Gute Stimmung im Wilhelma-Theater. Nach mehr als drei Stunden quirliger Bühnenaktion darf das Ensemble der Opernschule der Stuttgarter Musikhochschule erschöpft und erleichtert den Applaus genießen. Die Operette der Operetten, Johann Strauß’ „Fledermaus“, feierte Premiere: das Bühnenwerk mit der am stärksten sexuell aufgeladenen Stimmung überhaupt. Jeder macht mit jedem rum und hintergeht und belauert dabei die anderen.
Das Leben ist ein Gefängnis
Der Komponist Alexander Krampe hat die Partitur für den engen Orchestergraben des Wilhelma-Theaters neu arrangiert: für Salonorchester, das in der Leitung von Ulrich Kern die Musik zum Hicksen, Hüpfen, Walzen, Schmachten, Lechzen bringt. Bloß fehlt dem Wilhelma-Strauß ein bisschen die Eleganz, das Fliegende, das Feine. Nicht nur der Walzer will nicht wienern. Victoria Stevens hat Regie geführt und die „Fledermaus“ aus der Wiener Gründerzeit in eine heutige Partygesellschaft geholt: in eine gelangweilte Community, die ihre innere Leere mit Alkohol, Tabletten und Quickies betäubt. Sex sells, Selbstoptimierung auch, und die Moneten spielen natürlich eine Rolle: Eisenstein (Lars Tappert), Rache-Opfer seines Kumpels Falke (Jasper Lampe), ködert seine außerehelichen Techtelmechtel mit einer Rolexuhr. Den größten Spaß hat man ohnehin, wenn andere gedemütigt werden.
Fürs hitzige Ränkespiel hat Basia Binkowska einen weißen Kasten mit Treppenzugang und Seiteneinstiegen auf die Bühne gebaut, deren Rückwand als Treppenhaus geformt ist – aus der Sicht von oben. Eine hübsche optische Spielerei. Gelegentlich öffnet sich die Bühne nach hinten, wo partymäßig abgehottet wird. Ansonsten engt der Kasten die Bewegungsfreiheit ein: Das Leben in diesem Zustand ist halt ein Gefängnis.
Ein Prinz als Dildo schwingende Prostituierte
Schade, dass Stevens nicht alleine auf die Musik von Strauß vertraut und die Fete, auf der Falke seine Rache-Erotik-Falle zuschnappen lässt, einige Male von Technostampf heimsuchen lässt. Wie auch die Idee etwas verunglückt erscheint, Lana Maletic den partygebenden Prinzen Orlofsky nicht als Hosenrolle, sondern als Dildo schwingende, lasziv sich auf dem Tresen rekelnde Prostituierte spielen zu lassen. Das nimmt dieser Figur jede Doppelbödigkeit. Maletic singt derweil ihren Part höhensicher und mitreißend aggressiv, während Yuliia Surushkina als knitze Bedienstete Adele mit ihrem geschmeidig-tirilierenden Sopran begeistert und Piotr Gryniewicki als hinreißender Rosalinde-Seitensprung Alfred offenbart, dass er bereits über ein gediegenes Maß an professioneller Bühnenerfahrung verfügt. So auch der Schauspieler Wiktor Grduszak, der als Gerichtsdiener Frosch in einer Soloperformance das Alibi Alkohol auf die Schippe nimmt: als wären sie nicht selbst schuld an ihrem Schlamassel.
Was eine Opernschulenproduktion naturgemäß widerspiegelt, nämlich unterschiedliche gesangstechnische Ausbildungsniveaus – die sich übrigens in den exzellent gesungenen Choreinlagen nivellierten –, gilt auch für die gesprochenen Szenen, in denen der eine oder die andere gerne mal ins Outrieren abgleitet. Nicht so Jutta Hochörtler, die als betrogene Rosalinde (auch gesanglich) Ausdrucksstärke beweist.
Die Fledermaus:Wilhelma-Theater, wieder am 1., 3., 4., 6., 8., 10. und 11. Februar, 19 Uhr.