Das Jahr 1942 in Stuttgart Osteuropäische Sklaven für den Führer

Das Hotel Silber an der Dorotheenstraße diente bis zur Kapitulation des Dritten Reichs 1945 der Gestapo als Verhörs- und Folterzentrum. Foto:  

Die Deutschen verschleppten von 1942 an Zwangsarbeiter vor allem aus Osteuropa nach Deutschland. Die Gestapo im Hotel Silber überwachte und verfolgte „Ostarbeiter“ in der Region.

Stuttgart - Das für „Ostarbeiter“ zuständige Sachgebiet der Geheimen Staatspolizei trägt das Kürzel IV 1. C1. In dem zum Museum umgebauten Hotel Silber an der Dorotheenstraße zeigt eine Schautafel anhand von Köpfen, wie viele Mitarbeiter die einzelnen Referate hatten. Das Sachgebiet IV 1. C1 sticht durch besonders viele hervor. Und zwar seit dem Jahr 1942.

 

Als „Ostarbeiter“ werden die Menschen der im Juni 1941 von der Wehrmacht überfallenen Sowjetunion im NS-Jargon bezeichnet. In den ersten Monaten des sogenannten Unternehmens „Barbarossa“ gelten sie den Rassenideologen als zu minderwertig, um sie im Reich als Arbeiter einzusetzen. „Man hat lange gezögert, weil man Kontakte zu Deutschen vermeiden wollte“, erklärt Friedemann Rincke von der Gedenkstätte Hotel Silber.

Junge Männer kämpften an der Front

1942 ändert sich diese Haltung. Denn Deutschland gehen im vierten Kriegsjahr schlicht die Arbeitskräfte aus. Männer im wehrfähigen Alter kämpfen in Nordafrika, vor allem aber in den Sümpfen der Ukraine und vor den Toren Leningrads. Anders als bei den rasch beendeten „Blitzkriegen“ 1939 und 1940 steckt die Wehrmacht bei dem Versuch, die UDSSR niederzuringen, rasch in einem Material und Menschen verschlingenden Morast fest. Dazu füllen die USA und Großbritannien die Waffenkammern der Sowjetunion, während immer mehr deutsche Arbeiter von den Fließbändern in den Rüstungsbetrieben an die Front im Osten ziehen müssen.

1942 lassen sich die Lücken nicht allein mit Kriegsgefangenen oder Zwangsrekrutierten aus dem besetzten Westeuropa oder deutschen Häftlingen aus Gefängnissen und Konzentrationslagern schließen. Der damalige Reichswirtschaftsminister Hermann Göring entscheidet sich, den Zweck über die Ideologie zu stellen. Im Januar 1942 ergeht der Erlass zur „Ostarbeiteranwerbung“. Für den NS-Jargon nicht ungewöhnlich, handelt es sich bei dem Begriff um einen Euphemismus. „Angeworben“ wurde niemand.

Tausende werden verschleppt

Jedenfalls kommen im Laufe des Jahres Tausende „Ostarbeiter“ nach Stuttgart. Sie leben in neu errichteten Barackenlagern, etwa auf der Schlotwiese in Zuffenhausen. Die Gestapo an der Dorotheenstraße soll sie kontrollieren. Friedemann Rincke von der Gedenkstätte Hotel Silber spricht für das Jahr 1944 von 250 000 Zwangsarbeitern allein in der Region Württemberg-Hohenzollern im Jahr 1944.

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Die rund 300 Gestapobeamten an der Dorotheenstraße können diese Zahl von Menschen unmöglich kontrollieren. Deshalb setzen sie auf das verbreitete Spitzelwesen in der Bevölkerung. „Sie mussten eigentlich nichts anderes machen, als den Anzeigen nachzugehen“, sagt Rincke.

Frauen wird der Kopf geschoren

Denunzierte Zwangsarbeiter werden in den ehemaligen Hotelzimmern an der Dorotheenstraße verhört. Wem eine Beziehung zu einer deutschen Frau vorgeworfen wird, der wird „zur Abschreckung in Anwesenheit anderer Zwangsarbeiter hingerichtet. Die deutschen Frauen kamen ins KZ“, so Friedemann Rincke. Manchen wird noch der Kopf geschoren, bevor man sie durch die Straßen treibt. Deutschen Männern, die ein Verhältnis mit Polinnen oder Russinnen eingehen, geschieht dagegen in der Regel nichts. „Das hatte mit der ideologischen Stellung der deutschen Frau und ihrer Rolle bei der Erhaltung der Rasse zu tun“, sagt Rincke.

Dass solche Verhältnisse dennoch vorkamen und für längere Zeit unentdeckt blieben, lässt sich mit den überstrapazierten Kapazitäten der Stuttgarter Gestapo erklären. Rincke spricht von einem „Kontrollverlust“, den die Gestapo nur auf eine Art kompensieren konnte: „Wen sie erwischte, gegen den ging sie zur Abschreckung so hart wie möglich vor“.

Kinder erhalten Hungerkost

Die Kontrolle der Verschleppten und Einheimischen ist also nicht so umfassend, wie es der Mythos einer allmächtigen Gestapo nach 1945 nahelegt. Für die „Ostarbeiter“ entpuppt sich die Zwangsarbeit im Reich dennoch als Martyrium. Bezeichnend dafür ist der Umgang mit den Kindern von Zwangsarbeiterinnen etwa im Durchgangslager Bietigheim-Bissingen. Sie werden in sogenannten „Ausländerkinder-Pflegestätten“ untergebracht. Die Bezeichnung ist ein weiterer NS-typischer Euphemismus. In den Baracken werden Kinder und Neugeborene auf eine Hungerkost gesetzt und hygienisch vernachlässigt. „In den Sterbebüchern kann man nachlesen, wie viele dort ihr Leben ließen“, sagt Friedemann Rincke. Wer zu jung oder zu schwach zur Zwangsarbeit ist, auf den wartet im Deutschland dieser Zeit nicht selten der Tod.

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