Die EnBW in der neuen Energiewelt Strom wird zum Geschäft Gleichgesinnter

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Erneuerbare Energien machen die Stromwelt dezentraler – und Energieversorger ein Stück weit obsolet. Mit Community-Angeboten wollen sie zumindest als Dienstleister noch im Geschäft bleiben. Die EnBW hat dafür das Angebot Solar+ aufgelegt.

Thomas Reyer versorgt sich und seine Familie mit Solarstrom selbst – und wenn etwas über bleibt, auch andere. Foto: Horst Rudel
Thomas Reyer versorgt sich und seine Familie mit Solarstrom selbst – und wenn etwas über bleibt, auch andere. Foto: Horst Rudel

Neuhausen - Thomas Reyer ist bekennender Technikfreak. Es kann ihm kaum kompliziert genug sein, sagt der 43-Jährige. Und dass er auf seinem Smartphon sehen kann, wie viel Strom seine Solaranlage auf dem Dach gerade erzeugt, fasziniert ihn enorm. „Ich gucke bestimmt einmal pro Tag drauf“ , erzählt Reyer am Esstisch seines neu gebauten Hauses in Neuhausen auf den Fildern. „Einmal?“, wirft seine Frau Manuela ein, „Eher zehnmal!“

Wie voll ist der Speicher auf dem Dachboden? Wie viel Geld hat die dreiköpfige Familie samt den Schwiegereltern, die im ersten Stock wohnen, durch den selbst erzeugten Strom heute schon gespart? Diese Woche? Diesen Monat? All das kann Reyer auf seinem Smartphone dank der App Solar+ sehen. Sie gehört zum gleichnamigen Angebot, mit dem die EnBW das fördern will, was die Energiewirtschaft seit geraumer Zeit elektrisiert: den Prosumer.

Hinter diesem Kunstwort aus Consumer (also Verbraucher) und Producer (Produzent) steckt die Erkenntnis, dass in einer dezentralen Energiewelt nicht verbrauchende Kunden dominieren, sondern solche, die selbst als Erzeuger von Strom tätig sind. Diesen Strom nutzen sie beispielsweise für ihr E-Auto, dessen Batterie wiederum der Allgemeinheit als Speicher zur Verfügung steht. Die klare Trennung der Energiewelt von gestern entfällt damit und macht den Versorger alter Schule ein Stück weit obsolet. Entsprechend suchen die Unternehmen Alternativen.

Der Prosumer versetzt die Branche in Wallung

Die EnBW probiert das mit Solar+. Nach etwas holprigen Anfängen vor einem Jahr – „wir hatten einige Lerneffekte beim Ausrollen“, so ein Sprecher – läuft das Angebot langsam in geregelten Bahnen. Die Idee: Hausbesitzer oder Bauherren erhalten nach einer Analyse der Möglichkeiten ein Angebot für eine Photovoltaikanlage samt Installation und Speicher. Mit einem für 199 Euro jährlich zubuchbaren „Rundum-Sorglos-Paket“ ist die Überwachung, Wartung, Entstörung und Instandhaltung der Anlage in den ersten zehn Jahren inklusive – ab dem elften Jahr gibt es einen Selbstbehalt von bis zu 600 Euro.

Die EnBW garantiert 90 Prozent der prognostizierten Einsparung

Hinzu kommen mehrere Feinheiten. So ist in der Offerte eine Abschätzung enthalten, wie viel Geld der Kunde sparen kann – zugrunde gelegt ist dabei der durchschnittliche Strompreis nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Für 90 Prozent dieser prognostizierten Einsparung steht die EnBW gerade. Soll heißen: Spart der Kunde weniger, gleicht der Karlsruher Energiekonzern das aus. Reyers rechnen laut Angebot mit 1422 Euro Sparpotenzial. Über den aktuellen Stand informiert die App.

Angegeben ist im Angebot außerdem die voraussichtliche Autarkiequote des künftigen Sonnenstromerzeugers. Den Reyers hat der Berater vorhergesagt, dass sie 47 Prozent ihres Stroms selbst erzeugen können. Was der Kunde darüber hinaus benötigt, kann er vorzugsweise aus der Gemeinschaft („Community“) der Solar+-Kunden beziehen. Denn während es vielleicht bei Reyers in Neuhausen gerade nieselt, scheint bei den Solar+-Kunden in Heilbronn so die Sonne, dass deren Produktion über ihrem Bedarf inklusive der Speicherkapazität liegt. Vorteil: Reyer bezahlt nur 19,9 Cent pro Kilowattstunde. Verkauft er Strom an Community-Mitglieder, erhält er 12,61 Cent und damit etwas mehr, als die Einspeisung ins Netz brächte.

Die Mitgliedschaft kostet den Kunden – je nach gebuchter Paketgröße – monatlich zwischen 19,99 und 42,49 Euro im Monat. Im ersten Jahr gehört die Community zum Angebot – danach kann der Kunde aussteigen und irgendeinen alternativen Tarif am Markt wählen. In einer späteren Ausbaustufe soll es zudem möglich sein, dass man Stromüberschüsse gezielt einem anderen Haushalt überweisen kann – beispielsweise der studierenden Tochter in der Mietwohnung. Reicht die aktuelle Strommenge der Community nicht aus, springt die EnBW mit Ökostrom für 19,9 Cent pro Kilowattstunde ein. Ziel ist, dass sich die Community eines Tages selbst versorgen kann.

Gamingansätze erhöhen die Motivation

Schließlich verspricht die EnBW, dass jeder Solar+-Kunde bis zu 600 Kilowattstunden jährlich geschenkt erhält: Der Konzern verwertet so überschüssigen Strom, dessen Produktion er sonst abregeln müsste. Dabei gewinnen also beide Seiten. Zudem hat es seinen psychologischen Effekt, wie EnBW-Mann Stefan Heeg erklärt: Denn so kommt ein Gamingansatz ins Produkt. Zu deutsch: ein spielerisches Element, das die Motivation und emotionale Bindung des Kunden erhöht.

Die EnBW will nicht der günstigste Anbieter sein

Über solche Geschenke in kleinem Umfang hat sich Thomas Reyer auch schon gefreut – die App auf seinem Smartphone unterrichtet ihn darüber via Push-Nachricht. Eigentlich hatte er das Thema Solaranlage schon ad acta gelegt, weil den Reyers das anfängliche Angebot ihres Bauträgers zu teuer und intransparent erschien. Als das Paar dann bei einer Verbrauchermesse auf Solar+ stießen, schlugen sie zu. Rund 30 000 Euro haben sie für die Anlage bezahlt: 9,88 Kilowatt Fotovoltaikzellen auf dem Dach und auf der Bühne den Wechselrichter plus 8,3 Kilowatt Speicher vom Nürtinger Hersteller ADS-Tec.

Im Photovoltaikforum im Internet wird das als teuer kritisiert. Das Angebot liege im mittleren Preissegment entgegnet ein EnBW-Sprecher. Für die ins Auge gefasste Zielgruppe der Besitzer von Ein- und Zweifamilienhäusern sei Solar+ in der Regel wirtschaftlich attraktiv. Und „in Fällen, in denen das auf Grund örtlicher Gegebenheiten nicht so sein sollte, sagen wir das den Kunden auch“. Bei Reyers soll sich die Photovoltaikanlage nach 15 Jahren amortisiert haben, wie das Ehepaar selbst errechnet hat.

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