Deutscher Herbst 1977 Endstation Dornhaldenfriedhof

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Vor 35 Jahren wurden die Terroristen Ensslin, Baader und Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof beigesetzt. Drei Augenzeugen blicken zurück.

Eduard Kreer (vorne rechts) trägt Sarg eins. Welche Leiche darin liegt, wurde ihm nicht mitgeteilt.Foto:dpa Foto:  
Eduard Kreer (vorne rechts) trägt Sarg eins. Welche Leiche darin liegt, wurde ihm nicht mitgeteilt. Foto:dpa

Stuttgart - Unter der Rubrik „Bestattungen“ erscheint in der Stuttgarter Zeitung am 27. Oktober 1977 der lapidare Terminhinweis: „Gudrun Ensslin (37 J.), Andreas Baader (34 J.), Jan-Carl Raspe (33 J.), alle aus Stuttgart-Stammheim, Asperger Straße 30, Dornhaldenfriedhof, 10 Uhr.“

Noch zwei Stunden. Eduard Kreer zieht seine Totengräberuniform an. Die Floristin Edith Bengs fährt in ihrem gelben Fiat 128 von Botnang zur Friedhofsgärtnerei Tiedemann. Bruno Streibel, Pfarrer der Rosenbergkirche, sammelt sich in der Sakristei für die bevorstehende Trauerfeier. Es beginnt der härteste Arbeitstag im Leben von Kreer, Bengs und Streibel.

1977 ist ein blutiges Jahr in der deutschen Geschichte. Am 7. April ermorden Mitglieder der Roten- Armee-Fraktion den Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Drei Wochen später werden die RAF-Führungsfiguren Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe für frühere Taten zu lebenslanger Haft verurteilt. Die RAF will sie freipressen. Jürgen Ponto soll aus seiner Villa entführt werden; der Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank wehrt sich und wird erschossen. Den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und die Lufthansa-Maschine „Landshut“ bringen die Terroristen in ihre Gewalt. Der Staat gibt nicht nach, lässt das Flugzeug von der Spezialeinheit GSG 9 am 18. Oktober in Mogadischu stürmen. Die Passagiere bleiben unverletzt. Arbeitgeberpräsident Schleyer wird von seinen Entführern umgebracht.

In den Stunden zwischen der erfolgreichen Polizeiaktion in der somalischen Hauptstadt und Schleyers Hinrichtung durch ein RAF-Kommando begehen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe kollektiv Selbstmord. Baader erschießt sich in Zelle 719 der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim mit einer Pistole. Gudrun Ensslin erhängt sich in Zelle 720 mit einem Lautsprecherkabel am Fenstergitter. Jan-Carl Raspe hält sich in Zelle 716 eine Waffe der Marke Heckler und Koch an die Schläfe und drückt ab.

„Mit dem Tod muss alle Feindschaft enden“

Ministerpräsident Hans Filbinger drängt darauf, dass nur die Schwäbin Ensslin in seinem Musterländle beigesetzt wird. Die Leichen von Baader und Raspe sollen nach Frankfurt und Berlin abgeschoben werden, den Wohnorten ihrer nahen Angehörigen. Filbinger weiß die breite Öffentlichkeit hinter sich. Doch Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel ignoriert sowohl den gnadenlosen Landesvater als auch die kochende Volksseele und lässt ein Gemeinschaftsgrab auf dem Dornhaldenfriedhof zu. „Mit dem Tod muss alle Feindschaft enden“, spricht Rommel. In einer Aktennotiz des Friedhofsamts heißt es, das Stadtoberhaupt „möchte auch verhindern, dass Särge in der Republik herumgeschoben werden und niemand sie haben will“.

Wer soll die Trauerfeier leiten? Der pensionierte Pfarrer Helmut Ensslin würde gerne selbst bei der Beerdigung seiner Tochter Gudrun und deren RAF-Genossen predigen, doch diesen Wunsch erfüllt ihm der Evangelische Oberkirchenrat nicht. Zudem wird Ensslin, der an der behördlichen Kollektivselbstmorddarstellung offen zweifelt, „nachdrücklich aufgefordert, keine Verdächtigungen und Vermutungen mehr über den Tod der drei Terroristen zu äußern“.

Bruno Streibel, Pfarrer im Stuttgarter Westen, schätzt seinen früheren Amtskollegen als ehrlichen, hochgebildeten Christen. Streibel schämt sich für jene in der Kirche, die Helmut Ensslin für die Taten seiner Tochter mitverantwortlich machen. Er ist überzeugt, dass den trauernden Vater keine Schuld trifft, dass ihm bitter Unrecht getan wird. Der junge Seelsorger will tun, was er für die Familie tun kann. Obwohl er eigentlich Urlaub hat, bietet Streibel an, die Beerdigung zu leiten. Helmut Ensslin ist einverstanden.

In den folgenden Nächten steht Streibel häufig auf, um an seiner Trauerrede zu feilen. Was soll er am Grab sagen? Würde der Pfarrer von einem „Suizid“ sprechen, könnte man ihn für einen Handlanger des Staates halten. Würde er eine Formulierung wie „unter mysteriösen Umständen“ wählen und damit die Möglichkeit einer anderen Todesursache offenlassen, würde ihm das womöglich als Parteinahme für die RAF ausgelegt. In der dritten schlafarmen Nacht sitzt er vor seiner Schreibmaschine und tippt drauflos: „Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin sind tot. Wir legen sie in diese Erde.“ Bruno Streibel hat ebenso unverfängliche wie treffende Worte gefunden.

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