Denkmalschutz in Stuttgart Das historische Erbe der Stadt verblasst

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Viele Bürger sind verärgert über den Verlust alter Bausubstanz in Stuttgart. Unterm Strich steigt die Zahl der denkmalgeschützten Häuser aber.

Der Historiker Harald Schukraft geht mit der Stadt Stuttgartin Sachen Denkmalschutz hart ins Gericht Foto: Archiv 9 Bilder
Der Historiker Harald Schukraft geht mit der Stadt Stuttgartin Sachen Denkmalschutz hart ins Gericht Foto: Archiv

Stuttgart - Die meisten Stuttgarter lieben ihre Stadt; dieses Ergebnis steht am Ende jeder Bürgerumfrage. Aber schön finden viele Einwohner ihr Stuttgart höchstens wegen der Lage, nicht aber wegen des Stadtbilds – manchmal hat man eher den Eindruck, es ist die fast etwas trotzige Liebe zu einem hässlichen Entlein. Zu viele alte Gebäude sind im Krieg vernichtet worden, zu viele alte Häuser sind aber auch mit Absicht später abgerissen worden. Und das erbost die Menschen, denn sie haben den Eindruck, ihr Stuttgart werde immer gesichts- und seelenloser. Nachdem jetzt bekannt geworden ist, dass ein vielleicht 550 Jahre altes Wengerterhaus im Hospitalviertel bald verschwinden wird (die StZ berichtete), haben sich viele Historiker und Architekten zu Wort gemeldet. Ihre Kritik ist manchmal vernichtend.

Der Architekt Roland Ostertag, der sich seit Jahrzehnten für ein lebenswertes Stuttgart einsetzt, spricht sogar von einem „Abrissfuror“, der in Stuttgart krasser wüte als in anderen Städten. Hier sei der „Wille und das Wissen“ nicht da, das Alte zu erhalten oder in Neues zu integrieren. „Alle Menschen haben die Sehnsucht, in einer Umwelt zu leben, die mit ihnen spricht. Das geht verloren, wenn man die alten Schichten abreißt“, sagt Ostertag.

Neidischer Blick nach Frankfurt

Der Historiker Harald Schukraft ist ähnlicher Ansicht. In Frankfurt werde beispielsweise gerade ein altes Viertel in der Innenstadt mit den originalen Straßenzügen rekonstruiert; acht Fachwerkhäuser entstehen im sogenannten Dom-Römer-Projekt nach alten Plänen wieder. „Stuttgart dagegen ist verblendet“, so Schukraft. Rolf Zielfleisch, der um den Erhalt alter Luftschutzstollen kämpft, sieht ein allgemeines Defizit in Sachen Geschichte in der Landeshauptstadt. Es sei symptomatisch, dass so spät ein Stadtmuseum eingerichtet werde, sagt er; und auch die historische Forschung hänge oft stark an Privatleuten: „Es gibt in Stuttgart riesige Defizite.“

Tatsächlich ist die Zahl der verlorenen historischen Schätze groß, wenn man die Jahrzehnte Revue passieren lässt. Es sei nur erinnert an das Kronprinzenpalais, das Alte Steinhaus aus dem Jahr 1350 oder den Schocken-Bau – in jüngster Zeit sind die Bürgerhäuser an der Neckarstraße und die Flügel des Hauptbahnhofes hinzugekommen (siehe oben). Beim Durchblättern der Denkmalliste für die Stadtmitte kommt man auf gerade noch 43 Häuser aus der Zeit vor 1800. Oft sind es übrigens die Bürger, die mit ihrem Protest den Abriss noch verhindern – siehe Neues Schloss, Bosch-Areal oder Hotel Silber.

Die Denkmalliste wird länger

Allerdings: so richtig an Zahlen lässt sich der fortwährende Verlust historischer Gebäude nicht festmachen. Ellen Pietrus, die Leiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde in Stuttgart, betont zwar, dass immer wieder Häuser aus der Liste herausgenommen werden, weil die originale Bausubstanz verschwunden sei. Unterm Strich aber wachse die Liste durch jüngere Gebäude: Derzeit stehen in der Innenstadt 750 Objekte darin, stadtweit sind es 6000.

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