Fett, beschämt, schuldig – so hat sich Markus Hirschle, 41, fast sein ganzes Leben lang gefühlt. Als Kind, Teenager, Erwachsener: Immer wieder quält er sich mit Diäten, bewegt sich viel, stellt die Ernährung um. Und doch legt er zu. Am Ende wiegt der 1,90 Meter große Mann 280 Kilo, so viel wie vier Waschmaschinen. Er verachtet sich und seinen Körper. „Ich war jenseits von Gut und Böse, wollte nicht mehr leben.“
Inzwischen hat sich Hirschle quasi zweimal selbst abgenommen: Mit 90 Kilo bringt er nur noch ein Drittel seines einstigen Gewichts auf die Waage. „Mir geht es endlich richtig gut“, sagt er. Bis dahin war es ein harter Weg, voller Demütigungen und Schmerz.
Von klein auf wurde Hirschle ausgegrenzt
Die Leidensgeschichte beginnt früh. Von klein auf sei er „stabil“ gewesen, erzählt er. „Ich kam schon mit elf Pfund zur Welt.“ Und er hat immer gern gegessen. Eigentlich kein Problem. Ob dick oder dünn, jeder ist schön. Oder nicht? Was seit einiger Zeit die Idee der Body Positivity propagiert, klingt wunderbar – nur funktioniert es im echten Leben meistens nicht, sagt jedenfalls Markus Hirschle. „Wenn mir ein Dicker erzählt, dass er sich in seiner Haut wohl fühlt, glaube ich das nicht.“
Anders zu sein, vom Normalen abzuweichen, ist nie einfach. Erst recht nicht als Kind auf dem Land. In Heroldstatt, seinem Heimatdorf auf der Alb, wird Markus schon in der Schule gepiesackt, verlacht, ausgegrenzt. Erst später, als freiwilliger Sanitäter beim Rettungsdienst, knüpft er Kontakte. Er bleibt aber ein Außenseiter. Die einzige, die immer zu ihm hält, die ihn beschützt, ist seine Mutter. Bei ihr lebt er noch heute, obwohl er seit einigen Jahren eine Freundin hat.
Fast Food gegen die Einsamkeit
Abschätzige Blicke, Getuschel, Häme: „Ich musste mir jede erdenkliche Beschimpfung anhören, ,du fette Sau‘ gehörte noch zu den netteren“, erzählt Markus Hirschle. Übermäßig habe er nie gegessen, auch wenn ihm das alle unterstellt hätten. Sein Körper verwerte Kalorien nicht gut. Als Lkw-Fahrer im Baustellenverkehr ist er ständig im Stress. Auch beim Ehrenamt geht es hektisch zu. Er verschlingt Fast Food gegen den Frust und gegen die Einsamkeit. „Zudem schwitze ich wenig, mein Körper hat Wasser eingelagert.“
Aus dem Haus geht er ungern. Selbst zum Einkaufen traut er sich kaum. Am liebsten schaut der junge Mann aus dem Fenster und träumt vor sich hin. Von einem leichteren Leben, von Reisen, von Freundschaften und von einer Partnerschaft. Ab und zu wechselt er mit der Nachbarin ein paar Worte, wenn sie die Wäsche raus hängt.
Je massiger der Leib, umso kleiner wird seine Welt. Zuletzt verlässt Markus Hirschle die Wohnung gar nicht mehr. Aus Scham, aus Furcht vor Spott – und auch, weil es gar nicht mehr geht. Die Knochen können den massigen Körper kaum noch tragen. Er ist berufsunfähig, schafft es gerade mal vom Bett aufs Sofa. Der Pflegedienst kommt ins Haus.
Ein Jahr lang nur in der Wohnung
Ein Jahr lang besteht das Leben aus fernsehen, am Handy daddeln und essen. Die Beine werden dicker, er liegt sich wund, hat unerträgliche Schmerzen. Das Atmen fällt ihm immer schwerer, beim Schlafen ist er an ein Sauerstoffgerät angeschlossen. „Ich hatte jeden Abend Panikattacken und Angst, dass ich die Nacht nicht überlebe.“ Seine Mutter Marga, 74, bleibt der einzige Anker.
An seinen Waden bilden sich riesige Blasen – „von den Wassereinlagerungen“, erklärt Markus Hirschle. Eines Tages platzt die Haut auf. Er liegt in einer Lache, weiß sich nicht zu helfen, ruft die Mutter von der Arbeit heim: „Das war schmerzhaft, aber vor allem unfassbar peinlich.“ Der Arzt warnt: Er stehe kurz davor, innerlich zu ertrinken. „Man hat mir noch acht Wochen gegeben.“
Mit dieser Prognose verlässt ihn die letzte Kraft. Markus Hirschle setzt alle Tabletten ab. „Jetzt ist Feierabend“, denkt er sich. „Ich kann und will nicht mehr.“ Die Mutter fleht er an: „Lass mich sterben!“ Doch sie sagt: „Bua, wir kämpfen.“ Aber wie? Die entscheidende Wendung kommt durch den Rat des Hausarztes: „Er hat mich ins Klinikum Stuttgart geschickt.“ Das sei seine Rettung gewesen. Die Befreiung.
„Adipositas ist eine schwere chronische Krankheit, auch wenn das in der Gesellschaft bis heute nicht wirklich anerkannt wird“, erklärt Tobias Meile. Der Mediziner leitet das Adipositaszentrum im Krankenhaus Bad Cannstatt, das zum Klinikum Stuttgart gehört. „Viele Menschen halten Adipöse für dumm und willensschwach und gefräßig“, sagt der Chirurg.
In Deutschland ist inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig, ein Viertel ist adipös, sprich hat einen Body Mass Index (BMI) von 30 und mehr. Die Betroffenen belasten damit ihre Gelenke und haben ein hohes Risiko für Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Die üblichen Ratschläge wie „Lass dich nicht so gehen!“ – „Mach mehr Sport!“ – „Iss nur noch die Hälfte!“ seien für schwer Übergewichtige aber keine Unterstützung, kritisiert Tobias Meile. Denn ihr Körper arbeite oft gegen sie. „Den meisten hilft nur noch eine Operation.“
Etwa 1000 schwer adipöse Patienten lassen sich am Klinikum Stuttgart jedes Jahr operieren, deutschlandweit sind es 20 000. In Cannstatt sind vier Fünftel der OP-Patienten Frauen: „Obwohl es mehr übergewichtige Männer gibt“, wie Tobias Meile weiß. Operiert wird nur, wenn es aus medizinischer Sicht notwendig ist. Das Krankenhaus richtet sich dabei nach den von Expertengruppen entwickelten Leitlinien, die Ärzte bei der Entscheidungsfindung über die angemessene Behandlung einer Krankheit unterstützen.
Eine OP kostet bis zu 15 000 Euro
In Deutschland werden für den Eingriff, je nach Klinik und OP-Methode, zwischen 7000 und 15 000 Euro fällig. Ob die Kasse zahlt, entscheidet sie im Einzelfall. Bedingung für eine Zustimmung ist unter anderem ein Body Mass Index von über 35 samt Folgeerkrankungen. Und zuvor müssen andere Möglichkeiten wie Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapien gescheitert sein.
Markus Hirschle bekommt die Magenverkleinerung schließlich bewilligt. Von den unterschiedlichen Methoden – Einsatz eines Ballons oder Bands, Bypass oder Schlauchmagenoperation – wählt er vor sechs Jahren nach langer Beratung die letzte Variante. Am 3. Mai 2017, den er als zweiten Geburtstag sieht, kommt er unters Messer. Der Eingriff ist laut Tobias Meile längst kein Risiko mehr – „das war in den 80er Jahren noch anders“. Heute handle es sich um Routine. Die OP dauert 45 bis 60 Minuten und verläuft in den allermeisten Fällen problemlos. Auch bei Markus Hirschle geht alles gut: „Am zweiten Tag war ich wieder auf den Beinen.“
Die Ärzte haben seinen Magen um etwa zwei Drittel verkleinert. In Größe und Form ähnelt er nun einer Banane. Damit ist der Weg aber längst nicht zu Ende. Es folgen zahlreiche Termine. „Eine Operation reduziert nicht automatisch das Gewicht“, betont Tobias Meile. Die Patienten müssen zum Beispiel regelmäßig Sport machen. Zudem werden sie am Klinikum weiterhin von Ärzten, Psychologen und Ernährungsberatern unterstützt. „Sie müssen lernen, dass man auch mit weniger Essen gut auskommt“, sagt Meile. Für viele sei das ein Aha-Erlebnis.
Etwas Quark – mehr passt nicht rein
Auch Markus Hirschle isst inzwischen nur noch wenig: „Ich kann meist nur einige Bissen zu mir nehmen, bekomme höchstens ein paar Löffel Quark auf einmal runter. Oder, passend zur Magenform, eine Banane.“ Das Essen von früher vermisst er nicht. Gut, ab und zu gönnt er sich ein Stück Schokolade. Das sei keine Sünde, sondern von seiner Ernährungsberaterin ausdrücklich erlaubt. Auch die vielen Folge-Operationen hat er auf sich genommen: Hautlappen an Armen, Beinen und Fettschürzen am Bauch mussten entfernt werden. Was wiegen die großen, wulstigen Narben schon im Vergleich zu den seelischen Verletzungen?
Heute hat der einst begeisterte Fußballer wieder Spaß an Sport. „Dazu muss man den inneren Schweinehund überwinden“, sagt Hirschle. Diesen Kampfgeist besitzen nicht alle. „Die Erfolgsquote ist schwer festzulegen“, sagt Meile. Laut Studien nehme etwa jeder fünfte Patient nach der Operation langfristig wieder viel zu, samt deutlicher Einschränkung der Lebensqualität. „Fünf bis zehn Prozent werden erneut operiert.“ Das muss Markus Hirschle nicht fürchten: „Ich fühle mich sehr gut. Früher hatte ich Bluthochdruck, Diabetes, Schlafapnoe, extrem hohe Leberwerte. Das ist Geschichte.“
„Mein Sohn ist geselliger geworden“
Nicht nur die Gesundheit hat sich verbessert. „Mein Sohn ist viel offener geworden“, sagt Marga Hirschle. Er gehe jetzt auch auf Menschen zu und sei geselliger. Er macht Ausflüge mit seiner Freundin, kürzlich waren sie zusammen im Urlaub. Er arbeitet auch wieder – auf einem Hofgut, wo sich der gelernte Metzger viel bewegen muss.
Für das Zeitungsfoto geht es in die hofeigene Metzgerei in Münsingen. Markus Hirschle steht hinter der Theke, umgeben von Schwarzwürsten, Landjägern, Fleischsalat. Früher wäre das ein denkbar schlechter Arbeitsplatz gewesen. Heute mache ihn Wurst nicht mehr an, sagt er. Ab und zu isst er ein Leberkäsweckle – „über den Tag verteilt, auf drei, vier Mal. Mehr geht nicht.“
Beim Foto-Shooting weiß er nicht recht, wie und wohin er gucken soll. „Jetzt lachst du alle aus, die früher über dich gelacht haben“, ruft ihm der Fotograf zu. Das ist nicht Markus Hirschles Art. Stattdessen blickt er nachdenklich auf seine Narben, dann in die Kamera. Er lächelt. Ja, er hat es geschafft. „Jetzt will ich anderen Mut machen und zeigen: Leute, kämpft um euer Leben. Es lohnt sich.“