Im Europa-Park Rust gibt es eine gastronomische Weltneuheit. Im neuen Gourmeteventrestaurant Eatrenalin reist man für knapp 200 Euro ins All und feiert den fünften Geschmack. Was aber taugt das Fine-Dining-Konzept? Wir haben es getestet.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

In diesem Lokal sieht es aus wie in einem Film der Zukunft: Die künstliche Intelligenz namens Lina, die virtuelle Gastgeberin, spricht aus dem Off. 16 Teilnehmende stehen vor ihren Fahrgeräten, noch bedeckt mit weißem Stoff. Man denkt an Ethan Hawke und Uma Thurman in dem Film „Attaca“, bevor man in der „Weltneuheit“, den „Floating Chairs“ Platz nimmt und sich in den kommenden Stunden durch Räume gleiten lässt und die Geschmacksnerven gefordert werden. Die große Frage ist natürlich: Passen Fine Dining und Freizeitpark zusammen? Einen Versuch ist es wert. Er kostet 195 Euro für acht Gänge inklusive Getränke und dauert knapp 100 Minuten. Zum Vergleich: für ein Menü mit ähnlich vielen Gängen in Ein-Sterne-Läden muss man meist um die 200 Euro – ohne Getränke – berappen.

Es ist vor allem eine Mischung aus „2001 – Odysee im Weltall“ und einem Computerspiel mit sehr guter Grafik

Unter Restaurant-Testerinnen und -Testern gibt es eine unausgesprochene Regel: Man gibt Lokalen Zeit. Rund vier Wochen sollten ausreichend sein, bis das Team eingespielt ist, die Abläufe sitzen, die Küchenbrigade angekommen ist. Also wurde jetzt ein „Tisch“, also ein Slot, im Eatrenalin gebucht, von dem die Betreiber behaupten, dass es ein „futuristisches Gastronomie-Erlebnis für alle Sinne“ sei. Es ist vor allem eine Mischung aus „2001 – Odysee im Weltall“ und einem Computerspiel mit sehr guter Grafik, gemacht für eine recht spitze Zielgruppe, die Gourmetmenüs und die „Piraten von Batavia“ gleichermaßen mag.

Der Name Eatrenalin kombiniert das englische Wort für essen mit Adrenalin. Überhaupt: hier wird fast ausschließlich Englisch gesprochen, die Kundschaft kommt schließlich von überall her. Das Konzept soll weltweit vermarktet werden. Doch keine Angst vor Adrenalin; anschnallen wie in der Achterbahn Silverstar muss man sich nicht, es ruckelt nur etwas, bevor man auf dem Mond landet.

Große Namen wurden verpflichtet

Kulinarisch aber sieht man schon die Sterne leuchten. Immerhin wurden hier im Eatrenalin beim Europa-Park große Namen verpflichtet: Küchenchef ist Pablo Montoro aus Alicante, der schon mal für das namhafte Restaurant „El Bulli“ gearbeitet hat. Der Niederländer Ties van Oosten ist Sous Chef und konnte bereits im berühmten „Noma“ in Kopenhagen Erfahrungen sammeln. Und dann ist da zudem die Chef-Patissière Juliana Clementz, deren Dessert die wirkliche Krönung ist.

Aber der Reihe nach: Champagner von Laurent Perrier (im Preis inklusive) prickelt im Glas. In der Lounge gibt es erste Amuses: Topinambur und schwarzer Trüffel sind geschmacklich überwältigend. Das ist futuristisches Fingerfood, für das man sich so direkt nach der Ankunft etwas Reinigendes für die Hände gewünscht hätte. Das Süppchen aus roten Linsen und Kokos-Ingwerschaum ist gut, der knusprige Kaviar wurde kurzzeitig vergessen und im Stehen vor dem ersten Raum nachgereicht. Ab jetzt darf nur noch in zwei Räumen fotografiert werden.

Zu den Fakten: 16 Personen werden in einer Charge durch das rund 1600 Quadratmeter große Restaurant gefahren, das von außen eher einer Industriehalle als einem Kulinarik-Tempel gleicht. Die Gäste schweben quasi mit ihren „Floating Chairs“, eine Weltneuheit, die sich der Erfinder aus dem badischen Rust patentieren haben lassen, von Gang zu Gang.

Der schicke Ledersessel fühlt sich an wie in der Businessclass im Flieger. Bequem ja, aber weit weg vom Essenspartner, das ist nichts fürs romantische erste Date. Eine durchchoreografierte Bewegung, die am ehesten an Autoscooter ohne Auffahren erinnert. Alles ist durchgetaktet, nichts dem Zufall überlassen. Wer mal für kleine Piratinnen oder Piraten muss, könnte, wenn es zeitlich ungeschickt ist, gar einen Raum verpassen. Ansonsten fahren oder schweben alle wie von Zauberhand in ihren Sesseln.

Was zu verpassen, wäre wirklich schade. Das hier ist das verrückteste Essenserlebnis überhaupt, das mehr Eventgastronomie ist und weit weg von einem Restaurantbesuch. So floatet man den Haien und Quallen entgegen, vorbei an Korallen und Felsen, bekommt einen Chardonnay 2019 von Robert Mondavi ins Glas, während sich die Schublade im Tisch vor einem öffnet und auf einer Muschel Meeresfrüchte und Plankton mit einer Champagnersoße begossen werden.

Ab in den „Umami“-Raum

Klitzekleine Geschmackspralinen dann im nächsten Raum der Gewürze, in dem man nicht nur „süß“, „sauer“, „bitter“ und „salzig“ auf der Zunge schmeckt, sondern auch mal der Raum danach duftet und man Wind im Nacken spürt.

Der Umami-Raum, einer japanischen Sushi-Bar nachempfunden, ist nicht nur optisch der Höhepunkt. Das Nigiri mit gerösteter Paprika, das Sashimi mit Grapefruit und das Chawanmushu, eine Art japanischer Eierstich mit Steinpilz und Umeboshi, sind sensationell gut.

Schließlich landet man nach einem durchwachsenen Flug im Raumschiff – ein Sonnensturm war schuld – vorbei an der Milchstraße und jeder Menge Weltraumschrott auf dem Mond, hat versilbertes Rinderfilet auf dem Teller und eine schwarze Brioche anbei.

Ein Besuch im Eatrenalin ist etwas komplett anderes als Essen gehen

Zum Abschluss der „intergalactic culinary extravaganza“, wie die virtuelle Freundin Lina das Erlebnis nennt, tritt Patissière Juliana Clementz ganz real vor die Gäste und überzeugt mit einer Kreation aus Meringue und einer Rose geformt aus weißer Schokolade.

Ein Besuch im Eatrenalin ist etwas komplett anderes als Essen gehen. Wer nicht auf Entertainment, sondern nur auf Fine Dining steht, ist hier fehl am Platz. Wer aber Freizeitparks und außergewöhnliches Essen mag, erlebt einen unterhaltsamen Abend. Und am Schluss hat man gar Mitleid mit der KI, dass sie das alles eben nicht schmecken kann.

Info

Eatrenalin
Das Acht-Gänge-Menü mit passender Getränkebegleitung (mit oder ohne Alkohol) kostet 195 Euro pro Person und dauert rund 100 Minuten. Die vegane Version lässt sich vor Ort auch in vegetarisch oder nur mit Fisch umwandeln. Das Champagner Dinner kostet pro Gast 445 Euro, das Sommelier Dinner 645 Euro. Weitere Informationen unter www.eatrenalin.de