Wir treffen uns immer in meiner Garderobe und trinken noch einen Tee. Bei der Premiere haben wir das auch gemacht, und ich meinte plötzlich, diesen Moment mit einem Bild festhalten zu müssen.

Judith Caspari: Wir sahen beide total verängstigt und bleich aus!

Milan van Waardenburg: Wir überlegten kurz, ob wir nicht einfach aus dem Fenster springen und wegrennen sollen, doch dann sind wir einfach auf die Bühne gegangen. (lacht) Und es war toll, ein richtiges Happening! So eine Deutschland-Premiere hat man ja auch nicht jeden Tag.

Haben Sie noch weitere Rituale vor einem Auftritt?

Milan van Waardenburg: Ohne „toi, toi, toi“ gehen wir nie auf die Bühne. Ein bisschen Aberglaube muss sein!

Judith Caspari: Und wir müssen uns jedes Mal kurz sehen, bevor wir wieder für eine Szene auf die Bühne gehen. Alles andere ist undenkbar! (lacht)

Wie haben Sie zueinandergefunden?

Milan van Waardenburg: Mit Judith zu spielen ist ein Geschenk. Wir hätten beide nie ­gedacht, dass wir uns von Anfang an so gut verstehen werden. Gut, wir sind beide sehr offene Menschen, aber das allein reicht ja nicht. Was es auch ist: Ich bin sehr froh dar­über, denn natürlich merkt das auch der ­Zuschauer.

Judith Caspari: „Anastasia“ ist für uns beide eine große und wichtige Premiere. Das hat uns sehr zusammengeschweißt.

Sind Sie mittlerweile heimisch in Stuttgart?

Milan van Waardenburg: In Stuttgart muss man schon ein bisschen wissen, wohin man geht. Doch wenn man das weiß, dann ist es wunderschön hier. Ich kenne die Stadt und das Theater ja schon, weil ich hier schon mal für „Tanz der Vampire“ gearbeitet habe, daher fiel es mir sehr leicht, wieder anzukommen. Und in diesem wunderschönen Theater eh. Es erstaunt mich immer wieder, wie nett hier alle sind!

Judith Caspari: Ich liebe die Museen hier! Natürlich haben wir nicht allzu viel Freizeit, aber wenn, dann entdecke ich hier immer wieder schöne Ecken und Cafés.

Frau Caspari, Sie wurden von Ihrem Partner zum „Anastasia“-Casting überredet. Wie kam es dazu?

Judith Caspari: Ich habe zu dieser Zeit noch klassischen Gesang an der Folkwang Universität in Essen studiert und war eher auf eine Laufbahn in den klassischen Opernhäusern eingestellt. Nachdem ich am Staatstheater Kassel dann bei „West Side Story“ Musical-Luft schnuppern konnte und einige Menschen aus dieser Branche kennengelernt habe, war es plötzlich gar nicht mehr so abwegig, auch in diese Richtung zu gehen. Weil „Anastasia“ mein absoluter Lieblingsfilm ist, seit ich ein Kind bin, machte mich mein Freund auf das Casting in Stuttgart aufmerksam, als er mal hier gearbeitet hat. Da war eigentlich klar, dass ich das machen muss. Anastasia ist die Heldin meiner Kindheit, es gab einfach keine andere Option! Aber natürlich war dann alles wieder so knapp, dass ich nichts vorbereiten konnte. Aus heutiger Sicht war das wahrscheinlich mein großes Glück, weil ich eh nicht davon ausging, die Rolle zu bekommen.

Können Sie sich noch an den Moment ­erinnern, an dem die Zusage kam?

Judith Caspari: Ich war zu Hause und mal wieder zu spät dran, weil ich meinen Zug bekommen musste. (lacht) Ich habe mich riesig gefreut, war aber auch ziemlich perplex. Ich ging dann zum Bahnhof und setzte mich in den Zug und war plötzlich unsicher, ob ich mich nicht vielleicht verhört hatte und es vielleicht doch nicht die Erstbesetzung war. So richtig habe ich es erst geglaubt, als der Vertrag unterschrieben war.

Milan van Waardenburg: Mit Judith hat die Musical-Welt ein riesiges Talent entdeckt! Die Rolle der Anja/Anastasia ist eine der schwierigsten, die es gibt. Und für jemanden, der noch nie eine solche Musical-Rolle hatte, ist das eine gewaltige Herausforderung. Das bekommen nicht viele Frauen hin.

Frau Caspari, wo liegen die Gemeinsamkeiten zwischen klassischer Musikwelt und Musical?

Judith Caspari: Zumindest im Falle von „Anastasia“ gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten, weil es ja ein sehr klassisches Musical mit opernhaften Zügen ist. Wir haben einen Chor auf der Bühne, die Musik ist sehr klassisch. Schade finde ich, dass die Oper auf ein ganz anderes Publikum ausgelegt ist. Zum großen Teil sind es ältere Besucher, was hier beim Musical total anders ist. Ich finde es toll, dass ich in dieser Rolle jungen Mädchen ein Vorbild sein kann. Es tut gut, wenn man merkt, dass man die Menschen erreicht. Ich trete sehr für junge Frauen ein und will sie ermutigen, ihre Meinung zu sagen und ihren Weg zu gehen.

Und wie sind Sie auf der Bühne gelandet, Herr van Waardenburg?

Milan van Waardenburg: Meine Oma war Schauspielerin. Ich habe sie immer bewundert und wurde schon als Kind von ihr angesteckt. Ich stand schon mit elf Jahren auf der Bühne, später studierte ich dann Musiktheater. Ich wollte allerdings immer in Holland bleiben und nicht in Deutschland arbeiten. Die einzige Ausnahme, sagte ich immer, ­wäre die Rolle des Herbert in „Tanz der ­Vampire“. Und als ich die bekam, konnte ich ja nicht anders . . . (lacht) Schon nach zwei Monaten wollte ich nie wieder zurück!

Anastasia unterscheidet sich von vielen anderen Musicals ja auch durch seinen historischen Hintergrund. Wie wirkt sich das auf Sie aus?

Judith Caspari: Für mich war es sehr bewegend, den letzten lebenden Romanow-Nachfahren kennenzulernen. Er war bei der Premiere, und seine Reaktion hat mich sehr bewegt. Er war zu Tränen gerührt und wirklich begeistert, wie seine Familiengeschichte auf die Bühne gebracht wurde. Das machte mir noch mal klar, wie konkret die Figuren sind, die wir auf der Bühne darstellen. Es waren wirkliche Menschen mit wirklichen Schicksalen. Natürlich sollte man die Zarenherrschaft deswegen nicht verherrlichen, aber man muss im Hinterkopf behalten, dass man in die Rollen von realen Menschen schlüpft.

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