InterviewDer Experte Martin Seeliger über Gangsta-Rap „Kollegah kann sich sehr gut vermarkten“

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Zum Genre des Gangsta-Rap gehöre es, immer wieder tolle Geschichten über sich selbst zu erfinden, sagt der Politikwissenschaftler Martin Seeliger. Für die Fans authentisch zu bleiben, sei eine große Herausforderung.

Der Gangsta-Rapper Kollegah ist weiter auf Erfolgskurs mit der neuen CD-Box. Foto: dpa
Der Gangsta-Rapper Kollegah ist weiter auf Erfolgskurs mit der neuen CD-Box. Foto: dpa

Stuttgart - Der Titel ist offenbar Programm: „Platin war gestern“ heißt die neue CD-Box der Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang. Der Eklat rund um den Echo hat den Musikern nicht geschadet. Im Gegenteil: Die Fans sind begeistert und die Verkaufszahlen schnellen schon am ersten Verkaufstag nach oben. Der Politikwissenschaftler Martin Seeliger sagt, Gangsta-Rapper stünden immer wieder vor der Herausforderung, Geschichten zu erfinden um authentisch zu bleiben. Ein Gespräch über Gangsta-Rap und Antisemitismus.

Herr Seeliger, das Wesen des Gangsta-Rap ist die Abgrenzung von denen, die auf einen herabschauen. Wovon muss sich ein Jura-Student wie Kollegah abgrenzen?

Er ist ja nicht als Jurastudent auf die Welt gekommen. Er ist ein Sohn einer alleinerziehenden Mutter und hatte in der Jugend Kontakte ins kriminelle Milieu. Er war aber talentiert und leistungsfähig. Deshalb passt die Aufsteigergeschichte ganz gut zu ihm.

Er scheint es wirtschaftlich geschafft zu haben. Ist er damit noch authentisch?

Das Geld ist nicht automatisch bei allen Menschen da, die Gangsta-Rapper werden. Die Story, dass da einer von der Straße kommt und eine wahre Geschichten erzählt, lässt sich ja wiederholen. Aber klar, es stimmt. Bushido und Kollegah müssen sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, nicht mehr echt zu sein. Das ist eine der Herausforderungen, vor der die Rapper stehen. Nämlich immer wieder neue und interessante Geschichten zu erfinden, warum sie jetzt besonders toll sind.

Erklärt sich so die positive Wirkung des Echo-Eklats auf die Verkaufszahlen?

Das hat für sehr viel Aufmerksamkeit gesorgt. Mit dem Thema Holocaust hat Farid Bang, von dem der Text auf der gemeinsamen CD stammt, über ein in Deutschland besonders heikles Thema gesprochen. Ob das kalkuliert war, dazu kann ich nichts Definitives sagen.

Kollegah selbst sagt, dass alles kalkuliert war.

Sagt er? Ach Gott. Ich hab’ mir das immer so erklärt: der Typ hat von Haus aus eine antisemitische Agenda und kann sich gleichzeitig sehr gut vermarkten. Das und die mangelnde Sensibilität für die deutsche Erinnerungspolitik ermöglichen ihm einen Umgang, der sehr marketingorientiert ist. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Zeile „Mein Körper definierter als vom Auschwitzinsassen“ nicht von Kollegah ist. Aber er hat auch nicht gegen den Titel auf dem gemeinsamen Album interveniert.

Den Verkaufszahlen hat es genutzt.

Kann man so sagen. Das überrascht mich aber nicht. Man kann ja noch mal durchexerzieren, was anders wäre, wenn die beiden gehyptesten Rapper zusammen ein Doppelalbum machen und dann brechen die Verkaufszahlen ein, weil sich ganz viele Menschen denken: so ein geschmackloser Witz. Das wäre natürlich schön. Aber davon sind wir weit entfernt.

Ist Gangsta-Rap immer noch Rollenprosa, für die der Künstler in die Rolle des Gangsta-Rappers steigt?

Im Großen und Ganzen glaube ich da schon dran. Es gibt das eben in unterschiedlichen Ausprägungen. Es gibt Leute, die sind relativ nah an ihrem alltäglichen Charakter. Es gibt Leute, die schaffen eine reine Kunstfigur, die mit dem Menschen dahinter nichts mehr zu tun hat.

Versteht das Publikum das?

Das ist der große blinde Fleck der Kultursoziologie. Wir haben in diesem Bereich praktisch keine Rezeptionsforschung. Es gibt sicher Menschen, die damit nicht gut umgehen können.

Muss der Künstler das bedenken?

Man sollte Kunst nicht verbieten. Man sollte aufklären und in Sozial- und Bildungspolitik investieren.

Viele erwarten, dass die Gerichte einschreiten.

Es gibt ja noch etwas anderes als die große Keule. Es gibt immer mehr Rufe nach Indizierungsverfahren durch die Bundesprüfstelle. Dann dürfte etwas nicht mehr im Laden verkauft werden, oder erst ab 18.

Info: Die CD-Box „Platin war gestern“ ist bei Banger Musik/Alpha Music Empire erschienen. Es gibt sie auch als Download und im Angebot von Abo-Streamdiensten.