Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine wirbelt die jahrzehntelange Haltung in der Friedenspolitik vieler katholischer Christen durcheinander. Friedenssehnsucht schließt angesichts der Weltlage aber die Forderung nach militärischer Unterstützung heute nicht mehr aus.

Lokales: Mathias Bury (ury)

Jahrzehntelang waren Katholische Kirchentage ein Hochamt der Friedenspolitik, ein überzeugtes Plädoyer für Frieden schaffen ohne Waffen als einzige Lösung. Der Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine hat diese Gewissheit zunichtegemacht. Einer der Augenblicke, die dies deutlich machten, war am Freitag die Friedenskundgebung „Leben teilen heißt Trauer und Hoffnung teilen“ im Schlossgarten.

Auf der Bühne schilderte Inna Wjzelewa ihre Flucht aus dem durch russische Gräuel bekannt gewordenen Butscha. Dort hatte sie in einem Supermarkt mit ihrer 14 Jahre alten Tochter Sofia im Keller ausgeharrt. Dann verhüllte sie ihre Tochter, dass die russischen Soldaten sie nicht als junges Mädchen erkennen konnten, und wagte die Flucht, in der Hoffnung, dass ihnen die Soldateska nicht in den Rücken schießen würde.

Schilderung des Grauens von Butscha

Alle hätten den Wunsch nach Frieden, sagte Inna Wjzelewa. In Butscha aber hätte man „Tote und Vergewaltigte vermeiden können“, betonte sie, „doch wir hatten keine Waffen“. Und sie fügte dem wie einige andere Ukrainerinnen mit Protesttafeln vor der Kirchentags-Bühne die Forderung nach der Lieferung auch von schweren Waffen in ihr Land hinzu. Ihr Wunsch sei, dass künftig kein Kind mehr wie ihre Tochter in einem Krieg „zwischen Leichen laufen muss“.

Irme Stetter-Karp, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, machte in ihrer Ansprache deutlich, dass dieser Krieg auch Christen dazu zwinge, über die bisherige „Friedensethik neu nachzudenken“. Stetter-Karp war nicht die Einzige unter den laut Polizei rund 1500 Kundgebungsteilnehmern, die bei der „Trauer über die vielen Toten und Verunglückten“ in der Ukraine mit den Tränen kämpfte und der die Stimme stockte. Ihre Solidarität bezeugten viele der Anwesenden damit, dass sie neben dem roten Kirchentagsschal die ukrainischen Nationalfarben trugen.

Der erzwungene Haltungswechsel schmerzt

„Der Kirchentag ist blau-gelb geworden“, befand Andreas Greve, der mit seiner Frau Andrea aus dem westfälischen Ahlen angereist war. Der 59-Jährige, der die ukrainische Nationalflagge als Stirnband trug, gab zu, dass ihm der Haltungswechsel „emotionale Probleme“ bereite. Doch da Wladimir Putin „die Ausrottung einer ganzen Kultur“ betreibe, sieht auch Andreas Greve keine andere Möglichkeit, als diesem „gegenzuhalten“. Doch er gab zu: „Mir tut das weh.“

Wie die Lage im Süden der Ukraine ist, schilderte Stanislaw Schyrokoradjuk, der katholische Bischof von Odessa, bei einem Einspieler per Videoleinwand. Man erlebe angesichts von Raketenbeschuss und Bombendetonationen „Tag und Nacht Fliegeralarm“.

Frieden schaffen durch mehr Waffen?

Das Thema Friedenspolitik war auch Gegenstand einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bedrohter Friede – bedrohte Freiheit“ am Vormittag im Haus der Wirtschaft. Der frühere Außenminister der Ukraine, Pavlov Klimkin, erklärte, man dürfe in Deutschland „den Pazifismus nicht falsch verstehen“. Auch wenn man für das Leben und gegen Krieg sei, müssen man feststellen, dass in der Ukraine derzeit „Waffen das Leben retten“. Auch Andrij Waskowycz, der Beauftragte für humanitäre Hilfe beim Weltkongress der Ukrainer und langjähriger Chef der Caritas Ukraine, sagte, die aktuelle humanitäre Krise durch die große Grausamkeit der Kriegsführung dort sei „leider nur mit Waffen zu beseitigen“. Angesichts einer hybriden Kriegsführung Russlands, das auch Energielieferungen, die Ernährungssicherheit sowie Migration als Waffe gegen den Westen einsetze, warnte er davor, die Ukraine „zu Kompromissen zu drängen, weil der Krieg für andere Länder unbequem ist“.

Die frühere Europaabgeordnete der Grünen, Rebecca Harms, sieht diese Gefahr etwa durch den jüngsten Verhandlungsvorschlag Italiens. „Der Westen hält den Krieg nicht aus“, deshalb wollten viele Länder „keine Verantwortung für härtere, aber bessere Lösungen übernehmen“. Dass jetzt wieder auf das Minsker Abkommen verwiesen würde, das nicht einmal einen Waffenstillstand gebracht habe, zeige, dass viele das Vorgehen des Diktators Putin noch immer nicht verstanden hätten. Ein „Appeasement-Kurs“ mit zu frühen Kompromissen mit Putin werde allenfalls dazu führen, „dass es einige Jahre später dann wieder weitergeht“, so Harms.

An Versöhnung ist derzeit nicht zu denken

Bischof Bohdan Dzyurakh, der Apostolische Exarch der katholischen Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, der im Schlossgarten mit Bischof Gebhard Fürst das Friedensgebet sprach, betonte zuvor in der Debatte, dass die Kirchen auch „zur Versöhnung“ zwischen der Ukraine und Russland beitragen müssen. Pavlov Klimkin aber machte klar, dass dies mit einem „putinistischen Russland“ nicht vorstellbar sei.