Das MAN-Stahlhaus steht im Freilichtmuseum Erinnerungen an Sillenbuch

Das Arbeitszimmer durfte Marielouise Ertle einst nur betreten, wenn es ihr Vater ausdrücklich erlaubt hatte. Foto: Andreas Reiner

Anfang der 50er Jahre wohnte Marielouise Ertle in Sillenbuch in einem Fertighaus aus Stahl. Nun steht es im Freilichtmuseum Wackershofen. Wenn die 79-Jährige das Haus heute betritt, werden alte Erinnerungen wieder wach.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Stuttgart/Schwäbisch Hall - Vor sieben Jahrzehnten kauft Hermann Ertle in Stuttgart-Sillenbuch eine Streuobstwiese und lässt zwischen Birnen- und Mirabellenbäumen ein Fertighaus aus Stahl errichten. 34 000 D-Mark überweist der experimentierfreudige Bauherr an MAN. Dafür stellt ihm das Unternehmen, das eigentlich im Lastwagensektor beheimatet ist, ein 150 Quadratmeter großes Eigenheim auf das Hanggrundstück in der Oberwiesenstraße 8. Dort rostet es langsam vor sich hin, bis es 2016 einem Neubau aus Beton weichen muss. Das denkmalgeschützte Gebäude wird demontiert, herausgeputzt und rund 100 Kilometer nördlich wieder zusammengeschraubt.

 

An einem sonnigen Tag im Frühherbst fährt Marielouise Ertle von ihrem Wohnort Aichtal-Grötzingen über die Bundesstraße und die Autobahn in ihre Kindheit. Der Kurztrip führt sie ins Freilandmuseum Hohenlohe. Dort möchte die 79-Jährige Familiengeschichten aus ihrem Gedächtnis kramen: Wie war das damals, als sie mit ihren Eltern und ihren sechs Geschwistern in dem MAN-Stahlhaus wohnte? „Ich hoffe sehr, dass die Erinnerungen wieder wach werden“, sagt sie.

Das Freilandmuseum in dem zu Schwäbisch Hall gehörenden Weiler Wackershofen bietet seinen Besuchern eine Ansammlung von Bauernhöfen, Scheunen, Mühlen, Gast- und Handwerkshäusern. In dieses pittoreske Umfeld wollte das neue Exponat nicht so recht passen, deshalb wird es nun in Randlage präsentiert.

Außenwände wie ein Schiffscontainer

Von Weitem wirkt das MAN-Stahlhaus wie ein gewöhnliches Einfamilienhaus aus der Nachkriegszeit: Sprossenfenster mit Klappläden aus Holz, rotes Satteldach, Gauben im Dachgeschoss. Dass es sich um eine architektonische Rarität handelt, wird erst klar, wenn man erkennt, dass die geriffelten Außenwände an Schiffscontainer erinnern.

Drinnen trennen tapezierte Sperrholzwände die Zimmer. Marielouise Ertle schlendert in ihrem wallenden Gewand und ohne den Hut abzusetzen durch die Räume, öffnet die Tür zum Wintergarten, die Klappe zum Dachboden und die Schubladen von den Einbauschränken. „Vor meinem inneren Auge läuft ein Film ab“, sagt sie. „Soll ich verraten, was ich sehe?“

In der Garage der Fünfziger-Jahre-Großfamilie Ertle parkt ein grüner Ford 12M, im Garten stolzieren Hühner umher. Drinnen: sieben Stühle aus Massivholz um einen Ausziehtisch, eine Glasvitrine, ein Bücherschrank von der Firma Schildknecht, eine Art-déco-Schreibtischlampe, Orientteppiche, ein Treppenläufer, ein Ehebett mit dreiteiligen Matratzen, ein geflochtener Wäschekorb. Über dem beigen Stoffsofa hängt das Gemälde „Blick auf den Feldberg“, süddeutscher Naturalismus, daneben kleine Blumenstillleben, Öl auf Holz.

Trubel im Neun-Personen-Haushalt

Die Hierarchie in der Familie wird vom Geschlecht und vom Alter bestimmt. Hermann Ertle, das Oberhaupt, und Christoph, sein Stammhalter, haben im Erdgeschoss jeweils ein Zimmer für sich. Wer es unaufgefordert betritt, bekommt Ärger. Mutter Elsbeth darf lediglich ein Nähtischchen ihr Eigen nennen. Die Schwestern Marielouise, Susanne, Sybilla und Uta teilen sich im Obergeschoss zwei Stockbetten. Wenn der feinsinnigen Uta der Trubel in dem Neun-Personen-Haushalt zu viel wird, zieht sie sich in eine winzige, fensterlose Kammer unter der Dachschräge zurück. Sie nennt sie „mein Königreich“. Der Platz reicht für eine Kommode, die Puppenstube, einen Kinderstuhl, Bücher und eine nackte Glühbirne an der Wand. Im Sommer ist es im Königreich brütend heiß, im Winter saukalt.

Das Nesthäkchen Tilmann genießt den größten Freiraum: Er tobt durchs Haus, rutscht das Treppengeländer hinunter und klaut Kekse aus dem Küchenschrank. Dem lebhaften Lausebengel kann man einfach nicht böse sein. Und schließlich gibt es noch das Sorgenkind, den geistig behinderten Martin. Der kleine Bub braucht viel Nähe, am liebsten schläft er bei den Eltern in der Besucherritze.

An lauen Abenden nimmt die ganze Familie auf der Terrasse Platz. Zunächst erzählen die Mädchen in ihren weiß-blauen Matrosenkleidern, was sie am Vormittag in der Heidehofschule gelernt haben. Dann wird „Mensch ärgere Dich nicht“ gespielt. Vor dem Schlafengehen bittet der Hausherr seinen Anhang ins Wohnzimmer. Während Hermann energisch die Elfenbeintasten des braunen Schiedmayer-Flügels anschlägt, singen die acht anderen Ertles mehrstimmig im Chor: „In deines Vaters Gärtelein ein Röslein wuchs allda, dass ich mit meinen Äugelein noch nie ein schönres sah.“

Schmerzhafter Abschied von Sillenbuch

Das klingt nach einer besseren Zeit, in der Heranwachsende noch nicht schweigend auf Smartphones starrten und Influencern folgten. „Man neigt dazu, die Vergangenheit zu verklären“, sagt Marielouise Ertle. „Wir haben damals aber auch bittere Stunden erlebt.“

1952 erleidet Hermann Ertle einen Herzinfarkt und verliert infolgedessen seinen Direktorenposten an der Sportschule Ruit. Von nun an muss gespart werden, sogar der Ford wird verkauft. „Plötzlich bekam ich nicht mal eine Brezel für sechs Pfennige gekauft“, erinnert sich Marielouise Ertle. Letztendlich ist die Familie gezwungen, Sillenbuch zu verlassen: Der Vater hat eine Stelle in Westfalen als Leiter eines Christlichen Jugenddorfs gefunden. Bis 1957 wird das Haus in der Oberwiesenstraße 8 an den Lutherischen Weltbund vermietet, für 500 D-Mark monatlich. Dann veräußern die Ertles ihre exotische Immobilie an einen Privatmann.

Normalerweise wäre die Geschichte von der schwäbischen Großfamilie und ihrem MAN-Stahlhaus nun zu Ende erzählt – hätte nicht Michael Happe 2016 das zum Abriss freigegebene Gebäude gerettet. Er wolle es, sagt der Leiter des Hohenloher Freilichtmuseums, „zur Keimzelle für einen Bereich der Nachkriegsarchitektur machen“. Dort, wo das Wohngebäude derzeit einsam auf einer Wiese steht, sollen sich demnächst eine Eisdiele, ein Friseursalon und eine Tankstelle aus den Wirtschaftswunderjahren hinzugesellen. Ziel sei, erklärt Happe, „unseren Besuchern authentische Einblicke in das Leben dieser für unser Land prägenden Zeit zu geben“.

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Weil Kulturgeschichte nicht nur über Objekte, sondern auch von Zeitzeugen vermittelt werden kann, hat Happe Kontakt zu den ersten Bewohnern des MAN-Stahlhauses aufgenommen – den Ertles. Die Eltern Hermann und Elsbeth sind Mitte der achtziger Jahre gestorben, auch das Sorgenkind Martin lebt nicht mehr. Susanne, Jahrgang 40, fuhr einst als Krankenschwester auf einem Missionsschiff um die halbe Welt, ist aber mittlerweile leider dement. Folglich werden nur noch fünf Ertles nach Wackerhofen kommen, wenn das für 600 000 Euro restaurierte MAN-Stahlhaus im Frühjahr 2020 offiziell eröffnet wird. Der emeritierte Pädagogikprofessor Christoph, 83, reist aus Jettenburg an, die pensionierte Lehrerin Uta, 77, aus Karlsruhe, der Hautarzt a. D. Tilman, 71, aus Eislingen und die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin Sibylla, 81, gar aus Brake an der Weser, wo sie ein Seemannsheim leitete.

Bereits im Vorfeld des arrangierten Wiedersehens haben sich die Ertle-Geschwister über ihre Sillenbucher Jahre ausgetauscht. Dabei, erzählt Marielouise, sei deutlich geworden, dass sich die Wahrnehmungen unterscheiden. War es wirklich eine große Bürde, wie Christoph behauptet, als ältester Sohn vom Vater zum Kohlenschippen verdonnert zu sein? Oder war es lästiger, wie die Ertle-Frauen meinen, als Töchter täglich der Mutter beim Abwasch helfen zu müssen? Kehrte der Wehrmachtssoldat Hermann Ertle aus französischer oder russischer Kriegsgefangenschaft heim? „Über solche Fragen geraten wir uns richtig in die Haare“, sagt Marielouise Ertle.

Am späten Nachmittag lässt die 79-Jährige das MAN-Stahlhaus und ihre Kindheit hinter sich. Auf der Heimfahrt erzählt sie, wie es weiterging. Die Zeit in Westfalen: „Ein Graus! Wir waren Protestanten unter lauter Katholiken. Ich schwätzte Schwäbisch, keiner verstand mich.“ Mit 17 verlässt Marielouise das Elternhaus, zieht nach Stuttgart und beginnt eine Lehre im Kunsthaus Schaller in der Marienstraße. 1960 lernt sie bei einem Opernbesuch ihren Mann kennen, bekommt zwei Töchter und einen Sohn. Irgendwann wird ihr bewusst, dass sie kaum auf ihre eigenen Bedürfnisse geachtet hat. Nach 29 Ehejahren sagt sie ihrem Gatten Ade, zieht nach Kalifornien und lebt als Malerin und Musikerin von ihrer Kreativität. Erst mit 77 kehrt sie ins Schwabenland zurück und mietet in Grötzingen ein Apartment. In der Nähe wohnt ihre Tochter Corinna, die als OP-Schwester arbeitet und 30 Kaschmirziegen hält. Aber das ist eine andere Geschichte.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage Video Stuttgart-Sillenbuch