Debatte um das neue Waldsterben Jetzt stehen die Förster in der Kritik

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Am Mittwoch kommt es in Berlin zum politischen Waldgipfel. Auch im Südwesten wird in der Branche seit Wochen diskutiert, und zwar mittlerweile sehr emotional. Die Förster hätten versagt, behaupten manche – diese wehren sich vehement.

Auch im Schwarzwald, wie hier am Schauinsland, sind die Baumschäden nicht mehr zu übersehen. Foto: dpa/Patrick Seeger
Auch im Schwarzwald, wie hier am Schauinsland, sind die Baumschäden nicht mehr zu übersehen. Foto: dpa/Patrick Seeger

Stuttgart - In der Debatte über ein drohendes Waldsterben hat sich in den vergangenen Wochen der Wind gedreht: Manche halten nicht mehr nur den Klimawandel für die Ursache, sondern mittlerweile sehen sich die Förster selbst der Kritik ausgesetzt – ihnen wird vorgeworfen, zu wenig ökologisch und zu stark ökonomisch zu denken. Einer der Wortführer dieser Debatte ist der bekannte Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben, der die deutschen Wälder als „Plantagen“ und „Holzäcker“ bezeichnet, so weit seien sie von einem naturnahen Zustand entfernt. Vor Kurzem schrieb er in der „Welt“: „Mit Waldpflege ist ja eigentlich Holzernte gemeint. Das ist so ähnlich, als würde ein Metzger behaupten, er wäre Tierpfleger. Förstern nimmt man das bis heute ab.“

Daneben hat sich der Biologe Pierre Ibisch, Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, einen Namen gemacht als Verfechter einer neuen Forstwirtschaft. Er plädiert, verkürzt gesagt, für einen Wald, bei dem die Kronen geschlossen sind und viel Unterholz und auch Totholz vorhanden ist. So bleibe es im Wald kühl, und das vorhandene Wasser verdunste weniger – damit könne sich der Wald am besten vor dem Klimawandel schützen. In den heutigen Wäldern aber, kritisiert Ibisch, werde der Boden mit mächtigen Rückemaschinen verdichtet, es würden immer mehr Wege für die Holzernte und Windräder gebaut, und es gebe immer noch zu viele anfällige Monokulturen.

Der Südwesten ist spitze bei den naturnahen Wäldern

In Baden-Württemberg, so räumt Ibisch ein, hätten zwar Stürme wie Lothar schon früher als in anderen Bundesländern einiges Nach- und Umdenken ausgelöst. Tatsächlich ist der Anteil naturnaher, also auch gemischter Wälder laut der letzten Bundeswaldinventur im Südwesten am höchsten. Allerdings benötige auch Baden-Württemberg eine ganzheitlichere Betrachtung der Wälder, fordert Ibisch. Und auch er geht mit den Förstern hart ins Gericht. „Vor wenigen Jahren noch tönten sehr viele Forstakteure, dem Wald gehe es so gut wie lange nicht“ sagte er unserer Zeitung: „Warnungen vor Risiken wollte man nicht hören. Warum sollten wir jetzt davon ausgehen, dass genau diese Akteure wissen, welche Notfallaktion erforderlich ist?“

Bastian Kaiser, Rektor der Hochschule für Forstwissenschaften in Rottenburg am Neckar, spürt den Gegenwind auch. Manche Kritik, wie etwa an zu starken Wegeschäden bei der Holzernte, sei berechtigt. Doch auch in der Forstwissenschaft gebe es verschiedene Meinungen. Ein dichterer Wald diene zwar der Wasserspeicherung – dafür würden viele Tier- und Pflanzenarten, etwa das Auerhuhn oder Orchideen, verschwinden, weil sie offene Wälder benötigten. Sogar Johannes Enssle, der Chef des Nabu Baden-Württemberg, räumt den Zielkonflikt ein. Das Forstministerium in Stuttgart ist sogar der Ansicht, dass in trockenen Gegenden von Natur aus lichte Wälder entstehen: „Man denke nur an die mediterranen Eichen- oder Pinienwälder“, sagt Sprecher Jürgen Wippel. Er sieht die Förster im Südwesten gut aufgestellt und sagt selbstbewusst: „Die Waldvision, wie sie von Naturschutzverbänden gefordert wird, ist bei uns schon weitestgehend Realität.“ Das Ministerium will in den nächsten sechs Monaten einen Masterplan zur klimagerechten Weiterentwicklung der Wälder erarbeiten.

Förster schreibt Wohlleben einen offenen Brief

Insofern sei ihm die Kritik zu plakativ und zu einseitig, sagt Bastian Kaiser. Schon seit den 1980er Jahren finde in Baden-Württemberg ein massiver Waldumbau statt; mittlerweile machten Laubbäume die Hälfte aus. Vor allem über Peter Wohlleben, der selbst in Rottenburg studiert hat, ärgern sich viele Förster immens. Der Förster Gerhard Neth aus Rottenburg hat Wohlleben deshalb einen offenen Brief geschrieben. „Förster-Bashing“ bringe niemanden weiter, schreibt Neth, und es sei auch schlicht falsch: „Biodiversität spielt in unserem Handeln eine große Rolle.“ Neth hat Wohlleben nach Rottenburg eingeladen –bisher habe er keine Antwort erhalten.

Der Nabu positioniert sich in der Debatte zwischen den Extremen. Es sei nicht möglich, in einer Generation so naturnahe Wälder zu schaffen, wie Wohlleben und Ibisch es sich vorstellten, sagt Johannes Enssle. Er fordert eine detaillierte Analyse der neuen Waldschäden: „Bisher wurde nur gesagt, wie viele Buchen und Tannen absterben – aber wir müssen wissen, auf welchem Boden diese Bäume stehen, in welcher Höhe und wie alt sie sind.“ Außerdem müsse mehr über Genetik geforscht werden: Welche der zigtausend Schösslinge überleben heiße Sommer und warum?

Mehrere Konzepte sind mittlerweile auf dem Markt

Neben der emotionalen gibt es also längst auch die viel wichtigere inhaltliche Debatte. So hat der Deutsche Verband der Forstlichen Versuchsanstalten ein Positionspapier vorgelegt. Mehrere Naturschutzverbände, darunter Greenpeace, wollen zum Waldgipfel am Mittwoch ein Konzept herausgeben. Auch von der Initiative Faun von Forstleuten, Naturschützern und Wissenschaftlern gibt es einen Vorschlag. In überraschend vielen Punkten ist man sich einig: Die Jagd müsse verstärkt werden, damit Rehe nicht mehr so viele junge Bäume wegfressen. Der Waldumbau, vorrangig durch Naturverjüngung, müsse intensiviert werden. Und der Wald müsse mehr Wasser speichern können.

Kontrovers diskutiert wird über die Frage, wie dominant die Ökonomie sein darf. Naturschützer plädieren für mehr Naturnähe, betonen aber, dass die Waldbesitzer einen finanziellen Ausgleich bekommen sollten. Andere, wie Bastian Kaiser, verteidigen die Nutzung: Es sei besser, wenn das Holz für Dachstuhl und Gartenzaun von hier komme statt aus Russland; und es liege in der Natur des Menschen, dass er mit seiner Arbeit etwas verdienen wolle – man dürfe Waldbesitzer nicht über Gebühr belasten.

Johannes Enssle ist in der Debatte der Einzige, der gewisse Selbstzweifel frei äußert. „Ich bin schon ein wenig ratlos, welche Position wir einnehmen sollen“, sagt er: „Denn wenn das bisherige Waldsterben nur die Vorwehen sind, dann droht viel Schlimmeres – da brauchen wir über viele Details nicht mehr zu diskutieren.“

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