Deutsche TV-Serien So neuartig wie Schwarz-Weiß-Fernsehen

David Rott ist der Protagonist der neuen RTL-Serie „Bad Cop – kriminell gut“. Foto: dpa
David Rott ist der Protagonist der neuen RTL-Serie „Bad Cop – kriminell gut“. Foto: dpa

Mit einer „Fiction-Offensive“ will RTL den erfolgreichen amerikanischen Serien Konkurrenz machen. Aber nach innovativen Ideen sucht man weiterhin vergeblich. Daran ändert auch der Zehnteiler „Bad Cop“ nichts.

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Hamburg - Die TV-Serie hat es hierzulande schwer, seit ihr gemeinschaftsstiftendes Potenzial Geschichte ist. Während sie das Kino als Unterhaltungsplattform global langsam ablöst, schaffen es deutsche Produktionen kaum, Bedeutsamkeit zu erlangen. Was bleibt, ist der „Tatort“. Die Zeit für eine Serienoffensive ist daher überreif. Wenn Philipp Steffens in einem schicken Koch-Loft im Hamburger Hafen ankündigt, „die Dosis eigenproduzierter Fiction weiter zu erhöhen“, dann ist das zunächst eine prima Idee. Wäre da nicht sein Arbeitgeber RTL.

Der Bereichsleiter ist verantwortlich für das, was der Senderchef Frank Hoffmann stolz „Fiction-Offensive“ nennt. Kaum im Amt, hat der Geschäftsführer den enervierenden Kurs seiner Vorgängerin Anke Schäferkordt zur Scripted Reality spielerisch ergänzt. „Wenn wir als Marktführer stark sein wollen, müssen wir Fiction stärken“, ruft er vier Jahre später beherzt ins Publikum, vor allem aber: „Heimat sein für Talente und Kreative.“

Um das zu zeigen, hat Hoffmann sechs neue Serien zum „Werkstattgespräch“ mitgebracht. Klingt vielversprechend. Aber nach den Protagonisten des unterhaltsamen, nach elf Jahren allerdings etwas abgewetzten Pädagogik-Spaßes „Der Lehrer“, ruft Moderator Jan Köppen die Macher von „Cobra 11“ auf die Bühne. Seit 1996 sorgt die Serie der Dauer­explosionen für verlässlich annehmbare Quoten, aber eben auch für den miserablen Ruf von Eigenproduktionen Marke RTL. Wenn ausgerechnet die alt­gediente PS-Raserei den Auftakt zur RTL-Leistungsschau bildet, liegt die Latte ziemlich tief.

Logiklücken werden weggesprengt

Daran ändert auch das einzig sende­fertige Produkt im Sextett angeblicher Innovationen wenig. „Bad Cop“ ist – Achtung! – ein Polizeiformat, wenngleich mit frischeren Protagonisten als bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz. Als Kommissar Jesco Starck beim Drogendeal seines Bruders Jan erschossen wird, schlüpft der Kleinkriminelle in die Existenz seines rechtschaffenen Zwillings und narrt fortan alle, die es doch definitiv besser wissen müssten: Kumpels, Kollegen, Kinder, ja selbst die eigene Frau. Trotz charmanter Passagen ist der Zehnteiler daher ein Mix aus „Tschiller“ und „Pater Brown“, bei dem die Fäuste fliegen und Logiklücken einfach weggesprengt werden. Würde David Rott seiner Doppelrolle nicht solch lässige Nonchalance verleihen, das Drehbuch von Claudia Kratochvil wäre selbst für RTL-Verhältnisse zu unglaubwürdig.

Verglichen mit den anderen Serien der neuen Saison allerdings wirkt „Bad Cop“ fast schon dokumentarisch. Wenn Daniel Donskoy zum Beispiel als Trickbetrüger in „Saint Maik“ dank einer geklauten Soutane unbemerkt zum falschen Pfarrer wird, verirrt sich die „Fiction-Offensive“ des Senders im Klamauk der schwarz-weißen fünfziger Jahre. Wenn Bert Tischendorf als ge-hörnter Hausmann in „Beck is back!“ mit vier Kindern einen Neustart als Rechtsanwalt wagt, unterscheidet ihn abgesehen vom poppigen Titel nur das modernere Geschlechterbild vom biederen Unterhaltungsgenre der Achtziger. Auch sonst immatrikuliert sich RTL mit „Lifelines“ (Medizin) und „Jenny“ (Jura) lieber im Massenbereich der Fernsehunterhaltung als mal etwas zu wagen.

Drehbuchautoren zeigen Gesicht

Dass die Senderinitiative dennoch ein positives Signal von Hamburg aus in die Welt sendet, hat andere Gründe, personelle vor allem. Köppens Co-Moderator Sebastian Andrae bittet nämlich in seiner Rolle als Vorstand im Verband deutscher Drehbuchautoren nicht wie sonst üblich nur die Schauspieler aufs Podium, sondern auch einige Autoren. Deren Gesichter lassen denn auch deutlich erkennen, wie dankbar sie sind, auch einmal im Rampenlicht stehen zu dürfen.

Und nicht nur das. Von den in Hamburg anwesenden Autoren ist auch noch ein wesentlicher Anteil weiblich, was die RTL-Serien grundlegend vom Rest der Branche unterscheidet. Ganz besonders im Regiefach dominieren nach wie vor die Männer. Dass die Autorinnen dennoch dauernd Serientypen wie den kernigen Bundeswehrarzt der Medizinerserie „Lifelines“ ersinnen, mag dem Stammpublikum von RTL geschuldet sein und der Tatsache, dass immer mehr Serien in Teamarbeit entstehen. In diesem Fall sind fünf Autoren für zehn Folgen am Werk. Vielleicht ist das am Ende die wichtigste Botschaft dieses Tages: Der Writer’s Room, die Autorenwerkstatt nach erfolgreichem US-Vorbild, ist endlich auch in Deutschland angekommen.




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