Der Fall Wulff Viele Widersprüche und Ungereimtheiten

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Im Februar 2012 ist Christian Wulff nach 568 Tagen im Amt als Bundespräsident zurückgetreten. Eine Chronik.

Christian Wulff war 568 Tage Bundespräsident. Foto: dpa
Christian Wulff war 568 Tage Bundespräsident. Foto: dpa

Berlin - Die Reise Der Anfang vom Ende der Ära Wulff beginnt am 531. Tag seiner Amtszeit. Es ist Mitte Dezember 2011. Schloss Bellevue steht leer. Bundespräsident Christian Wulff und seine Gattin Bettina befinden sich gerade im Ausland. Es hätte eine wunderbare Reise werden können, fernab des deutschen Adventstrubels. Die Wulffs bereisen die Heimat der Märchen von Tausendundeiner Nacht: Oman, die Arabischen Emirate, Katar, Kuwait. Da ereilt den Präsidenten eine Mail aus Berlin: Das Boulevardblatt „Bild“ will wissen, wie die Wulffs ihr Privatdomizil in der niedersächsischen Kleinstadt Großburgwedel finanziert haben. Die Recherche löst eine Lawine weiterer Nachfragen aus. Der Hauskredit Sie hat eine Vorgeschichte. Am 1. Oktober 2008 hatte Wulff das Haus gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau gekauft. Er bezahlte dafür 415 000 Euro – mit fremdem Geld, wie sich herausstellt. Seit Februar 2009 fahnden Reporter nach den Geldgebern, die das Eigenheim der Wulffs finanziert haben. Der „Spiegel“ erwirkt im August 2011 vor dem Bundesgerichtshof das Recht auf Einblick ins Grundbuch. So kommt ans Licht, dass Wulff das Geld für seinen Klinkerbau in Großburgwedel von einem befreundeten Paar ausgeliehen hatte: dem Geschäftsmann Egon Geerkens und dessen Frau. Vor dem niedersächsischen Landtag hatte er in seiner Zeit als Ministerpräsident noch bestritten, „geschäftliche Beziehungen“ zu ­Geerkens zu unterhalten. Die Mailbox-Drohung „Bild“ will es genauer wissen. Wulff lässt die Reporter zunächst vertrösten, will sich dann an höchster Stelle beschweren. Er ruft noch aus Arabien bei Chefredakteur Kai Diekmann an, später auch bei Matthias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden des Springer-Konzerns. Beide erreicht er nicht, hinterlässt bei Diekmann allerdings Drohungen auf der Mailbox – ein gefundenes Fressen für „Bild“. Offiziell bekennt man sich zur Diskretion. Die Veröffentlichung der heiklen Nachricht über andere Medien wird aber zelebriert. Das Eingeständnis Am 13. Dezember 2011 wird erstmals auch über Wulffs dubiosen Hauskredit berichtet. Damit beginnt der öffentliche Part der Affäre. Der Präsident nimmt am 15. Dezember formell Stellung, äußert dabei sein Bedauern über missverständliche Erklärungen vor dem Landtag. Sein Eingeständnis wirft neue Fragen auf. Vier Tage später gewährt der Präsident Journalisten Einblick in ausgewählte Kreditunterlagen. Er überträgt den Fall einer Anwaltskanzlei, die schon Kanzler Kohl in der Flick-Affäre vertreten hat. Es kommen Details ans Licht, die den Verdacht nähren, dass Wulff einen problematischen Umgang mit reichen Freunden pflegt. Der Präsident offenbart eine Reihe von Urlaubsreisen, auf denen er bei Unternehmern zu Gast war. Es geht um Gratiskleider der Präsidentengattin, deren angeblich verbilligten Zweitwagen, ein geschenktes Bobbycar und ein Wulff-Buch, das von dem Finanzmakler Carsten Maschmeyer gesponsert wurde. Die Entlassung Kurz vor Weihnachten erreicht die Affäre ihren ersten Kulminationspunkt. Christian Wulff entlässt seinen Pressesprecher Olaf Glaeseker, der wegen des Verdachts der Bestechlichkeit unter Anklage steht. Glaeseker war über Jahre Wulffs engster Vertrauter. Er selbst hat ihn einmal als seinen „siamesischen Zwilling“ bezeichnet. Am gleichen Tag tritt der Präsident erstmals selbst vor die Kameras, um sich in eigener Angelegenheit zu rechtfertigen. Er entschuldigt sich für Irritationen, lässt aber erkennen, dass er keinen Anlass für einen Rücktritt sieht. Die Kanzlerin lässt ausrichten, sie habe „volles Vertrauen“ in Wulff und halte ihn für einen „guten und anerkannten“ Bundespräsidenten. Das Interview Doch der Weihnachtsfrieden währt nur kurz. Anfang Januar 2012 sieht Wulff sich zu einem weiteren Rechtfertigungsversuch gezwungen. Er gewährt den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern ARD und ZDF ein Interview und stellt sich erstmals den Fragen von Journalisten. Doch der TV-Auftritt wird nicht zum erhofften Befreiungsschlag. Wulff zeigt sich uneinsichtig, verstrickt sich in neue Widersprüche, offenbart neue Ungereimtheiten. Hinter den Kulissen gibt er preis, wie er die Affäre wahrnimmt: als Krieg gegen seine Person. Ähnlich martialisch hatte er sich schon in der Mailbox-Botschaft an „Bild“-Chefredakteur Diekmann geäußert. Bei einem Neujahrsempfang im Schloss Bellevue sagt er seinen Mitarbeitern, er hoffe, dass „dieses Stahlgewitter“ bald vorbei sei. Die Rücktrittsforderungen Mitte Januar werden auch in der Union erste Rücktrittsforderungen laut. Die Kanzlerin spricht von „Klärungsbedarf“. Die Staatsanwaltschaft schaltet sich ein und lässt zunächst Glaesekers Privaträume durchsuchen, dann auch dessen Büros im Bundespräsidialamt. Die niedersächsische SPD kündigt an, Wulff vor dem Staatsgerichtshof verklagen zu wollen, weil er den Landtag nicht wahrheitsgemäß informiert habe. Der Rücktritt Politisch ins Stolpern kommt der Präsident wegen eines Sylt-Urlaubs, von dem es heißt, der mit Wulff befreundete Filmproduzent David Groenewold habe die Rechnung bezahlt. Das ruft den Staatsanwalt auf den Plan. Am 16. Februar 2012 beantragt die Ermittlungsbehörde beim Präsident des Deutschen Bundestags, Wulffs Immunität aufzuheben. Tags darauf tritt der Bundespräsident zurück. Er war genau 568 Tage im Amt.