Der VfB vor der Mitgliederversammlung Wolfgang Dietrich und die Vertrauensfrage
Wie der VfB Stuttgart seine Mitgliederversammlung angeht – mit einer Abstimmung über den Präsidenten. Eine Analyse von Peter Stolterfoht.
Wie der VfB Stuttgart seine Mitgliederversammlung angeht – mit einer Abstimmung über den Präsidenten. Eine Analyse von Peter Stolterfoht.
Stuttgart - Vor der Hauptversammlung des VfB Stuttgart am 14. Juli wird den Mitgliedern vielfach automatische Hilfe angeboten, gerade so, als gelte es eine Versicherung oder den Vertrag beim Bezahlsender Sky zu kündigen. Es lässt sich im Netz nämlich ein juristisch geprüftes Dokument herunterladen – der Antrag auf Abwahl des Präsidenten. Von der leicht gemachten Möglichkeit, die Versammlung um einen entscheidenden Tagesordnungspunkt zu erweitern, wurde im Vorfeld der Veranstaltung dann auch mehrfach Gebrauch gemacht.
Es hätte für Wolfgang Dietrich eine recht entspannte Mitgliederversammlung werden können, auf der überhaupt nicht über den Präsidenten abgestimmt werden sollte, abgesehen von der Entlastung des Präsidiums durch die Mitglieder. Doch nach dem erneuten Abstieg in die zweite Liga läuft beim VfB nicht mehr alles wie geplant. Und so geht es bei der Mitgliederversammlung für Wolfgang Dietrich um die Vertrauensfrage. Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung ist beim VfB mittlerweile die Entscheidung gefallen, dass man dem vielfach geäußerten Antragswunsch entspricht und über die Abwahl des Präsidenten abstimmen lässt. 75 Prozent der anwesenden Mitglieder müssten diesem Antrag zustimmen, dann wäre die Amtszeit von Wolfgang Dietrich bereits nach drei Jahren und damit zwölf Monate vor dem regulären Ende abgelaufen.
Der Antrag wird auf die Tagesordnung genommen, weil sich Wolfgang Dietrich nicht den Vorwurf machen lassen will, den Club über die Köpfe der Mitglieder und Fans hinweg nach seinen eigenen Regeln zu führen. Gleichzeitig erscheint das Risiko seiner Abwahl einigermaßen kalkulierbar zu sein. Gilt eine Dreiviertelmehrheit, die sich gegen den Präsidenten aussprechen müsste, als eher unrealistisch.
Trotzdem muss sich der VfB mit dem Szenario einer Abwahl Dietrichs befassen. „Die Grundstimmung ist nicht einfach“, sagt Jürgen Schlensog mit Blick auf den 14. Juli. Der Veranstaltungschef der Jazz Open ist Vorsitzender des VfB-Freundeskreises und wird im Umfeld des Vereins immer wieder als möglicher Nachfolger Dietrichs genannt. „Dieses Amt kommt für mich nicht infrage, ich habe genug zu tun“, sagt Schlensog und schiebt entsprechenden Spekulationen den Riegel vor. Er erinnert außerdem daran, dass nach einer Abwahl des Präsidenten zunächst ein Präsidiumsmitglied das höchste Amt im Verein kommissarisch übernehmen würde. Das wäre dann vermutlich Bernd Gaiser, neben Wolfgang Dietrich derzeit einziges weiteres Mitglied in diesem Gremium. Erst bei der Mitgliederversammlung wird der Nachfolger von Thomas Hitzlsperger bestimmt, der dem Präsidium nicht mehr angehört, seitdem er Sportvorstand ist. Zur Wahl stehen Werner Gass und Rainer Mutschler, der eine hat eine VfB-Vergangenheit als Spieler, der andere als Verantwortlicher im Marketingbereich.
Doch im Zentrum der Hauptversammlung steht natürlich, wie die Mitglieder über Wolfgang Dietrich entscheiden. Sollte sich tatsächlich eine Dreiviertelmehrheit gegen ihn aussprechen, würde nach einer kommissarischen Lösung ein neuer Präsident gewählt werden. Der oder die Kandidaten in einer dann folgenden Mitgliederversammlung zur Wahl vorzuschlagen, das wäre dann die Aufgabe des neunköpfigen Vereinsbeirats mit Wolf-Dietrich Erhard an der Spitze.
Jürgen Schlensog hofft aber, dass dies nicht nötig wird und Wolfgang Dietrich im Amt bleiben kann. „Ich sehe keine vernünftige Alternative. Zudem wurde bereits guter Boden für das künftige sportliche Profil bereitet“, sagt der Musikmanager und meint damit die Entscheidungen, Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat die sportliche Verantwortung zu übertragen. Diese Weichenstellung, ausgelöst durch eine VfB-Abstiegssaison, die in puncto Peinlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte, ist vielen Fans aber nicht weitreichend genug. Besonders lautstark und via Transparente auch gut sichtbar fordern vor allem die Ultra-Gruppierungen die Ablösung von Wolfgang Dietrich. Nur dadurch, so ihre Meinung, sei ein glaubwürdiger Neuanfang möglich. Mit dieser Meinung stehen viele Fans in der Cannstatter Kurve nicht allein. In einer Art Anti-La-Ola sind die Missfallensäußerungen in Richtung Clubführung zuletzt durch alle Zuschauerbereiche der Mercedes-Benz-Arena geschwappt.
Der Abstieg ist nicht die einzige Angriffsfläche, die Wolfgang Dietrich bietet. Neben dem offensichtlichen Fehler, Michael Reschke zum Sportvorstand zu machen, wird ihm vor allem mangelnde Transparenz vorgeworfen. Das betrifft vor allem seine frühere Tätigkeit als Chef der Firma Quattrex und die Tatsache, dass er aus diesen Fußballgeschäften mit Konkurrenten des VfB immer noch Ausschüttungen erhält. Außerdem wird bemängelt, dass es keine Information darüber gibt, wie hoch die Aufwandsentschädigung ist, die der ehrenamtliche Präsident vom VfB bekommt. Und nicht zuletzt wird Wolfgang Dietrich vorgeworfen, dass er seine Versprechung im Zuge der Ausgliederung bisher nicht halten konnte. Ein Ja zur AG sei ein Ja zum sportlichen Erfolg, hieß es damals. Davon kann im Moment aber keine Rede sein.