Debatte Experten: Schweigepflicht nicht antasten

Kerzen und Blumen am Düsseldorfer Flughafen erinnern am Dienstag an die 150 Toten der Flugzeugkatastrophe. Foto: AP 20 Bilder
Kerzen und Blumen am Düsseldorfer Flughafen erinnern am Dienstag an die 150 Toten der Flugzeugkatastrophe. Foto: AP

Patienten müssen ihrem Arzt vertrauen können, mahnen Verbände. Schon jetzt kann es sein, dass Menschen vor einer psychologischen Therapie zurückschrecken, weil sie noch eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen wollen.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart - Die Fachverbände lehnen den Vorschlag, die ärztliche Schweigepflicht zu lockern, einhellig ab. Nicht nur die Pilotenvereinigung Cockpit, sondern auch die Bundesärztekammer, der Hartmannbund, die Bundespsychotherapeutenkammer und die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung haben sich dagegen ausgesprochen. Sie alle verweisen auf den Schaden, den das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient nähme: Wenn der Patient befürchten muss, dass der Arzt seinen Arbeitgeber oder andere über die psychische Erkrankung informiert, wird er sich eher bedeckt halten oder gar nicht erst einen Arzt aufsuchen.

Schon jetzt kann es sein, dass Menschen vor einer psychologischen Therapie zurückschrecken, weil sie noch eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen wollen. Die Stiftung Warentest und andere Ratgeber kündigen unumwunden an, dass es Menschen, die bereits wegen einer Depression behandelt wurden, schwer haben, eine günstige und alle Risiken umfassende oder überhaupt eine Versicherung zu erhalten. Die Versicherungsunternehmen fragen alle Arztbesuche der vergangenen fünf bis zehn Jahre ab und fordern, dass die Antragsteller ihre Ärzte von der Schweigepflicht entbinden.

Besonders deutlich wird die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin: Der Präsident der Gesellschaft, Hans Drexler, von der Universität Erlangen warnt davor, dass sich „mit Gewissheit eine geringere Sicherheit für die Unversehrtheit von Dritten“ ergebe, wenn sich der Patient nicht mehr auf die Verschwiegenheit des Arztes verlassen könne. Denn es sei illusorisch zu hoffen, dass ein Arzt eine seelische Erkrankung zuverlässig diagnostizieren kann, wenn der Patient nicht mitwirkt.

Ähnlich hat sich der langjährige Lufthansa-Psychologe Reiner Kemmler im Magazin „Stern“ geäußert: Auf psychologische Tests könne man sich vorbereiten „und sie auf diese Weise unterlaufen – gerade intelligente Menschen wie Piloten“.

Sind depressive Menschen eher zur Gewalt bereit?

Die Verbände sorgen sich vielmehr, dass die Diskussion über die Erkrankungen des Co-Piloten der zerschellten Germanwings-Maschine dazu beitragen könnte, psychisch kranke Menschen einzuschüchtern. „Hier wird suggeriert, dass Menschen mit einem psychischem Leiden automatisch mit einer Gefährdung verbunden sind“, sagt Ulrich Krüger, Geschäftsführer der Aktion Psychisch Kranke, der Deutschen Presseagentur.

Und Thomas Müller-Rörich, Vorsitzender der Deutschen Depressionsliga, schreibt in einer Stellungnahme, dass erwiesen sei, „dass psychisch erkrankte Menschen nicht häufiger zu Gewalttaten neigen als die nicht psychisch erkrankten“.

Dieser Aussage widerspricht der Psychiater Seena Fazel von der Universität Oxford, der kürzlich mit Kollegen im Fachmagazin „Lancet Psychiatry“ eine umfassende Studie zum Gewaltpotenzial depressiver Menschen veröffentlicht hat. Darin ist von einem dreifach erhöhtem Risiko im Vergleich mit gesunden Menschen die Rede. Auf Nachfrage des Online-Portals „Live Science“ schränkt Fazel allerdings ein, dass die absolute Zahl der Gewalttaten auch bei depressiven Menschen sehr klein sei. Seine Studie erkläre auch nicht, warum ein Mensch ein Linienflugzeug abstürzen lasse.

Der Arzt Ulrich Hegerl von der Universität Leipzig hält es ebenfalls für unwahrscheinlich, dass eine Depression der Auslöser für das Flugzeugunglück war. Es gebe zwar Fälle, in denen psychisch Erkrankte ihre Angehörigen mit in den Tod nehmen, schreibt der Vorsitzende der Deutschen Depressionshilfe in einer Stellungnahme. Diese Taten werden als erweiterter Suizid bezeichnet. Dass Fremde getötet würden, passe aber „eher nicht zu einem erweiterten Suizid im Rahmen einer Depression“. Hegerl tippt vielmehr auf eine Psychose, bei der die Realität nicht mehr richtig wahrgenommen wird – eine Vermutung, die auch Florian Holsboer, langjähriger Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, geäußert hat.




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