Die Ära Peter Boudgoust endet – eine Bilanz Der SWR-Erneuerer geht
Wie wird man eigentlich SWR-Intendant? Peter Boudgoust hat seinen Rückzug angekündigt. Nun muss ein Nachfolger her. Doch wer bestimmt ihn? Und was verdient er?
Wie wird man eigentlich SWR-Intendant? Peter Boudgoust hat seinen Rückzug angekündigt. Nun muss ein Nachfolger her. Doch wer bestimmt ihn? Und was verdient er?
Stuttgart - Suchen Sie gerade einen neuen Job? „Die Stelle der/des Intendantin/Intendanten (M/W/D) des Südwestrundfunks“ ist neu zu besetzen, so hieß es kürzlich in einer Stellenanzeige. Dienstantritt: 1. Juli – der Vorgänger im Amt, Peter Boudgoust, hat zu diesem Termin nämlich seinen vorzeitigen Rücktritt angekündigt. Gewünschte Qualifikationen: eine starke, authentische Persönlichkeit, entscheidungsstark, führungserfahren, sozialkompetent, kommunikativ.
Zum Gehalt macht die Anzeige keine Angaben. Doch der jetzige Intendant verdient pro Jahr 338 000 Euro – das ist zweifellos die Verhandlungsmarke. Interessenten richten ihre Bewerbungen bis spätestens 1. März an die „Geschäftsstelle Rundfunkrat und Verwaltungsrat des SWR“.
Seit zwölf Jahren ist Peter Boudgust Intendant des SWR. Bei seinem Antritt 2007 wurden die Programme des Senders vielfach belächelt: ein Wechselbad aus „Fröhlichem Weinberg“, zahllosen „Tatort“-Wiederholungen und erschreckend schlechten Einschaltquoten. Adjektive wie betulich, verschnarcht und profillos hielten wie Mörtel eine Mauer zusammen, die über die Jahre zwischen einem Teil der Zuschauer und dem SWR gewachsen war. Ist das Boudgousts Ära besser geworden? Hat er den Sender flott und erfolgreich gemacht?
Boudgoust war zuvor beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) Justiziar und Finanzdirektor und später Verwaltungsdirektor des SWR sowie Geschäftsführer der SWR Holding GmbH. Viel mehr war von dem CDU-Mann aus Kirchheim unter Teck nicht bekannt. Inzwischen hat es der 64-Jährige, der eher den Erfolg als den Applaus sucht, geschafft, dass der SWR auf der Rangliste der dritten Programme langsam, aber stetig weiter nach oben geklettert ist. Als Modernisierer ging Boudgoust behutsam, dafür kontinuierlich und mit klarer Linie vor.
Seriosität ist ein Lieblingswort von Boudgoust. Und weil er nicht gern bei Worten bleibt, sondern lieber Taten folgen lässt, hat er die Nachrichtenschiene im Programm zur Nachrichtenmarke umgebaut. 2014 wurde aus der zuvor 15-minütigen „Landesschau“ eine 30-minütige Sendung, um die Vorgaben des Intendanten besser umsetzen zu können: mehr Relevanz und mehr Regionalität. Mittlerweile gibt es Landesinfos also von 18 bis 20 Uhr. Das aktuelle politische Geschehen in Baden-Württemberg fasst einmal in der Woche Clemens Bratzler in „Zur Sache Baden-Württemberg!“ zusammen – Bratzler, das SWR-Gesicht für gute Politik.
Das Aushängeschild „Kultur“ trägt beim SWR nun Denis Scheck, bundesweit als Herr der Neuerscheinungen im Literaturmagazin „Druckfrisch“ bekannt, um den Hals. Für den SWR ist er das Gesicht der Sendung „Lesenswert“ und auch jenseits dieses Formats tätig. Die Formel lautet: SWR plus Kultur ist gleich Denis Scheck.
Von Anfang an hat sich Peter Boudgoust für große Themenabende eingesetzt – nicht zuletzt, weil er sie für gemeinschaftsstiftend hält. Mehr als sieben Millionen Zuschauer gaben ihm Recht, als zum Beispiel 2008 im Ersten nicht nur „Mogadischu“ lief, sondern sich ein ganzer Abend um die Entführung der Landshut-Maschine im Herbst 1977 drehte. Aus dem Hause SWR folgten Schwerpunkte über Erwin Rommel, schmutzige Waffengeschäfte, gefährliche Medikamente und den Terror.
Genauso aufsehenerregend: der „Tatort“ aus Stuttgart mit Richy Müller und Felix Klare als Ermittlerteam Lannert und Bootz. Fernab von Bienzle und behäbigem Schwabentum liegen die neuen Fälle, sie sind – ob es nun um die RAF oder den Stau geht – inzwischen ernsthaft diskussionswürdig, auch außerhalb von Baden-Württemberg. An die Blässlichkeit von Eva Mattes als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum am Bodensee erinnert sich jetzt schon kaum einer mehr. Die neuen Kommissare im Schwarzwald, Berg (Hans-Jochen Wagner) und Tobler (Eva Löbau), haben die mauen Erinnerungen eindrucksvoll überschrieben. Boudgoust hat es so geschafft, dem SWR im Senderverbund ARD zu steigenden Imagewerten und zu einem neuen Status zu verhelfen.
Seinen Vorsatz, das Programm näher an die Lebenswirklichkeit der Menschen heranzurücken, hat Peter Boudgoust mit einer Schärfung des Ratgeber-Profils eingehalten. Die Ausstrahlung des beliebten „Marktchecks“, der Fragen zum Verbraucherschutz behandelt, wurde auf 20.15 Uhr – also in die Primetime – vorgezogen. Recht neu im Programm ist „Der Gesundheitscoach“, mit dem der SWR auf die verbreitete Unsicherheit vieler Patienten reagiert. Dr. Lothar Zimmermann begleitet darin Menschen in außergewöhnlichen gesundheitlichen Lagen – unaufgeregt und im Wortsinn heilsam.
Nicht zuletzt hat sich Boudgoust während seiner zweiten Amtszeit für neue Formate zur Bindung junger Zuschauer eingesetzt. Ein öffentlich-rechtlicher Jugendkanal war sein zentrales Ziel, ein Orientierungsmedium für Menschen zwischen 14 und 29 Jahren, ein Gegenpol zu Krawallshows und Trash-Fernsehen. Im Oktober 2016 war es dann soweit. Im Internet ging „funk“ an den Start, unter dem Motto: „Wir sind funk, wir sind ARD und ZDF und wir sind kein Fernsehkanal“. Wie sich der SWR jetzt gegen die Konkurrenz aus dem Internet und der Streamingdienste stellen will, das bleibt Aufgabe des neuen Intendanten.
Die Position des Intendanten ist mächtig, aber auch verantwortungsvoll. Der Südwestrundfunk ist die öffentliche-rechtliche Rundfunkanstalt für die Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die zweitgrößte innerhalb der ARD. Laut Rundfunk-Staatsvertrag trägt der Intendant „die Verantwortung für den gesamten Betrieb und die Programmgestaltung und hat dafür zu sorgen, dass das Programm den gesetzlichen Vorschriften entspricht.“ Es ist ein Wahlamt auf fünf Jahre, das beliebig oft um diese Zeit verlängert werden kann. Boudgoust wurde 2006 erstmals und 2011 sowie 2016 wiedergewählt. Die Entscheidung über den Intendanten fällt in einer gemeinsamen Sitzung von SWR-Rundfunk und -Verwaltungsrat.
Dieser Kreis von 82 Personen soll die Gesellschaft im Südwesten repräsentieren, die den Sender trägt und finanziert. Nur ein kleiner Teil davon stammt aus den beiden Landtagen. Der überwiegende Teil wird entsandt aus Vereinen und Verbänden des Sports und der Kultur, der Religionsgemeinschaften, der Gewerkschaften und Sozialverbände. Am 22. März will dieser Kreis die Bewerbungen sichten und einen Wahltermin festlegen.
In früheren Jahren waren Intendantenwahlen in der ARD stark von Parteigesichtspunkten geprägt. Einige richterliche Entscheidungen haben das eingeschränkt. Aber selbst, wenn es immer noch so wäre, ist der Südwesten Deutschlands ja längst nicht mehr politisch so schwarz, wie er es mal war: In Stuttgart stellen die Grünen den Ministerpräsidenten, in Mainz koaliert die SPD mit FDP und Grünen. Das macht die Boudgoust-Nachfolge (er selbst ist CDU-Mitglied) politisch offen.
Naturgemäß haben Bewerbungen aus dem Hause Startvorteile: Man kann im Vorstellungsgespräch damit punkten, den Laden von innen und aus dem ff zu kennen. Damit richtet sich der Blick auf die aktuellen Mitglieder der SWR-Geschäftsleitung, vor allem auf die beiden Direktorinnen der Landessender, Stefanie Schneider (Baden-Württemberg) und Simone Schelberg (Rheinland-Pfalz). Beide wären zudem als Intendantin eine weitere Frau innerhalb der ARD-Spitze. Um den Chefposten weiblich zu besetzen, könnten sich die Frauen in den Gremien allerdings auch um eine prominente Bewerberin von außen bemühen. Die lange favorisierte Chefin der ARD Degeto, Christine Strobl, die Frau von Landesinnenminister Thomas Strobl und Tochter des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble, hat allerdings kürzlich im Interview mit unserer Zeitung abgesagt.
So richtig produktiv wird das Spekulieren ohnehin erst, wenn nach dem 22. März klar ist, wer auf der Kandidatenliste steht. Wobei man gerade beim Spekulieren furchtbar falsch liegen kann: Peter Boudgoust ging am 1. Dezember 2006 als krasser Außenseiter in die Abstimmung.