Die Kunststiftung Baden-Württemberg erwartet mehr Bewerber Viel Solidarität mit gestrandeten Künstlern

Bernd Georg Milla Foto: Kunststiftung
Bernd Georg Milla Foto: Kunststiftung

Sorgen, Fragen, Notrufe: Die Kunststiftung Baden-Württemberg war in den vergangenen Monaten sehr gefragt. Gut, dass viele einige private Förderer noch tiefer in die Tasche gegriffen haben.

Kultur: Adrienne Braun (adr)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Es gab einige Menschen, die die Corona-Krise im Urlaub kalt erwischte, ob in der Karibik oder auf dem Kreuzfahrtschiff. Auch bei der Kunststiftung Baden-Württemberg hat während des Lockdowns das Telefon häufig geklingelt. Eine Künstlerin war in Chile gestrandet, eine andere hatte gerade in Mexiko zu tun gehabt, einige saßen auch nach Projekten in Paris fest – und alle wollten irgendwie zurück. Eigentlich ist es das Kerngeschäft der Kunststiftung, junge, talentierte Künstler aller Sparten zu fördern mit einem Stipendium. Während der vergangenen Monate liefen allerdings viele Anfragen an, die man so bisher nicht erlebt hatte. Auch die französische Austauschkünstlerin Léa Ducos saß in Stuttgart fest – und musste versorgt sein.

„Wir haben all die Ängste und Unsicherheiten zu spüren bekommen“, erzählt Bernd Georg Milla, der Geschäftsführer der Kunststiftung. Vor allem das Kunstbüro der Kunststiftung, das Künstler in ganz praktischen Fragen zu Versicherung, Verträgen und Portfolio berät, war in den vergangenen Monaten stark gefragt. „Wir haben rund um die Uhr beraten“, sagt Milla. Da ging es immer wieder um die Modalitäten der Soforthilfe des Landes, um Anträge, Altersvorsorge und all die Fragen, die sich plötzlich stellten. Aber es ging auch darum, den Künstlern, die im Ausland gestrandet waren, schnelle Hilfe zukommen zu lassen. Milla hatte Glück, die Stuttgarter Josef Wund Stiftung spendete kurz entschlossen 10 000 Euro für diese Schnellhilfe.

Das Land verdoppelt die eingetriebenen Spenden

Bernd Georg Milla kann nicht klagen über mangelnde Solidarität. Im Gegenteil: „Die privaten Förderer sind treu bei der Stange geblieben“, sagt er, „sie haben ihre Unterstützung zum Teil sogar erhöht“. Die Kunststiftung Baden-Württemberg finanziert ihre Stipendien durch Spenden, wobei das Land jeden eingenommenen Euro verdoppelt. 200 000 Euro kommen so in der Regel pro Jahr zusammen, „die Schwankungen sind minimal“, sagt Milla, sie beliefen sich auf rund 5000 Euro, die man mal mehr oder weniger zur Verfügung habe.

Viele Stuttgarter Kulturinstitutionen bangen bereits, dass ihre Förderung in den kommenden Jahren gekürzt werden könnte. Auch Bernd Georg Milla hat schon teilgenommen an Treffen mit Vertretern Stuttgarter Einrichtungen, die bereits überlegen, wie man in einem solchen Fall reagieren könnte. Milla ist aber nicht allzu bang. Die Unternehmen würden ihr Sponsoring zwar möglicherweise reduzieren, er setzt aber auf privates Engagement und will in den kommenden Jahren verstärkt das Thema Zustiftung und Erbschaften angehen. „Es gibt so viele Menschen, die nicht wissen, was sie machen sollen, weil sie keine Kinder haben“, sagt er und hofft, sie für Kulturengagement gewinnen zu können. Schon in den vergangenen Jahren hat die Kunststiftung einzelne Zustiftungen erhalten, die zum Beispiel für Preise, etwa den Maria Ensle-Preis eingesetzt werden.

Bisher gibt es kein Stipendium für neuere Kunstformen

Milla geht davon aus, dass sich in der neuen Bewerbungsrunde, die nun begonnen hat, mehr Künstler um Stipendien bemühen werden. In den vergangenen Jahren kamen relativ konstant immer um die 300 Bewerbungen, aus denen dann zwanzig Stipendiaten ausgewählt wurden. Dabei werden die traditionellen Sparten berücksichtigt: Bildende Kunst, Literatur und Musik, Kunstkritik, Kulturmanagement und Darstellende Kunst. Milla würde gern neue Stipendien konzipieren, die auch Performance und digitale Kunstformen berücksichtigen. „Der Prozess läuft“, sagt er, aber Entscheidungen müssen mit Beirat und Kuratorium der Kunststiftung abgestimmt werden.

Wie in vielen Bereichen hat die Krise auch in der Kunststiftung die Digitalisierung beschleunigt. So wurden mit den Stipendiaten „Tiny Room Sessions“ produziert, Konzerte, Lesungen oder auch Künstlerporträts, die auf Youtube abgerufen werden können. Seit kurzem gibt es auch einen Podcast. „Die Kunststiftung ist eben kein Museum, wo alles fertig ist, und keine Galerie, wo man verkaufen muss“, sagt Milla, „sie ist ein Ort, wo man ganz nah dran ist an der Produktion.“




Unsere Empfehlung für Sie