Ein Jahr lang also ist schon alles anders für Spieler, Betreuer, Fans – aber auch für die Polizisten, die ansonsten rund um die Stadien ihren Dienst tun. Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.
Der Spieler
Der Abwehrspieler Pascal Stenzel des VfB stand beim 1:1 gegen Arminia Bielefeld in der Startelf und erlebte seitdem viele Partien vor ungewohnt leeren Rängen. An das bisher letzte Spiel vor nahezu vollem Haus kann er sich noch gut erinnern. Aus zwei Gründen.
Erstens war das Spiel des VfB Stuttgart gegen Arminia Bielefeld im Aufstiegsrennen der zweiten Liga wichtig. Und zweitens hatte es schon vor der Begegnung mit dem damaligen Spitzenreiter Diskussionen gegeben, ob aufgrund der Coronasituation überhaupt vor Zuschauern gespielt werden sollte. „Wir haben uns als Spieler dann gefreut, dass die Partie vor vollen Rängen stattfinden konnte“, sagt der VfB-Profi.
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Wie immer war die Stimmung in Stuttgart prächtig. „Damals wusste ja noch keiner, dass dies für lange Zeit das letzte Spiel vor Publikum sein würde“, sagt Stenzel. Mittlerweile ist es fast schon zur Gewohnheit geworden, in ein leeres Stadion einzulaufen. Dennoch stellt sich bei dem Verteidiger jedes Mal aufs Neue ein seltsames Gefühl ein, ohne Fans im Rücken antreten zu müssen. Ganz gleich, ob im Heim- oder Auswärtsspiel. Es fehlt das elektrisierende Moment. Deshalb ist der 24-Jährige davon überzeugt, dass sich ein „Wow-Effekt“ einstellt, sobald wieder in ausverkauften Arenen gespielt werden kann. „Das wird dann so außergewöhnlich wie beim ersten Mal, als man vor 60 000 Zuschauern gespielt hat“, sagt Stenzel.
Der Fan
Helmut Heinzmann hat schon Mitte der 1970er Jahre mit dem VfB Stuttgart in der Zweiten Bundesliga mitgefiebert – und macht in Zeiten leerer Stadien eine harte Phase durch. „Mir fehlt einfach das Liveerlebnis im Stadion – das ist etwas ganz anderes, als die Spiele vor dem Fernseher zu schauen.“ Gerne wäre der Schwarzwälder wieder näher dran: „So toll wie die Mannschaft auf dem Rasen performt, das hatten wir ja seit der Meisterschaft von 2007 nicht mehr.“
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Endlich seien die Zeiten mit unansehnlichem Fußball beim VfB vorbei. „Wir haben einen offenen und ehrlichen Trainer wie Pellegrino Matarazzo sowie tolle Typen im Team wie Sasa Kalajdzic, den ich bereits in der Vorsaison während seiner Verletzung getroffen habe“, sagt Heinzmann, der seit Jahren eine Heim- und eine Auswärtsdauerkarte für den VfB besitzt.
Als das Stadion zu Beginn der Saison in den Spielen gegen Freiburg und Leverkusen für einen Teil der Fans geöffnet wurde, war Heinzmann mit dabei. „Die Mannschaft gibt ja wieder ein viel besseres Bild ab als in den Vorjahren“, sagt der langjährige Fan, der sich während der Pandemie nicht vom Fußball entfremdet hat: „Ich bin wie immer mit Herzblut dabei.“
Der Teambetreuer
Mit 373 Bundesligaspielen ist Ex-Profi Günther Schäfer eine VfB-Legende – und vermisst als Teambetreuer die Zuschauer sehr. „Der Fußball lebt ja von den Emotionen, er verbindet die Menschen. Es fällt uns allen, den Spielern, Trainern und Betreuern, sehr schwer, ohne die Fans auszukommen. Wir bedauern das sehr. Zumal wir ja auch guten Fußball spielen.“
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Auch die Rahmenbedingungen sind dabei für den Teambetreuer viel mühsamer geworden. Wie viele Leute vom Stab dürfen auf der Tribüne sitzen? Welche Hotels haben bei Auswärtsspielen überhaupt auf – und sind in der Lage, die Hygieneregeln der DFL einzuhalten? Zudem muss der ganze VfB-Tross wöchentlich zweimal getestet werden. Diese Fragen klärt Schäfer. „Es ist ein wesentlich größerer Aufwand für mich, das zu organisieren. Aber ich mache das gerne, weil ich sehe, wie gut sich alle an die Regeln halten“, sagt der deutsche Meister von 1984 und 1992.
„Die Fallzahlen müssen passen. Dann können wir wieder ein Stück näher an den Alltag kommen“, ergänzt Schäfer: „Wir sehnen den Tag herbei, an dem uns die Fans wieder lautstark unterstützen. Bis dahin müssen wir uns regelkonform verhalten und Vorbilder sein.“
Der Polizist
Beim ausverkauften Spiel gegen Arminia Bielefeld sind vor einem Jahr in Stuttgart 126 Polizeibeamte im Einsatz gewesen. Sie kamen auf 670 Einsatzstunden. Es wurden vier Straftaten rund um die Begegnung registriert und eine verletzte Person gemeldet. Das ist statistisch sauber erfasst. Aus Polizeisicht verlief alles ohne besondere Vorkommnisse. Und seither hat sich der Personalaufwand in Baden-Württemberg deutlich reduziert.
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Bereits im nächsten Heimspiel des VfB gegen den Hamburger SV, das ohne Zuschauer stattfand, waren nur noch vier Polizeibeamte mit von der Partie. Anschließend wurde an der Mercedesstraße noch Streife gefahren. „Wir schicken ja keine Polizeibeamten irgendwo hin, wo nichts los ist“, sagt Uwe Stahlmann. Er ist 1. Polizei-Hauptkommissar und verantwortet die Landesinformationsstelle für Sporteinsätze im Innenministerium des Landes.
In der Bundesliga waren beim VfB gegen Bayer Leverkusen (9500 Zuschauer) später 25 Beamte vor Ort. Stahlmanns Urteil seit der Coronapandemie lautet: „Die Fußball-Lage im Land ist absolut ruhig.“ Mitreisende Fans gibt es so gut wie nicht – und die Straftaten sind meist Vergehen gegen die Corona-Verordnungen.