Wilhelma-Theater „Das Ende von Eddy“ Édouard Louis und Billie Eilish im Rüschenrock
Im Wilhelma-Theater zeigen Studierende der Schauspielschule ihre Version von Édouard Louis’ Roman „Das Ende von Eddy“.
Im Wilhelma-Theater zeigen Studierende der Schauspielschule ihre Version von Édouard Louis’ Roman „Das Ende von Eddy“.
Stuttgart - Wenn er aufgeregt ist und etwas zu erzählen hat, dann geraten Eddys Arme in Bewegung. Wie eine Tunte, sagt sein Vater dann angewidert. Diese Fuchtelbewegung übersetzen die fünf Schauspielschülerinnen und -schüler, die „Eddy“ im Wilhelma-Theater verkörpern, in Schwingungen, die einem Albatros zur Ehre gereichen würden. Eins von vielen stimmigen Bewegungsbildern in dieser Inszenierung des Romans „Das Ende von Eddy“ unter der Regie von Nina Mattenklott.
Édouard Louis hat als 22-Jähriger mit großer Sprachgewalt, Furor und einem soziologisch geschulten Klassenbewusstsein über seine elende Kindheit in der Picardie geschrieben. Armut, Grobheit, Gewalt und das fortwährende Gefühl, nicht dazuzugehören, sind die Konstanten in Eddys Jugend, der früh wusste, dass er anders ist als die andern. Dass es seine Homosexualität ist, die ihn zum Hassobjekt des Bruders und zum Prügelknaben an der Schule machte, begreift er erst spät und schmerzhaft. „Das Ende von Eddy“ ist ein Befreiungsschlag, der seinen Autor berühmt gemacht hat und schon an vielen Bühnen gespielt wurde.
Im Wilhelma-Theater ist Eddy nicht einer, sondern viele. Annabel Hertweck, Anja Pichler, David Richter, Joscha Schönhaus und Furkan Yaprak schlüpfen immer wieder gleichzeitig in Eddys Haut, posen in knallbunten Rüschenröcken zur Untermalung von Billie Eilishs „Wish you were gay“. Sie sind die dauerqualmende, zwischen Not und Zynismus schwankende Mutter, der gebrochene, alkoholkranke Vater und der vor unterdrückter Wut und Homophobie schier berstende Bruder. Das Konzept, die Rollen nicht aufzuteilen, sondern auf alle zu splitten, räumt allen im Ensemble die gleichen Spielanteile ein und gibt ihnen die Chance, männliche und weibliche Anteile zu verkörpern.
Diese Nicht-Zuschreibung auf eine Rolle ist auch ein Debattenbeitrag, der auf der Bühne für Offenheit und das Changieren zwischen Identitäten und Zuschreibungen plädiert. Was dabei nicht aufgeht: In den splitterkurzen Spielmomenten kommen dem Publikum die einzelnen Charaktere nicht wirklich nahe. Die Studierenden der Schauspielschule erreichen selten eine Tiefe im Spiel, die berührt. Dazu kommt, dass in weiten Teilen nicht gesprochen, sondern gebrüllt wird. Das gibt der Text zwar her, aber es schwächt ihn auch.
Das Ende von Eddy. Weitere Termine im Wilhelma-Theater (Neckartalstraße 9), am 8., 9., 15. und 16. Oktober und im November.