Defensive Architektur in Stuttgart Wenn die Stadt absichtlich ungemütlich gemacht wird

Maximilian Sinn auf seinen Betonblöcken. Foto: Carina Kriebernig

Spikes, Metallzinken, Betonklötze und viel zu kleine Wartebänke: In Stuttgart wird mit defensiver Architektur ein großer Aufwand betrieben, um gewisse Menschengruppen von manchen Orten fernzuhalten. [Plus-Archiv]

Ein sonniger Morgen am Stuttgarter Hauptbahnhof: Menschen strömen aus den S-Bahn-Aufgängen, stellen sich wahlweise für gebutterte Brezeln oder den gerade einfahrenden 42er an. Nicht nur während der Wasen-Zeit ist der Boden hier verklebt und mit Kaugummis, Resten der letzten Nacht und Zigarettenstummeln übersät. Ein urbaner Ort des Kommens und Gehens, wie er überall in Deutschland zu finden ist. Wer sich um den Bahnhof länger aufhalten will, tut das in den meisten Fällen, weil er keine andere Wahl hat. Denn bequem geht es hier nicht zu.

 

Defensive Architektur gibt es überall

Spikes, Betonklötze, Stacheln, Eisenzinken, klassische Musik in Dauerschleife und Wartebänke, die so eng bemessen sind, dass man sich nicht darauf legen kann: In Stuttgart wird ein großer Aufwand betrieben, um gewisse Gruppen von Menschen von bestimmten Orten fernzuhalten. Dabei ist es nicht nur der Bereich um den Bahnhof, der absichtlich ungemütlich gemacht wird. Ob von Firmen, der Bahn, Hausverwaltungen oder Privatleuten: Die Maßnahmen, die auch defensive Architektur genannt werden, findet man bei genauerer Betrachtung in der gesamten Stadt, ja sogar im gutbürgerlichen Heusteigviertel.

Defensive Architektur wird von Städteplaner:innen, Politiker:innen und Kriminalist:innen bereits seit langem bewusst eingesetzt, um für natürliche Überwachung und Ordnung im urbanen Geflecht zu sorgen. Seien es Georges-Eugène Haussmanns breite Pariser Boulevards, die im Auftrag von Napoleon III blutige Aufstände vorbeugen sollten oder die Defensible Space Theory des amerikanischen Architekten Oscar Newman, um die New Yorker Kriminalitätsrate der 1970er Jahre zu senken - die Maßnahmen tragen dabei oft Siegel und sind von offizieller Stelle konzeptualisiert. Auch in Baden-Württemberg gibt es die sogenannte situative Kriminalprävention seit den 1990er Jahren.

Wem gehört die Stadt überhaupt?

Wer darf sich den öffentlichen Raum aneignen? Wie fühlen sich junge Frauen wohl? Darf man hier vormittags Bier trinken? Was tun, wenn ich mich hinsetzen und mal nichts konsumieren möchte? Muss man die Jugendlichen auf ihren Skateboards aus der Stadt verjagen und ihnen eigene Areale zuweisen? Und wem gehört die Stadt überhaupt? Orte, die bestimmte Gruppen von vornherein ausschließen, ihnen den Platz verwehren und sich feindselig anfühlen, sind so normal geworden, dass sie kaum noch auffallen oder sie sind so subtil angelegt, dass man einen geübten Blick braucht, um sie zu entdecken. Einer, der diesen Blick mit vielen anderen teilt, ist der Stuttgarter Maximilian Sinn. Der 24-jährige Architekturstudent betreibt den Instagram-Accoount "Defensive Germany".

60 Stahlwinkel gegen das Sitzfleisch

Im Zuge eines studentischen Entwurfs an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung und dem Institut für Darstellen und Gestalten kam er auf das Thema und wurde zugleich selbst aktiv. Wir treffen uns am ehemaligen Bankhaus Bauer in der Lautenschlager Straße in Sichtweite zum Bahnhof. Dort sind entlang der gesamten Straßenfront 60 Stahlwinkel angebracht. "Der Abstand beträgt 20 Zentimeter - genau so viel, dass man unter keinen Umständen sitzen kann", erklärt Maximilian. Aus Beton goss er zwei Formen mit Aussparungen für die Winkel und setzte die 40 Kilogramm schweren Klötze auf den Mauervorsprung, der in seiner ursprünglichen Funktionsweise eigentlich die perfekte Höhe für eine Sitzgelegenheit hat. Die zwei Sitzklötze hat er extra für unser Treffen angeliefert, denn seine Prototypen wurden bereits nach kurzer Zeit entfernt.

Läuft man mit ihm durch die Stadt und übt seinen Blick, fallen einem im Minutentakt Interventionen auf, die feindlich sind: Ganze Häuserfronten, die in Sitzhöhe gezinkt sind, obwohl man sich dort kaum hinsetzen könnte, abgeschrägte Flächen mit Betonwürfeln sowie Stahlwinkel und Stacheln auf Heizkörpern sorgen für eine nicht vorhandene Aufenhaltsqualiät. Dabei trifft es längst nicht nur marginalsiierte Gruppen, wie Obdachlose. Kleine und abgetrennte Sitzbänke und mit Zinken versehene Fensterbänke richten sich auch gegen Jugendliche, Kinder, Senioren und Familien.

Mit Beton zugekleistert

Aktivist:innen gehen weltweit gegen diese Maßnahmen vor: Manche übergießen Spikes mit Beton, andere legen Schaumstoff über die Zacken und auch in Stuttgart kam es im Januar 2022 zu einer Aktion: Aktivist:innen spachtelten einen Lautsprecher in einem der unterirdischen Gänge am Stuttgarter Hauptbahnhof zu. Der Hauptkritikpunkt der dem linken Spektrum zuzuordnenden Aktivist:innen: Während in der Stadt teilweise Leerstand herrsche, würde hier mit klassischer Musik in Dauerschleife versucht, Menschen am Übernachten in solchen Gängen zu hindern. Auf der Suche nach den Geschädigten kam es zu einer skurrilen Wendung, denn weder die SSB noch die Stadt oder die Mietervereinigung der Klett-Passage konnten die Lautsprecher zuordnen und erklärten, man habe mit den beschädigten Stellen nichts zu tun.

Weiter durch die Stadt: Wir laufen über die Königstraße in Richtung Rotebühlplatz, wo ein beliebter Funktionskleidungsausstatter gleich seine gesamte Ladenfront mit gezackten Metallbändern verziert hat. Weiter geht es Richtung VHS, wo sich auch ein defensives Beispiel im Eingangsbereich finden lässt: Auf den Heizkörpern befinden sich zig Metall-Spitzen, die in ihrer Formensprache an eine Gebirgsformation aus einen Comic erinnern. An der Kreuzung zwischen Kronprinzstraße und Alte Poststraße kommt schon die nächste Maßnahme. Hier wurden kreisrunde Stopper installiert, die wohl das Skateboarden verhindern sollen.

"Die Probleme werden nur verlagert"

Auch Maximilian war als Jugendlicher selbst betroffen und wurde mit seinem BMX von defensiver Architektur ausgebremst. Der 24-Jährige hat den Grundfehler der Maßnahmen entdeckt: "Verjagt man eine Gruppe, findet sie einen neuen Platz - im Prinzip werden die Probleme nur verlagert", sagt er. Mittlerweile ist er auch im Austausch mit anderen Accounts und vernetzt sich mit Menschen aus den Niederlanden, Boston, Toronto, Chile und Großbritannien. Mit seinem Instagram-Acccount will Maximilian auch Aufklärungsarbeit leisten, was ihm bereits gelungen ist. "Ich habe nicht nur meinen Blick verändert, sondern auch den meiner Kommiliton:innen. Auch sie laufen jetzt anders durch die Stadt."

[Plus-Archiv: Dieser Text erschien erstmals am 16.10.2022]

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