InterviewDer Schönbuch als Schauplatz für einen Kriminalroman „Die Autoindustrie schreibt ihren eigenen Krimi“

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Regine Bott hat den Schönbuch zum Schauplatz illegaler Machenschaften eines Pharmaunternehmens gemacht. Gerade dort bilden Idylle und Verbrechen einen krassen Kontrast, findet die Autorin. Die Nähe zur Großstadt hat sie aber auch gesucht.

Der Schönbuch regt die Fantasie von Krimiautoren an. Foto: factum
Der Schönbuch regt die Fantasie von Krimiautoren an. Foto: factum

Böblingen - Auf dem Titel ist zwar der Schatten des Fernsehturms abgebildet, aber das Buch spielt zu großen Teilen im Schönbuch: „Kern der Angst“ heißt der neue Kriminalroman von Regine Bott. Vom Genre des Regionalkrimis distanziert sich die in Kornwestheim im Kreis Ludwigsburg lebende Autorin zwar, aber der Naturpark ist ein beliebter Schauplatz für Mord und Totschlag. „Friedwald“ und „Tod im Schönbuch“ sind Beispiele dafür.

Illegale Experimente an gekidnappten Angstkranken im Schönbuch: Frau Bott, wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Das Genre, in dem ich als Autorin unter dem Pseudonym Kris Brynn am meisten tätig bin, ist die Science-Fiction. Ein unterirdisches, geheimes Labor, zukünftige Technik, überspannte Wissenschaftler – das sind ja bekannte Versatzstücke aus der Science-Fiction und aus Technik­thrillern. Ein Mix aus regionalen Zutaten und diesen Themen erschien mir reizvoll. Ich probiere mich gerne in verschiedenen Genres aus, und da lag das Schreiben eines Krimis nahe. Dass es Menschen gibt, die wegen ihrer Angsterkrankung jeden Tag die Hölle durchmachen, wollte ich ebenfalls thematisieren. Da ich selbst unter einer ordentlichen Portion Höhenangst leide, kenne ich das Thema aus eigener Erfahrung. Und so habe ich David Wagner erschaffen, der panische Angst vor Insekten hat und in die Fänge der Amendment Corporation gerät.

Warum haben Sie den idyllischen Schönbuch als Tatort gewählt?

Ich habe natürlich nach einem geeigneten Ort des Geschehens gezielt gesucht. Ich wollte nicht, dass mein Roman ausschließlich in einer großen Stadt spielt, aber ebenso wenig wollte ich ihn jwd spielen lassen. Er soll sich an ein Publikum eines größeren Einzugsgebiets wenden: Der Schönbuch liegt nahe dicht besiedelter Regionen, vor der Haustür der Landeshauptstadt und trotzdem ein wenig abgelegen. Ein guter Mix für einen Roman, denn mein Ermittler sollte kein Dorfpolizist sein. Weil ich unter anderem Kunstgeschichte studiert habe, wollte ich auch schon immer einen Roman schreiben, der kein historischer ist, aber in Bebenhausen spielt. Jetzt habe ich die wunderbare Klosteranlage mit ihrer so wechselreichen Geschichte direkt ins Geschehen integriert.

Ihre Bösewichter sind in der Pharmaindustrie tätig, der Kreis Böblingen und die Region Stuttgart sind von der Autoindustrie geprägt: Bietet sich diese Branche nicht auch für einen Krimi an?

Die Autoindustrie schreibt ja seit einigen Jahren an ihrem eigenen Krimi. Da müsste man eigentlich nur Zeitungsartikel sammeln und in einen geeigneten belle­tristischen Rahmen bringen. Da findet der Leser alles, was einen guten Thriller oder Krimi ausmacht: Manipulationen, mächtige Konzerne flankiert durch eine mächtige Lobby, Verbraucher, die mit geradezu krimineller Energie belogen werden . . . Betrug, falsche Fährten, einflussreiche Kontrahenten, Vertuschung . . . Da geht was!

Warum ist das Genre Regionalkrimi seit Jahren so beliebt?

Das wundert mich ehrlich gesagt selbst. Genres kommen und gehen – der Regionalkrimi bleibt. Aber ich sehe „Kern der Angst“ nicht in der Reihe der Regiokrimis. Natürlich spielt er in der Region, er muss ja irgendwo spielen, und in der Region kenne ich mich nun mal aus. Aber er hat auktoriale Fußnoten, einen äußerst sarkastischen Tonfall, ist nicht zimperlich, und das Personal ist zum Teil komplett überdreht. Meine literarischen Vorbilder dafür kommen aus einem bestimmten Bereich des amerikanischen Kriminalromans. Mir war es deswegen wichtig, dass das Wort Schönbuch nicht im Romantitel auftaucht. Ich wollte nicht diesen überbetonten Regionalcharakter im Titel haben, sondern einen Hinweis auf den Plot geben. Und bei dem dreht sich alles um den Mandelkern im Gehirn des Menschen – der Bereich, der unter anderem für das Angstverhalten zuständig.

Der Kreis Böblingen wird von Autoren bislang als Schauplatz gemieden. Warum?

Gute Frage. Fragen Sie die Böblinger Autoren! Nein, im Ernst. Das ist schwer zu beantworten, denn ich kenne Böblingen überhaupt nicht gut. Vielleicht sollte ich mich dort mal gründlich umschauen. Da ich selbst immer sehr gerne außergewöhnliche Architektur in meine Romane einbaue, würde ich auf alle Fälle das Hochhausensemble Orplid des Berliner Architekten Scharoun in Böblingen als Schauplatz verwenden. Zufälligerweise spielt ein ähnliches Hochhausensemble in Stuttgart-Rot, Romeo und Julia, ebenfalls erbaut von Hans Scharoun, in „Kern der Angst“ eine Rolle. Das sind Gebäude, die ziehen mich magisch an, die muss ich dann als Handlungsort verwenden.

Im Schönbuch tummeln sich dagegen die Mörder. Warum wirkt der Naturpark auf Krimiautoren so inspirierend?

Weil Idyll und Verbrechen in krassem Kontrast zueinander stehen. Der idyllische Schönbuch: Wanderparadies, Naturparadies, geschützter Bereich, Ausflugsziel für Jung und Alt – und vor den Augen aller verborgen finden dort Verbrechen statt. Und darüber hinaus ist ein abgelegener Ort dramaturgisch immer geschickt: Das Opfer hat vielleicht keinen Handyempfang und kann keine Hilfe holen, es sind wenig bis keine Wohnhäuser in der Nähe, es gibt, wenn überhaupt, viel weniger Zeugen, die Spurensuche könnte schwierig verlaufen. Da ergänzen sich emotionale und dramaturgische Aspekte, die die Spannung erhöhen.

Privat
: Regine Bott war fast 20 Jahre lang als festangestellte Autorin tätig, bevor sie sich vor sechs Jahren als Autorin selbstständig machte. Die gebürtige Stuttgarterin, Jahrgang 1968, schreibt Krimis, Kurzgeschichten und Science-Fiction. Für ihr Debüt „The Shelter“, veröffentlicht unter dem Pseudonym Kris Brynn, hat sie auf der Leipziger Buchmesse 2019 den Deutschen Fantastikpreis Seraph erhalten. Bott hat Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Anglistik studiert. Sie bezeichnet sich selbst als „überzeugte Schwäbin“ und wohnt in Kornwestheim im Kreis Ludwigsburg.

Öffentlich:
Regine Botts Kriminalroman „Kern der Angst“ ist im Gmeiner-Verlag erschienen. Sie stellt das Buch bei Lesungen vor, unter anderem am Samstag, 21. September, beispielsweise bei der Kunstnacht Schorndorf, eine Woche darauf im Stuttgarter Kulturzentrum Merlin. In Böblingen nimmt die Autorin am 11. Oktober an einer Lesung der Get-Shorties-Lesebühne im Blauen Haus teil. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. In der Bibliothek von Gomaringen (Kreis Tübingen) liest Regine Bott am 26. November von 20 Uhr an aus „Kern der Angst“. Spannung im Schönbuch bieten auch andere Autoren: Mario Haas mit seinem Krimi „Friedwald“ sowie Veit Müller, der „Tod im Schönbuch“ geschrieben hat.