Stargeiger David Garrett „Mein Anspruch ist jedes Mal: höher, schneller, weiter“

Das optimale Verhältnis ist fünfzig Prozent Talent und hundert Prozent Arbeit“, sagt David Garrett Foto: Veranstalter/Christoph Köstlin

David-Garrett-Fans aufgepasst: „2023 wird ein reines Klassik-Jahr“, warnt der Stargeiger im Interview die Fans seiner Crossover-Programme. In diesem Herbst ist er aber noch einmal mit einem Mix aus aus Pop, Rock und Klassik auf Tour und kommt auch nacht Stuttgart.

Das Wunderkind der frühen neunziger Jahre lässt sich nicht festlegen: Mal spielt der Musiker David Garrett auf seiner Geige klassische Werke, mal Rock und Pop. Gute Künstler, so seine Überzeugung, überzeugen das Publikum für das, was sie lieben.

 

Herr Garrett, Ihre Tour hat den Titel „Alive“. Ist das ein Ausdruck von Nach-Corona-Befreiung?

Tatsächlich ist der Titel des Albums und der Tour vor der Pandemie entstanden – weil einfach so viele positive Stücke dabei sind. Er passt aber natürlich super zur Situation nach der Pandemie, denn momentan geht es ja darum, das Leben zu genießen und mal nicht im Bademantel vor dem Fernseher zu sitzen, sondern gemeinsam mit anderen zu feiern. Wir müssen von Tiktok wieder wegkommen und was Richtiges erleben.

Angekündigt wird „die ultimative Cross-over-Musik“. Was wird zu hören sein?

Mein Anspruch ist jedes Mal: höher, schneller, weiter – und ich will eine tolle Zeit mit dem Publikum haben. Zusammen mit meiner Band spiele ich ein abwechslungsreiches Programm mit bekannten Stücken aus Pop, Rock, Klassik, dazwischen erzähle ich, was in meinem Leben in den letzten Jahres Lustiges passiert ist, und sage natürlich auch etwas über die Musik. Wir geben Vollgas und freuen uns wie Bolle auf die Tour.

Cross-over war lange ein sehr negativ besetzter Begriff. Für Sie auch?

Nein. Es geht doch nur darum, ein Publikum für das zu begeistern, was man mag. Das ist die Aufgabe von Künstlern, egal, in welchem Bereich sie tätig sind. In der klassischen Musik war diese Einstellung lange verpönt, aber sie gehört hier ebenso dazu. Ich habe schon so viele Menschen zur klassischen Musik gebracht, und so viele Kinder haben meinetwegen mit dem Geigenspiel begonnen! Da habe ich etwas sehr Schönes erreicht, und ich bin super happy darüber.

Spielen Sie noch klassische Geigenrecitals oder -konzerte?

Ich habe gerade erst für die Deutsche Grammophon das Klassik-Album „Iconic“ aufgenommen, das am 4. November herauskommt – mit Stücken von Vivaldi, Schumann, Elgar und Paganini. Ab März werde ich damit auf Tour sein – 2023 wird ein reines Klassik-Jahr.

Sie besitzen eine Guarneri- und eine Stradivari-Geige. Auf welcher dieser beiden Violinen werden Sie jetzt auf der Tour spielen?

Wahrscheinlich auf der Guarneri. Das ist ein sehr anspruchsvolles Instrument. Wer mich bucht, kriegt erstklassige Ware.

Unterscheiden Sie zwischen ernster und unterhaltender Musik?

Ich unterscheide zwischen guten und schlechten Musikern.

Und was sind gute Musiker? Zum Beispiel bei den Pianisten?

Yundi Li, Lang Lang, Horowitz. Und Arthur Rubinstein, gerade bei den Chopin-Konzerten.

Und bei den Geigern?

Mein Lehrer Itzak Perlman. Es gibt aber auch fabelhafte junge Musiker. Julia Fischer, Hilary Hahn. Maxim Vengerov, Julian Rachlin.

Macht man sich als klassischer Musiker, der auch Rock- und Popnummern spielt, die Spieltechnik kaputt, die Fähigkeit zu feinen Nuancen?

Ach Quatsch. Entweder man arbeitet, oder man arbeitet nicht. Ich arbeite jeden Tag zwei, drei Stunden, um technisch fit zu bleiben. Wenn einer Technik kann, dann ich. Ich habe das ganze Paganini-Repertoire aufgenommen.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Arbeit. Und die Lebenseinstellung, dass man an allem, was man tut, Spaß haben muss. Und dass die kleinste Sache die wichtigste werden kann.

Wie ist das optimale Verhältnis von Talent und Arbeit, wenn man Erfolg haben will?

Ohne Talent geht nichts. Aber viel Talent zu haben ist keine Erfolgsgarantie. Im Gegenteil, viel Talent macht alles am Anfang leicht, und dann neigt man dazu, nicht genug zu arbeiten. Das optimale Verhältnis ist fünfzig Prozent Talent und hundert Prozent Arbeit.

Früher war besonders Ihr Vater Ihr Antreiber. Wer ist es heute?

Ich selbst. Ich bin ein sehr strenger Lehrer. Das hab ich von meinem Papa gelernt. Und es ist wichtig, denn als Künstler muss man sich ständig hinterfragen. Instinkt ist schön, aber der hilft einem nur als Kind. Danach muss der Verstand einsetzen.

Auf der Tour geben Sie von Juli bis Oktober 31 Konzerte. Wie schaffen Sie es, jedes Konzert wieder wie eine Premiere zu betrachten?

Es ist für mich jedes Mal eine Premiere! Das Publikum in Bremen ist ja nicht dasselbe wie das in Dortmund. Und jeden Moment auf der Bühne kreiert man für das Publikum neu. Es bringt keinem etwas, wenn ich den Leuten in Hamburg sage, gestern Abend in Berlin war ich super. Mein Anspruch ist immer: Heute Abend spiele ich das beste Konzert meines Lebens.

Sagen Sie sich das vor dem Konzert als Mantra?

Nein. Ich bin kein Fan von Mantren oder Ritualen. Das Leben ist so komplex, dass man es nicht mit Sprüchen und Schubladen einfangen kann. Wichtig ist eine gute Vorbereitung – und danach das Loslassen im Moment. Man kann ein Publikum nur in den Bann ziehen, wenn man selbst in sich ruht.

Was ist ein gutes Konzert?

Die offizielle Antwort: wenn das Publikum begeistert ist. Die inoffizielle: wenn ich von der Bühne gehe und mir sage, hey, heute habe ich wirklich gut gespielt. Meistens geht beides aber Hand in Hand.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich würde gern da bleiben, wo ich jetzt bin. Es gibt doch nichts Schöneres, als das zu tun, was man liebt. Das kann auch gerne noch länger dauern als nur zehn Jahre.

David Garrett: Tour und Album

Leben
David Garrett wurde 1980 in Aachen als Sohn eines deutschen Juristen und einer US-amerikanischen Tänzerin geboren. Früh gewann er Preise, mit zwölf Jahren hatte er schon einen Plattenvertrag. Er studierte an der New Yorker Juilliard School. Seit 2006 verwirklicht er zunehmend Cross-over-Projekte. 2013 spielte er im Film „Der Teufelsgeiger“ die Titelfigur Niccolò Paganini.

Klassik
Am 22. November erscheint David Garretts neues Album: „Iconic“ ist ein Tribut an die großen Geiger des vergangenen Jahrhunderts. Es enthält Musik von Bach, Dvorak, Gluck, Kreisler, Mendelssohn und Schumann in Bearbeitungen für Violine, Gitarre und Orchester. Mit dabei sind David Garretts ehemaliger Lehrer Itzhak Perlman, der Tenor Andrea Bocelli und der Trompeter Till Brönner.

Musikdoku
 In der Arte-Mediathek ist der Dokumentarfilm „David Garrett – Ein Weltstar privat“ abrufbar.

Konzerte
Zurzeit ist Garrett mit dem „Alive“-Programm auf Tournee. Einen Mitschnitt des Auftritts am 25. Juli in den Caracalla-Thermen in Rom zeigt das ZDF an diesem Freitag um 22.30 Uhr. Am 23. September gastiert Garrett in der Stuttgarter Schleyer-Halle. Karten unter www.eventim.de.

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