Der Stuttgarter hat ein Haar-Problem In der Bikini-Zone der Stadt

Männerbeine – mit und ohne Behaarung. Foto: dpa

Der Städter liebt fein polierte Shopping-Malls und rasierte Herrenwaden. Von der großen Sehnsucht der Stuttgarter nach einem glatten Auftritt.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Stuttgart - Auf einen Espresso in die City? Ein heikles Thema. Man soll ja konsumieren, nicht ziellos flanieren oder stundenlang in einer lukrativen Immobilie mit Außenbewirtschaftung eine Kaffeetasse beschwören. Deswegen lockt man die Leute in den Städten in immer größere Einkaufshallen, wo sie am besten den ganzen Tag verbringen und ihre Kreditkarte heiß scheuern.

 

Es glänzt und leuchtet

Jene Menschen aber, die in der Shoppingmall ihrer Stadt einen Kaffee bestellen, wollen von der Stadt im Grunde nichts mehr mitbekommen. Schließlich sieht jede überdachte Einkaufswelt aus fast jeder Perspektive ziemlich gleich aus. Man starrt auf Rabattschilder, Kaffee in Plastikbecher, Rolltreppen, Wasserspiele und andere Zeitgenossen mit Einkaufstüten von Primark und Zara, die wiederum auf ihre geschmeidig designten digitalen Endgeräte starren. Wichtiger als die Stadt mit ihrem Lärm und Gestank, mit ihren Kanten und Ecken, scheint den jungen Käufern der schöne Schein zu sein: Alles glänzt und leuchtet, überall kann man sich in glatt polierten Oberflächen spiegeln. Eine clever gebaute Shoppingmall ist wie ein begehbares Smartphone.

Badelatschen oder Schloss-Pantinen?

Doch gerade in einer noch nicht ganz verödeten Innenstadt kann man am besten sehen, wie die Mitmenschen ticken, die Stadt sich verändert. Ein außerordentlich guter Beobachtungsposten ist die Caffè-Bar beim Tagblatt-Turm, ein auch im wörtlichen Sinne Kleinod der Stuttgarter Gastronomie. Seit gut 20 Jahren darf man sich in oder vor der Caffè-Bar mit Zeitung, Espresso und Tramezzini ein bisschen wie in Mailand oder Triest fühlen, ohne Zeitlimit seinen trübseligen Gedanken nachhängen, weil beispielsweise zwei vorbeischlendernde Jungmänner sich ernsthaft und leider unüberhörbar fragen, was denn wirklich günstiger sei: Waden-Implantate oder doch lieber eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio? Keine Ahnung. Wie wär’s mit Ballett? Beide tragen jedenfalls kurze Hosen und keine Socken, einer schreitet in Badelatschen stolz umher, als seien die Treter edle Schloss-Pantinen. Ihre Unterschenkel schimmern rosig wie Mortadella und ähneln vier mutierten Nacktmullen.

Implantate und Avocado-Pampe

In der Caffè-Bar, in der nichts glatt poliert ist und weder die oft unrasierten Gäste noch die Angestellten an Gesprächen über die Zweckmäßigkeit vom Implantaten interessiert scheinen, reift in manchen Augenblicken die Erkenntnis, dass man irgendwie aus der Zeit gepurzelt ist – so wie ein Euro-5-Diesel oder ein Frühstück ohne Goji-Beeren und Avocado-Pampe.

Ungeliebte Brusthaare

Denn auch gegenüber werden an einem Samstag junge Leute beiderlei Geschlechts von ihren Borsten befreit, wird im Akkord rasiert, gehobelt, gezupft, getrimmt, gewaxt. Eine Friseurkette hat hier ihre Dependance, aber auch sonst scheint das Geschäft mit der Haarentfernung gut zu laufen. Überall in der Stadt ziehen dort, wo früher mal Bars, Kioske und Tante-Emma-Läden waren, Barbershops, Nagelstudios, Beauty-Center und Waxing-Studios ein. Wer dauerhaft glatt poliert wie ein Computer-Tablet sein will, lässt beim Profi lasern. Gut möglich, dass eine üppig behaarte Männerbrust à la Burt Reynolds bald genehmigungspflichtig sein wird und nur an der Leine geführt das Haus verlassen darf.

Hegels Koteletten

Zwischen der Enthaarungsfabrik und der Caffè-Bar befindet sich das Hegel-Haus, das allerdings auch an einem Samstagvormittag wie ein stiller Kulturfels der großstädtischen Brandung trotzt. Hier wurde der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel im August 1770 geboren, was zwar kein runder Geburtstag ist. Aber der vielleicht berühmteste Stuttgarter trug immerhin Koteletten, seitliche Barthaare, recht zauselig übrigens. Überhaupt war ihm das Glatte suspekt. In der Kunst jedenfalls beschränke sich das Sinnliche auf die „theoretischen Sinne des Gesichts und Gehörs“, so Hegel in seinen berühmten Vorlesungen über die Ästhetik. Das Berühren des Glatten vermittelt daher nur ein angenehmes Gefühl, habe aber keinen tieferen Sinn. Und das „Angenehme“ sei nicht das „Schöne der Kunst“. Womit eigentlich auch die Frage beantwortet wäre, wie Hegel einen Samstagvormittag totschlagen würde, wäre er heute noch am Leben.

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