„Der Idiot“ im Kammertheater Stuttgart Wunder gibt es nicht immer wieder

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Der Regisseur Martin Laberenz ist mit der Inszenierung von Fjodor Dostojewskis Roman „Der Idiot“ im Stuttgarter Kammertheater nicht fertig geworden.

Zu statisch: das Staatstheaterensemble hat zwar viel Zeit, kann aber kaum Konturen zeigen. Foto: Conny Mirbach
Zu statisch: das Staatstheaterensemble hat zwar viel Zeit, kann aber kaum Konturen zeigen. Foto: Conny Mirbach

Stuttgart - Als die Frauen wieder einmal Hohn und Spott über Fürst Myschkin kippen, als endgültig gewiss ist, dass keine von ihnen je diesen lieben Menschen heiraten wird, da fällt im Kammertheater ein verräterischer Satz: „Es ist der erste Durchlauf, den wir machen“, sagt einer der Schauspieler und bestätigt, was man schon leise geahnt hat. Dem Regisseur Martin Laberenz, der im Kammertheater Dostojewskis Roman „Der Idiot“ auf die Bühne bringen wollte, hat die Probenzeit hinten und vorne nicht gereicht.

Verständlich: der Roman von Fjodor Dostojewski besitzt knapp tausend Seiten. Es braucht seine Zeit, um zu erzählen, wie Fürst Myschkin, dieser duldsame, großmütige Jüngling vom Schweizer Sanatorium nach Russland reist und dort von der Petersburger Gesellschaft verhöhnt, verlacht, verehrt, gepiesackt wird. Viereinhalb Stunden dauere das Stück, hieß es noch vor der Premiere, die allerdings zum waghalsigen Testlauf geriet, weil man offensichtlich zum ersten Mal die zahllosen Szenen aneinandermontierte. Als die letzte Zigarette auf der Bühne ausgedrückt wird (es werden an diesem Abend an die siebzig Zigaretten geraucht), ist es viertel nach eins.

Man bekommt bei der neuen Produktion des Schauspiels Stuttgart für sein Geld also sehr viel Theater geboten – dabei allerdings wenig Dostojewski. Denn der Regisseur Martin Laberenz hat für seine Bühnenfassung nur einige zentrale Motive des Romans herausgelöst: die koketten Spiele der Frauen, die Fürst Myschkin bezirzen und wieder fortstoßen, das Ende des todkranken Ippolit sowie das Geschacher um die schöne Nastassja.

Auf der Bühne steht ein großes Podest, das zwei Etagen markiert und die Schauspieler zu sportlichen Einsätzen zwingt. Mit Klimmzügen ziehen sie sich hinauf, ächzend klettern sie an den Stangen auf und ab, wuchten einmal sogar ein ganzes Sofa hinauf in die Beletage – „Geht doch!“

Laberenz geht es primär nicht darum, diesen Klassiker der Weltliteratur schlüssig, spannend und substanziell auf die Bühne zu bringen, sondern er erklärt den Vorgang, einen Roman auf die Bühne zu bringen, selbst zum Konzept. So wird der Transfer vom Papier in den Raum permanent markiert und kommentiert, es unterbricht etwa Peter René Lüdicke das Spiel immer wieder, um zu lesen. Vergeblich. Sie hätten jetzt abgestimmt, heißt es später, die Mehrzahl der Schauspieler sei für Spielen und gegen Lesen – weshalb Lüdicke trotzig viele Tausend Manuskriptseiten auf der Bühne flatternd verteilt.

„Grüßen Sie Ihre Mutter“, heißt es einmal – „Die ist gestrichen“. Als Running Gag wird immer wieder auf Figuren aus dem Roman verwiesen, die gestrichen worden seien. Über weite Strecken des Abends reflektieren die Schauspieler selbstreferenziell ihre eigene Funktion und Tätigkeit auf der Bühne. „Leute, könnt ihr mal kurz euer Talent zurückhalten?“ sagen sie oder „Können Sie mich weiter unter Druck setzen, dann kann ich besser spielen.“

Aber selbst wenn die Akteure in Rollen schlüpfen und für einen Moment das Treiben der Petersburger Gesellschaft mit ihren Intrigen und korrupten Machenschaften andeuten, ist Dostojewskis Originaltext auf ein Minimum reduziert und ersetzt durch sprachlich ungeschliffenes Geschwätz, Geplapper, Geschnatter. „Nee, das glaub ich jetzt nicht“ heißt es dann oder „Scheiß auf die Schweiz“.

Martin Laberenz analysiert nicht die Beziehungen der Figuren untereinander, sie haben weder Tiefe noch sind sie zu Typen zugespitzt, sondern Frau Lisaweta (Abak Safaei-Rad) oder Rogoschin (Paul Schröder) bleiben konturlos, zerrieben im ständigen Wechsel zwischen Rolle und selbstreferenzieller Bespiegelung. Manolo Bertling als Idiot lässt manchmal ahnen, was für ein trauriger Ritter, was für ein anrührendes Geschöpf dieser Myschkin ist, aber auch er darf die Figur nicht ausspielen, sondern muss auf der Bühne immer wieder zurückkehren zur banalen Selbstbeschau: „Ich muss jetzt spielen, dass ich in meiner Wohnung allein bin.“

Immerhin: Friederike Bernhardt, die die Szenen musikalisch unterlegt, wechselt versiert zwischen elektronischen Beats, Chopin-Walzer und „My Way“. Die Bühne ist kunstvoll illuminiert, und die Kostüme von Aino Laberenz sind ästhetisch ansprechend mit Fuchsstola und Cowboy-Boots, während der Idiot wie ein Schulbub kurze Hosen und Kniestrümpfe trägt.

Amüsant wird es, als die Männer um Nastassja (Manja Kuhl) buhlen und feilschen. 75 000 Rubel plus Perlenkette bietet einer, ein anderer gar 100 000 Rubel. „Was bin ich Ihnen wert?“, fragt sie und fordert die Männer auf, die Hosen wortwörtlich runterzulassen – und nun strippen sie und posieren splitternackt wie in der Ladies Night mit bebendem Bizeps und baumelndem Gemächt.

Herausragend und der heimliche Held dieses Abends ist aber Peter René Lüdicke. Gut eine halbe Stunde lang versucht er in einer Improvisation die Leuchtschrift zu lesen, die über der Bühne prangt „THERE WILL BE NO MIRACLES HERE“. „BE“, sagt er, „das kenn ich aus Berlin“, das sei doch die Abkürzung für das Berliner Ensemble. Aber hier in Stuttgart? „Buttgarter Ensemble?“ Es ist virtuos, wie Lüdicke diese gequirlte Sinnlosigkeit ausspielt, wie er schwadroniert und sein Schicksal als Nebenfigur reflektiert.

Das ist großartiges Theater – und doch bleibt es höchst ärgerlich, wie hier das Ensemble über Stunden kämpft und ringt um eine Konzeption, der jegliche inhaltliche und intellektuelle Dimension abgeht. Wer weiß, mit zwei, drei zusätzlichen Probenwochen und einem beherzten Abschied von den zahlreichen selbstverliebten Pirouetten hätte vielleicht sogar ein guter Abend im Stuttgarter Kammertheater daraus werden können.

So aber ist „Der Idiot“ letztlich ein weiteres trauriges Exempel einer Theatergeneration, die mit fast pathologischem Eifer ihre eigene Profession bekämpft. Statt eine künstlerisch eigenständige Reflexion über die Strategien des Theaters zu entwickeln, hat man sich hier eine der größten Erzählungen der Weltliteratur vorgenommen, um doch nur zu beweisen, dass die lineare und dramatische Erzählung auf der Bühne ausgedient hat.