Das Zahnradbahn-Gespräch mit Axel Schulz Der glückliche Verlierer

Von  

Der ehemalige Box-Star Axel Schulz spricht in der Zacke in Stuttgart über seine großen Kämpfe gegen George Foreman und Francois Botha, über Lebensfreude, die Stasi und über Currywurst im Glas.

„Ick bin der Axel, jebongt?“  Schulz kommt in der Zahnradbahn   ganz schnell in Fahrt. Foto: Baumann
„Ick bin der Axel, jebongt?“ Schulz kommt in der Zahnradbahn ganz schnell in Fahrt. Foto: Baumann

Stuttgart - Zunächst einmal wird eine ganz klare Regel für dieses Treffen aufgestellt: „So, meen Freund, nur zur Info: den Herrn Schulz jibt es hier nich. Ick bin der Axel, jebongt?“ Jebongt! Das Zahnradbahn-Gespräch mit Axel Schulz, geboren am Rande Berlins, wohnhaft in Frankfurt/Oder, wird ein Erlebnis. Das ist nach spätestens 20 Sekunden klar.

Selten einen so gut gelaunten Menschen erlebt. Axel Schulz grinst eigentlich immer. „Nur direkt nach dem Aufstehen sieht das anders aus“, sagt der 49-Jährige. Diese positive Ausstrahlung hat dazu beigetragen, dass er Mitte der 1990er Jahre zum deutschen Boxliebling wurde. Dass er in dieser Zeit die entscheidenden Titelkämpfe verlor, hat seiner Beliebtheit nicht geschadet. Im Gegenteil: Schulz war der In­begriff des sympathischen Verlierers, der anders als Henry Maske immer den Kontakt zu seinem Publikum suchte. Und das ist ihm bis heute treu geblieben. Was auch daran zu erkennen ist, dass mit Axel Schulz als Gesprächspartner am Ende ein neuer Zacke-Selfie-Rekord aufgestellt wird. 19-mal wird er von Passanten gebeten, in die Handykamera zu lächeln. Was für Axel Schulz die leichteste Übung ist.

Aber jetzt erst einmal rein in die Zahnradbahn, wo der Axel auf dem Weg nach ­Degerloch über die Höhepunkte in seinem Leben spricht. „Ich war bei der Geburt meiner beiden Töchter dabei, das wird durch nichts getoppt.“ Auf den Sport kommt er erst einmal nicht zu sprechen, sondern erzählt, wie zufrieden er mit seinem Leben nach der Karriere ist. Um dies zu dokumentieren, zeigt er immer wieder Fotos. Darauf sind seine Töchter zu sehen, von denen die ältere Schwimmerin ist und zum deutschen Junioren-Nationalteam gehört, seine Frau, das Haus und – was ist das denn? – leer geräumte Supermarktregale. „Das glaubst du nicht“, sagt er, „die Sachen verkaufen sich wie Bolle.“

Axel Schulz spricht jetzt über sein Geschäft, das sich überwiegend rund ums Grillen dreht. Würste, Saucen, Kohle und so weiter. Sein neuester Verkaufshit ist „Axels Currywurst im Glas“, den er so ankündigt. „Einmalig, die musst du auch mal probieren.“

Heiße Ware: Axel Schulz ist dick im Grillgeschäft

So entspannt, wie er über seine Arbeit spricht, scheinen seinen Unternehmungen fast schon ein Selbstläufer zu sein. „Ne, ne, ick muss auch malochen“, sagt er. Mieten kann man Axel Schulz übrigens auch – als Partygriller für eine Gruppe bis 30 Personen. Für einen guten Zweck kommt er auch gratis. Er engagiert sich für eine Kinderkrebsstation und ein Hospiz. Dann reist er in seinem Grillmobil an, einem Geländewagen, dessen Werbeaufschriften noch mit einem überdimensionalen Flammenaufdruck verziert sind . „Meiner Familie ist das Auto so peinlich, dass sie sich weigert, darin mitzufahren“, sagt der ehemalige Schwergewichtsboxer und zeigt noch kurz ein Foto des auffälligen Wagens.

So, aber jetzt mal zum Sport. „Wir sind doch noch gar nicht auf der Talfahrt“, sagt Axel Schulz und lacht mal wieder. In sehr guter Erinnerung ist ihm sein WM-Kampf gegen George Foreman geblieben. Am 22. April 1995 ging er als krasser Außenseiter in das Duell mit der Legende, die er in der letzten Runde mit sauberen Kombinationen ans Kinn schwer ins Wanken brachte. „Mir hat es an der Schlaghärte gefehlt“, sagt Axel Schulz, den die Zuschauer trotzdem vorne gesehen hatten und die pfiffen, als Foreman zum Punktsieger erklärt wurde. „Ich weiß aber auch, dass mir diese Niederlage mehr geholfen hat, als wenn der Kampf unentschieden gewertet worden wäre.“ Axel Schulz hatte sich so einen Namen im internationalen Boxen gemacht, als „weicher Riese“, dem gegen Foreman übel mitgespielt wurde. Bevor kurz vor dem Zahnradbahn-Wendepunkt in Degerloch gleich die Tiefpunkte angesteuert werden, sagt Axel Schulz: „Mein Leben war und ist wunderschön.“

Aber nicht frei von Enttäuschungen. Und das hat auch mit Stuttgart zu tun. Hier bekam er eine weitere WM-Chance gegen den Südafrikaner François Botha. Dieser Kampf endete im Chaos, nachdem Botha nach Punkten gewonnen hatte. Die Zuschauer witterten ein Fehlurteil und warfen Sektgläser und Flaschen in den Ring, was den Boxsport in Deutschland nach einem Höhenflug wieder in Verruf brachte. Und Axel Schulz bekam die Regeln des Geschäfts zu spüren. Eigentlich hätte er nach dem Kampf mit dem Hubschrauber nach Berlin geflogen und dort vom Bürgermeister empfangen werden sollen. Das Programm wurde kurzerhand geändert, und Axel Schulz musste sich selbst um eine Mitfahrgelegenheit kümmern. Freunde nahmen ihn mit nach Hause. „Die Stimmung im Auto war natürlich sehr gedrückt, als mir an einer Raststätte die Leute aber Mut zusprachen, ging es mir besser.“ Er habe da gemerkt, wer in der Niederlage zu ihm steht. Sein damaliges Management meldete sich erst wieder, als herauskam, dass François Botha gedopt war und dem Gegner der Titel aberkannt wird. „Dann waren wieder plötzlich alle da“, sagt Schulz, der mittlerweile wieder gerne nach Stuttgart kommt. Was auch an seinem hier lebenden Freund und Berater Axel Watter liegt, den Schulz „Vati“ nennt. Sein richtiger Vater verließ die Familie, als Axel Schulz sechs Jahre alt war, und meldete sich erst wieder, als sein Sohn ein berühmter Boxer war.

Keine Angst vor den harten Schlägen, dafür vor Niederlagen

Axel Schulz kämpfte noch einmal um die WM, verlor nach einem guten Kampf skandalfrei gegen Michael Moorer. „Ich hatte nie Angst vor harten Schlägen, aber dafür vor den Niederlagen“, sagt er. Es folgte noch ein verlorener EM-Kampf 1999 gegen Wladimir Klitschko und ein Comeback gegen den Amerikaner Brian Minto. Danach war Schluss, weil in der Folge ein Schlaganfall bei ihm diagnostiziert wurde. „Ich wollte nur noch, dass ich es gesund und bei vollem Bewusstsein erlebe, wie meine Kinder groß werden.“ Dieser Wunsch wird durch den tragischen Tod des Boxkollegen Graciano Rocchigiani noch einmal verstärkt. Marienplatz, alle aussteigen.

„Wie geht es jetzt weiter?“, will Axel Schulz wissen. Schließlich habe er noch Zeit. Erst am Abend müsse er in Ludwigshafen sein, um dort für die Aktion „Helden. Retten. Leben“ und die Ausbildung zum Ersthelfer zu werben. Bei dieser Gelegenheit ist an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik einmal ein Oberarzt auf ihn zugekommen, der um ein Autogramm bat. Das musste Axel Schulz dann großflächig auf die Rückenpartie des Arztkittels schreiben. So sei der Doktor dann den ganzen Tag durch die Station gelaufen.

Jetzt aber noch auf ein Spezi und eine Lasagne ins Café Kaiserbau. Dort erzählt Axel Schulz dann noch von seiner Jugendzeit in der DDR, der Sportschule in Frankfurt/Oder. Und dass er irgendwann von der Stasi angeworben wurde. Bevor er darüber spricht, bestellt er noch schnell einen Mohnkirschkuchen. „Mir wurde gesagt, ich dürfe nur mit zur Junioren-EM, wenn ich Informationen über andere Sportler liefern würde. Ich habe zugesagt und denen danach völlig belanglose Sachen erzählt. Die hielten mich dann ganz schnell für ungeeignet, verzichteten auf meine Dienste, und ich hatte meine Ruhe.“

Für die Zahnradbahn-Unterhaltung wiederum war Axel Schulz ein sehr geeigneter Gesprächspartner.