Die Gruft in Ludwigsburg wird geöffnet Zu Gast bei toten Herrschern

Das Kreuz im Bart des großen Schlüssels verrät dem Kenner: Das ist der Schlüssel zur Gruft im Residenzschloss. Normalerweise wird er sicher verwahrt. Foto: factum/Granville 5 Bilder
Das Kreuz im Bart des großen Schlüssels verrät dem Kenner: Das ist der Schlüssel zur Gruft im Residenzschloss. Normalerweise wird er sicher verwahrt. Foto: factum/Granville

Särge, Schicksale und Blumen: In der Gruft des Residenzschlosses lebt die württembergische Geschichte auf. Nun wird die Grabstätte geöffnet – aber nur kurz.

Region: Verena Mayer (ena)
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Ludwigsburg - Einmal ist eine Besucherin ohnmächtig geworden, weil sie sich so erschrocken hat. In einen der Särge haben die Amerikaner ein Loch geschossen, als sie nach dem Krieg das Schloss durchforstet haben. Man könnte also die Gebeine von Königin Pauline sehen, wenn sie nicht längst verwest wären. Und auf dem Sarkophag von Eberhard Ludwig liegt ein Strauß aus roten Rosen, künstlichen. Wahrscheinlich, damit sie nicht verwelken.

Geschichten aus der Gruft im Ludwigsburger Residenzschloss gibt es viele zu erzählen. Und was für welche! Schließlich sind alle württembergischen Herrscher vom Erbauer des Schlosses und Stadtgründer bis zum ersten König Friedrich dort bestattet. Allerdings dringt so gut wie keine dieser Geschichten nach außen. Die Gruft ist so gut wie nie geöffnet, sie ist sozusagen eine Verschlusssache des Hauses Württemberg, dem sie gehört.

Der Schlossverwalter kann den Ansturm nicht fassen

Zum Jubiläum der Stadt Ludwigsburg dieses Jahr gibt es allerdings eine Ausnahme. Zum ersten Mal darf die Schlossverwaltung Führungen in der Gruft anbieten. Seit die ersten Termine bekannt wurden, steht das Telefon nicht mehr still. „Das ist Wahnsinn“ , sagt der Schlossverwalter Stephan Hurst, der den Schlüssel zur Gruft das ganze Jahr über gut gesichert verwahrt.

Der Schlüssel sieht aus, wie man sich Schlüssel von Kerkerwärtern in mittelalterlichen Burgen vorstellt. Groß, lang, schwer, mit mächtigem Bart. Das passende Schloss ruht in einer zweiflügeligen Tür, die über eine steile Treppe aus Stein erreichbar ist, der man ansieht, dass sie mehr als 300 Jahre auf den Stufen hat. Man muss also gut zu Fuß sein. Und, dies die zweite Bedingung für den Zutritt zur herrschaftlichen Grabstätte, Fotografieren ist nicht gestattet, ermahnt Herbert Rommel, dem die Sonderführungen zu verdanken sind. Seit 60 Jahren geleitet der 76-Jährige Besucher durch das Schloss – und hat in dieser Zeit eine gute Verbindung zum Hause Württemberg aufgebaut.

Der Herzog wollte alleine sein

Der erste Sarg, den der Besucher beim Betreten der Gruft erblickt, ist der von Friedrich Ludwig, Erbprinz und Sohn von Eberhard Ludwig. Er starb im November 1731 und durchkreuzte die Pläne seines Vaters in zweifacher Hinsicht. Zum einen, weil die Thronfolge durch den Tod des Erbprinzen an den katholischen Herzog Carl Alexander überging. Zum anderem, weil Eberhard Ludwig, als er im Herbst des Jahres 1733 in die Gruft kam, diese nicht mehr für sich alleine hatte.

Als der Herzog anno 1719 dem italienischen Baumeister Paolo Retti den Auftrag erteilte, unter der Kirche des Schlosses eine neue Grablege des Hauses Württemberg einzurichten, sah Eberhard Ludwig darin eigentlich nur sich selbst liegen. Ursprünglich soll sie etwa vier Meter breit und sechs Meter tief gewesen sein. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs das unterirdische Gewölbe, trotzdem gibt es für Besucher wenig Bewegungsfreiheit. Außer Erbprinz Friedrich Ludwig und seinem Vater Eberhard Ludwig fand in der Ludwigsburger Gruft auch Johanne Elisabeth, die Gemahlin des Herzogs, ihre letzte Ruhestätte. Und 31 weitere mehr oder weniger enge Nachfahren des Hauses.

Prinzessin Katharina von Württemberg zum Beispiel. Sie starb 1835 in Lausanne als Königin von Westfalen und wurde in einem Sarg nach Ludwigsburg überführt, der mit seinen Schnallen und Gurten einem Koffer gleicht. Ihr Herz, so ist es überliefert, liegt bei dem ihres Mannes Jerome Napoleon Bonaparte, der im Invalidendom zu Paris begraben liegt.

Den Sarg für das tote Kind hat die Mutter selbst bestickt

Oder Herzog Friedrich Eugen und seine Gattin Friederike Sophie Dorothea von Brandenburg. Zwischen ihren mit Samt bezogenen Metallsärgen steht eine prächtige Urne aus Marmor, in der die Asche ihres „zärtlichen Briefwechsels“ liegt.

Vor dem Platz des einstigen Herzogs Carl Eugen liegt, zwischen Staub und gebröckeltem Putz, eine rosa Rose, deren Stielende mit Alufolie umwickelt ist. Wer sie wohl hinterlassen hat? Womöglich einer seiner zahlreichen Nachkommen? 77 Söhne hat der zwölfte Herzog von Württemberg zu Lebzeiten anerkannt, tatsächlich dürfte er viel mehr Kinder in die Welt gesetzt haben.

Den Kranz vor dem Sarg des ersten Königs des Landes haben Carl und Diane von Württemberg dort niederlegen lassen. Zum 200. Todestag Friedrich I. im vergangenen Oktober. Sein Sarg misst zweieinhalb Meter in der Länge, der seines Gespons Charlotte ist nicht viel kleiner. Das legendäre Elefantenhochzeitspaar ist eben auch ein Elefantentodespaar. Den winzigen Sarg ihrer tot geborenen Tochter, er ist neben dem der Mutter, hat Charlotte selbst bestickt.

34 Särge sind also in der Gruft seit 1732 aufgebahrt worden, die letzte Beisetzung fand 1930 statt. Seither ist die geheimnisvolle Stätte nur zu ausgewählten Daten von ausgewählten Personen betreten worden.

Grabkult hat in Ludwigsburg keine Chance

Und jetzt, das Stadtjubiläum macht’s möglich, kommt die große Ausnahme. Geplant waren zunächst zwei Führungen. Die waren so schnell ausgebucht, dass Stephan Hurst neue Führungen ansetzte. Wieder waren alle Plätze ratzfatz weg. Wieder setzte Hurst neue Termine an.

Man kennt das ja: Das Lenin-Mausoleum – immer voll, obwohl der Protagonist nichts mehr zu sagen hat. Die Vatikanischen Grotten sind ein Muss für jeden Rom-Besucher, selbst die evangelischen. Ein Ausflug nach Monaco ohne die letzte Ruhestätte von Grace Kelly besichtigt zu haben – undenkbar. Das Grab von Helmut Schmidt zieht so viele Fremde an, dass eigens ein Wegweiser errichtet wurde. Als ob man den Toten so näher käme. Als ob man so Teil von etwas Großem wäre.

In Ludwigsburg jedoch hat der Grabkult keine Chance. Nach den Sonderführungen wird die Gruft wieder verschlossen – für eine lange Zeit. Die nächsten 100 Jahre steht kein nennenswertes Stadt- oder Schlossjubiläum an.

Zusatztermine für Schnellbucher

Termine
Wegen der großen Nachfrage hat die Schlossverwaltung weitere Führungen durch die Gruft angesetzt. Diese finden statt am Dienstag, 29., und Mittwoch, 30. Mai, jeweils um 17 Uhr. Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich und unter 0 71 41/18 64 00 oder via Mail an info@schloss-ludwigsburg.de möglich. Die Teilnahme kostet neun Euro.




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