Das „Bad Neustädtle“ bei Waiblingen Selbst ein Kronprinz kam zu Besuch

Eine Lithografie aus der Zeit um 1820 zeigt die neuen  „Baad-Anlagen“ und den Park. Foto: Stadtarchiv Waiblingen
Eine Lithografie aus der Zeit um 1820 zeigt die neuen „Baad-Anlagen“ und den Park. Foto: Stadtarchiv Waiblingen

Vor 200 Jahren lockte eine im Jahr 1816 neu gefasste Quelle mit Schwefelwasser viel Prominenz nach Waiblingen- Neustadt.

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Waiblingen - Graf Alexander von Württemberg war da, Dichter wie Eduard Mörike, Ludwig Uhland oder Nikolaus Lenau – und selbst Kronprinz Karl von Württemberg soll Mitte des 19. Jahrhunderts der heute zu Waiblingen gehörenden Ortschaft Neustadt einen Besuch abgestattet haben. Was ihre Majestät und viele andere anlockte, war allerdings weniger das auf einer Anhöhe oberhalb der Rems gelegene kleine Dorf, sondern ein auf dessen Gemarkung liegendes Anwesen unten im Tal: „Bad Neustadt“. Dabei handelte es sich um eine Kurklinik mit Hotel, Badebetrieb – dank eigener Schwefelwasserquelle – Gastronomie, Ballsaal und Lustgarten.

Des Herzogs Leibärzte erklärten die Quelle zum „Heilbronnen“

Auf die Quelle mit ihrem bräunlichen, schwefelhaltigen Wasser war man bereits im Jahr 1683 bei Bauarbeiten an einer Mühle gestoßen. Leibärzte des württembergischen Herzogs untersuchten das Nass und erklärten die Quelle zu einem „Heilbronnen“. Der Badebetrieb konnte losgehen.

„Es soll recht kühl gewesen sein – auf alle Fälle war es aber kein Thermalwasser“, sagt Hans Schultheiß, der Waiblinger Stadthistoriker, über das Wasser, dem eine heilsame Wirkung insbesondere bei Gelenk- und Rheumaerkrankungen oder Frauenkrankheiten nachgesagt wurde. Einer Überlieferung nach zeigte es aber auch bei der Behandlung von Hühneraugen, Husten, Fallsucht und anderen Gebrechen Wirkung.

Wirksam hin oder her: Die Auswirkungen des Spanischen Erbfolgekriegs hätten dem Badebetrieb Anfang des 18. Jahrhunderts rasch wieder ein Ende gemacht, schrieb der inzwischen verstorbene ehemalige Stadtmuseumschef Helmut Herbst in einem Aufsatz über „Das Bad Neustädtle“. Brunnen und Mühle wurden zerstört, die Heilquelle geriet vorerst in Vergessenheit.

Jedes Zimmer hatte eine Badewanne

Im Jahr 1816 ließ der damalige Mühlenbesitzer Michael Lorenz die verkommene Quelle neu einfassen, stellte einige Badehütten aus Holz auf, und schuf einen Lustgarten, in dem Gäste auf Pfaden promenieren konnten. „Ein Leibarzt und ein Hofapotheker analysierten das Heilwasser und den Heilschlamm und kamen zu einem positiven Ergebnis“, so Herbst. In Bad Neustadt ging der Badbetrieb in eine zweite, professionellere Runde. Unter der Leitung von Lorenz’ Schwiegersohn Friedrich Schuler, der das Anwesen wenig später erbte und zwei Häuser mit 14 Zimmern errichtete, begann die Blütezeit von „Bad Neustädtle“, wie es der Dichter Nikolaus Lenau nannte. Die Zimmer, so Helmut Herbst, „waren mit Badewannen ausgerüstet, in die über Pumpleitungen direkt von der Quelle kaltes oder durch einen Kessel erhitztes Wasser eingelassen werden konnte“.

Anzeigen im „Waiblinger Intelligenzblatt“ beweisen, dass es in Bad Neustadt hoch her ging: Da lädt Schuler etwa auf den Abend des 18. August 1842 Gäste aus nah und fern zu einem Ball für Honoratioren „mit vorzüglicher böhmischer Musik“. In Neustadt amüsierte sich die Stuttgarter Gesellschaft bei Kutschfahrten. Graf Alexander ließ eigens ein Boot heranschaffen, mit dem es auf die Rems ging. Militärs feierten Ordensverleihungen und Burschenschaften trafen sich hier um nach oder vor dem Volksfest in Cannstatt zu zechen.

Nikolaus Lenau wurde das Partytreiben zu viel

Das fröhliche Treiben nahm zeitweise solche Ausmaße an, dass beispielsweise der kränkelnde Dichter Nikolaus Lenau, der in Bad Neustadt ausspannen und an seinem Werk „Faust – ein Gedicht“ arbeiten wollte, Ende Mai 1834 entnervt vor der Partymeute die Flucht ergriff.

Mit dem Tod Friedrich Schulers endete die Blütezeit von Bad Neustadt. Das Anwesen wechselte mehrmals den Besitzer und diente unter anderem als Genesungsheim einer Krankenkasse (siehe „Die Geschichte von Bad Neustadt“). An das Bad erinnert bis heute die Badstraße, die von der Waiblinger Kernstadt entlang der Rems zum einstigen Standort führt.

Die heilsame Quelle mit Schwefelwasser sei wohl irgendwann versiegt, sagt Hans Schultheiß. Die vor einigen Jahren unternommenen Versuche, sie zu finden und freizulegen, seien jedenfalls im Sande verlaufen. Ein Wirtschaftsgebäude wurde um das Jahr 2000 abgebrochen. Einige Holzbretter der Remise hat Schultheiß gesichert. Sie sind nun in einem in das Konferenzzentrum der Firma Stihl integrierten „Schaufenster“zu besichtigen.

Die Geschichte von Bad Neustadt

Entstehung
Im Jahr 1683 stößt man an der Rems auf eine Quelle, aus der nach Schwefel riechendes Wasser tritt. Der zum „Heilbronnen“ erklärte Fund lockt Besucher aus dem Herzogtum Württemberg und dem Ausland an. Im Jahr 1711 erhält das Bad das Prädikat „Gesundbrunnen“.

Zerfall
Von Anfang des 18. Jahrhunderts an kommen weniger Besucher, der Brunnen wird vernachlässigt.

Aufschwung
Im Jahr 1816 wird die Quelle neu gefasst und hölzerne Badehütten für Kurgäste errichtet. Drei Jahre später baut Friedrich Schuler ein Gebäude mit Badekabinen und Gästezimmern. Das „Bad Neustadt“ wird zum Treffpunkt für die (Stuttgarter) High Society, es gibt Feste, Bälle, Feuerwerke, Fahrten mit Kutschen und Kähnen. Dichter wie Eduard Mörike, Ludwig Uhland oder Graf Alexander von Württemberg sind Gäste. Nach dem Tod Schulers 1858 ebbt der Besucherstrom ab.

Nachnutzung
Das Anwesen dient ab 1895 als Erholungsheim, von 1914 an als Lazarett. Später gelangt es in Privatbesitz, nach 1920 gehört es der Familie Stihl, die dort ihren Betrieb einquartiert. Im Jahr 2000 wird das Badegebäude abgebrochen und ein Konferenzzentrum gebaut. Der Lustgarten wird nach alten Plänen wieder hergestellt.




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