Der Postkartenpionier Eugen Felle Ein Maler wie auf Wolken
Eugen Felle hatte in Zeiten des aufkommenden Tourismus den richtigen Riecher. Jetzt erst gedenkt die Stadt Isny ihres außergewöhnlichen Postkartenpioniers.
Eugen Felle hatte in Zeiten des aufkommenden Tourismus den richtigen Riecher. Jetzt erst gedenkt die Stadt Isny ihres außergewöhnlichen Postkartenpioniers.
Isny - Das Jahr 1869 beginnt, und dem Menschen in seinem Drang, um ein Schillerwort zu gebrauchen, gelingt manch Gutes. In den Vereinigten Staaten eröffnet die erste transkontinentale Eisenbahnstrecke, der US-Bundesstaat Wyoming führt das Frauenwahlrecht ein. In Eisenach wird auf Initiative von August Bebel und Wilhelm Liebknecht der Gründungskongress zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei SDAP eröffnet, aus der später die SPD hervorgeht. In Österreich-Ungarn erscheinen die ersten amtlichen Postkarten. In Isny aber wird der kleine Eugen Felle geboren.
Eugen wer, bitte? Die Gegenfrage kann man, sogar im Allgäu, bis heute hören. Dass zwischen Felles Eintritt ins Leben und der Bewilligung eines neuen Postversandformates eine schicksalhafte Gleichzeitigkeit besteht, blieb bestens verborgen. Die ehemals freien Reichsstädter aus Isny hatten nach 1806 vor allem mit dem Schmerz der napoleonischen Zwangsauslieferung an Württemberg zu kämpfen. Heute gehört die Stadt mit ihren knapp 15 000 Einwohnern als immer noch separatistisch gestimmter, nach Bayern angelehnter Appendix zum Landkreis Ravensburg. Es darf bezweifelt werden, ob das noch mal was wird mit den Oberschwaben und den Allgäuern. Was schlechte Straßen trennen, kann man in Isny weiter hören, das solle der Mensch in seinem Hochmut nicht einen.
Der junge Eugen Felle selber lässt in seinen Jugendjahren zunächst auch nichts von einer großen Laufbahn erkennen. Während die Erwerbstätigen sich mehrheitlich in Viehzucht, Ackerbau und Waldwirtschaft aufreiben, also mit richtiger Arbeit, frönt der eher klein gewachsene Junge seinen Zeichnungen, also dem süßen Nichtstun, und tritt nach Ende der Schulzeit beim Maler und Bildhauer Peter Paul Metz im nahen Gebrazhofen in die Lehre. Nicht mal mit einem Heiligenschnitzer scheint es was werden zu wollen. Stattdessen führt Felles Weg weiter an die Kunstakademie in München. Dokumente über diese Zeit sind allerdings verschollen.
Eines Tages kommt er zurück nach Hause. Und siehe da, seine gezeichneten Stadtansichten sind Beweis einer exzellenten Ausbildung in der Anwendung von Tusche, Feder und Bleistift, Perspektive und Kolorierung – wunderbares Handwerkszeug zur Anfertigung von Postkarten. Wie und wodurch genau Felle auf den Dreh kommt, im Westentaschenformat zu arbeiten, ist nicht bekannt. Nur dass er, als er seine Großproduktion im Jahr 1892 startet, ruck, zuck vermögend wird. Am Stadtrand baut er sich und seiner neu gegründeten Familie eine Villa mit Balkon Richtung Bahnhof. Dampflokomotiven, das zeigen auch seine Arbeiten, beeindrucken ihn enorm.
In den Folgejahren vollzieht sich nicht nur die Karriere eines Gebrauchskünstlers, sondern ein behagliches Spießerleben. Felle ist also Trainspotter, dazu Hochradfahrer und Nebenerwerbszüchter von Bernhardinerhunden sowie Tauben, der mit täglichen vormittäglichen Weißwurstmahlzeiten seine Leibesfülle mehrt. Wann waren das jemals die Zutaten für ein Leben im Schweinwerferlicht? Was der Mann in seinem Atelier treibt, in dem er bald weitere Zeichner beschäftigt, wissen die meisten im Städtchen nur im Großen, Ganzen. Felle, so müssen seine Mitmenschen denken, hat in einer Dekade des aufkommenden Tourismus, in der Fotoapparate teuer und günstig versendbare Urlaubsbotschaften en vogue waren, offensichtlich den richtigen Riecher.
Bestimmt alles richtig; Felle beschäftigt auf der Höhe seines Schaffens sogar einen eigenen Vertriebsmitarbeiter, der die Postkartenentwürfe des Ateliers für Hotels und Brauereien, Einzelhändler und Kioskbesitzer von Neuschwanstein bis nach Stuttgart und runter an den Bodensee anbietet. Er bedient nicht nur Touristen, sondern auch Sammler, indem er eine Serie von Figuren in originalgetreuer Trachtenkleidung auflegt. Unfassbar detailreich sind seine Großpanoramen, etwa vom stilisierten Lauf des Neckars oder von Berglandschaften. Diese Bilder, die heute an die Darstellungen von Autonavigationssystemen erinnern, transportieren nicht nur Sehnsucht, sondern liefern zugleich Informationen über die Topografien, also eine räumliche Orientierung.
Hier, in der Vogelschau, liegt das entscheidende Geheimnis seines Erfolges, denn an Postkartenmalern herrscht europaweit kein Mangel. Allein Felles Motive sehen aus, als seien sie von schwebenden Wolken herab gezeichnet. Immer wirken die Dachflächen, Berggipfel und Taleinschnitte echt, doch da ist nie ein Kran oder ein Zeppelin, in dem der Maler mit Block und Bleistift durch die Lüfte fährt. Alles beruht – auf der Grundlage von Fotografien, Karten und Plänen – auf seiner höchst ungewöhnlichen Kraft perspektivischer Vorstellung. Die Kundschaft liebt das. Schätzungen zufolge hat die Zeichnerwerkstatt in Isny rund 23 000 Motive erschaffen, rund 14 000, wie Signaturen belegen, stammen aus der Hand des Meisters selbst.
Wohl wahr: Felle ist nicht der einzige schlaue Kopf seiner Stadt gewesen. Jetzt, zum 150. Jahrestag der Postkarte, haben sie in der Heimat seiner gedacht und eine Ausstellung mit dem Titel „Heimat_Panorama“ kreiert, die noch bis 8. September im Isnyer Schloss zu sehen ist. Grundlage ist die Felle-Sammlung des 85-jährigen Stadtbürgers Georg Müller, der täglich im Internet nach alten Originalen jagt. Familiennachfahren und das Stadtarchiv lieferten weitere Nachlassstücke. In alle Welt verstreute Karten sind so wieder zusammengekommen und erlauben, auch durch ein spannendes Arrangement, erstmals den Blick auf ein Gesamtwerk, das nach dem Willen des Künstlers nie eins sein sollte. Die Kulturstiftung des Bundes förderte die einmalige Idee mit 150 000 Euro.
Ein Postjubiläum und die Geistesgegenwart von Kulturmacherinnen in Isny rücken diesen erstaunlichen Mann zum ersten Mal ins Licht. Wie schön, dass so etwas möglich ist. Hätte der Künstler es zu Lebzeiten geahnt, vielleicht wären ihm die letzten Jahre leichter gewesen. Der Erste Weltkrieg macht Felles Postkartenkunst bald überflüssig, in den Jahren danach hält er sich als Porträt- und Aquarellmaler über Wasser. Nach dem Tod einer geliebten Tochter stirbt auch er, schwer zuckerkrank, im Jahr 1934 mit 64 Jahren. Die große dunkle Zeit bricht an. Beinahe hätte die Asche, die bald rieselte, auch diese Biografie auf alle Zeit begraben.