Der Flugradbauer Gustav Mesmer Der Ikarus vom Lautertal

Luftige Konstruktionen: Auf Fahrräder packte Gustav Mesmer allerlei Schwingen und aerodynamische Hüllen. Foto: Gustav-Mesmer-Stiftung

Das Werk des schwäbischen Flugradbauers Gustav Mesmer ist gesichtet und digitalisiert. Wegen einer angeblichen Schizophrenie saß er jahrzehntelang in Nervenheilanstalten. Längst werden seine Zeichnungen und Objekte weltweit gezeigt .

Kirchentellinsfurt - Die Räder, die fliegen sollen, parken nebeneinander. Es sind aberwitzige Konstruktionen, clever durchdachte Stecksysteme aus Holz und Plastik, mal dienen Regenschirme zum Abheben, mal sind es luftige Schwingen, mit Draht in Form gebracht. Was Gustav Mesmer, der Ikarus vom Lautertal, zeitlebens erwerkelt und ersonnen hat, ist in einer Fabriketage in Kirchentellinsfurt bei Tübingen sorgfältig verstaut: in Boxen, Regalen und Schränken. Der Autodidakt von der Alb, der nicht nur Flugfahrräder entwickelt, sondern auch ein breites zeichnerisches Werk hinterlassen hat, wäre wohl entsetzt über die Ordnung, die in seine Arbeiten gebracht wurde. War das Chaos, die Improvisation doch ein Teil seines Schaffensprinzips.

 

Zwei Jahre lang ist mit Geld von der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg Mesmers Erbe archiviert, dokumentiert und digital öffentlich zugänglich gemacht worden. Gut 1000 Zeichnungen, Bilder und Textblätter, fast 300 Objekte – von einem Sprechapparat über Instrumente-Erfindungen bis zu eigentümlichen Damenrädern, mit denen der 1903 im oberschwäbischen Altshausen geborene Tüftler von Ortschaft zu Ortschaft schweben wollte. Gelungen ist es ihm nie.

Auf der Alb galt er als Sonderling und wurde wegen Schizophrenie weggesperrt

Er hätte mein Großvater sein können, sagt der Grafikdesigner Stefan Hartmeier, selbst einer von der Alb, der sich engagiert um den Nachlass kümmert und nach Mesmers Tod 1994 eine Stiftung mitinitiiert hat. Gut erinnert er sich noch an die ersten Begegnungen mit dem Korbmacher und Künstler. „Da kam plötzlich einer mit einem Flugfahrrad am Waldrand angeradelt“, erzählt Hartmeier, ein freundlicher älterer Herr mit viel Witz und noch mehr Fantasie.

Fast vier Jahrzehnte hatte Mesmer aufgrund einer fragwürdigen Diagnose in geschlossenen Psychiatrien verbracht, er war wegen angeblich fortschreitender Schizophrenie weggesperrt worden. „Eigentlich war er gesund“, erzählt Hartmeier, doch er galt als Sonderling und schraubte in seiner Werkstatt in einem Altenheim von Buttenhausen Recyclingkunst zusammen.

Damals als Spinner belächelt, wird er heute als Vertreter der Art Brut gefeiert, einer Kunstrichtung, die aus den Randzonen des Lebens kommt, geschaffen von Grenzgängern zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit, von Außenseitern und Psychiatrieinsassen. Noch zu Mesmers Lebzeiten organisierte Hartmeier Präsentationen: auf heimischem Terrain in Münsingen, im Technikmuseum in Mannheim und bei der Weltausstellung in Sevilla, wo ein Flugrad im deutschen Pavillon zu sehen war. Der Kauz mit dem grauen Kinnbart hätte zum ersten Mal in seinem Leben fliegen können. Zwar kein Abheben mit eigener Muskelkraft, aber immerhin ein Ticket nach Spanien. Wenn er übernachten müsse, sei es eher nichts für ihn, lehnte er das Reiseangebot dankend ab und ersparte sich den Rummel fern der Schwäbischen Alb.

In seinen Träumen ist Mesmer geflogen, im wirklichen Leben nicht

„Mesmer ist in seinen Träumen geflogen, wirklich abzuheben war ihm nie wichtig“, sagt Hartmeier. Er habe forschen und zeichnen wollen, sei seiner Zeit weit voraus gewesen. Selbst Skizzen von Elektrorädern und allerlei Architekturstudien hat Hartmeier im aufgearbeiteten Nachlass entdeckt. Es ist ein Gesamtwerk, das in die Jahre gekommen ist – Plastikfolienflügel drohen zu zerreißen, wild gezimmerte Holzbauten zu zerbrechen.

Bescheiden wie Mesmer war, hat er alles, was ihm in die Hände kam, weiterverwendet, er fertigte Skizzen auf Papierhandtüchern an, klopfte lieber alte Nägel gerade, anstatt neue zu verhämmern. „Viele Dinge sind in einem ausgesprochen fragilen Zustand“, sagt Hartmeier und hat eine Patenschaftsaktion gestartet, um einzelne Objekte restaurieren zu können. Mit Sponsorengeldern will er den Zerfall des Mesmer’schen Œuvres stoppen. „Staatliche Stellen helfen nicht, weil wir kein Museum sind“, sagt Hartmeier, der gerade die nächste Ausstellung in Paris vorbereitet.

Am liebsten aber würde er Gustav Mesmer oben auf der Alb würdigen, wo er gelebt hat. Ein Museum in Buttenhaus, in einer alten Werkstatt oder einem umgebauten Kuhstall – auch Stefan Hartmeier hat Träume. „Das schaffen wir noch“, sagt er optimistisch und holt ein Flugschirmchen aus einem Karton, das er im Neonlicht der Fabriketage steigen lässt. Einmal abheben und fliegen.

Hier lesen Sie mehr StZ-Plus-Texte

Weitere Themen