Die Lage der Katholischen Kirche Punkt ohne Wiederkehr

Hört er zu? Merkt er noch was? Papst Franziskus. Foto: dpa/Alessandro Di Meo

Die katholische Kirche steht mit dem Rücken zur Wand. Wird sie sich jetzt ändern lassen, fragt der StZ-Autor Mirko Weber?

Stuttgart - Wer die Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ in der ARD gesehen hat – wo gemäß dem öffentlich-rechtlichen Auftrag einmal für anderthalb Stunden nicht sinnfrei gequizt und schlecht gewitzelt wurde oder falsche Tränen flossen – in dem mag sich gefühlsmäßig abwechselnd Scham und Bewunderung geregt haben: Scham, dass es dem repressiven System der katholischen Kirche bis heute möglich ist, Schwule, Lesben, Trans-, Intersexuelle und Non-Binäre wüst zu diskriminieren. Bewunderung hingegen, dass es 125 nicht heterosexuelle Menschen gibt, die mit der Aktion „#OutInChurch“ auf ihre Arbeit aufmerksam machen und gleichzeitig ihren fortwährenden Glauben dokumentieren.

 

Methoden wie bei der Mafia

Denn sonst wären sie ja schon nicht mehr da: als Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen und Seelsorger im System. Die katholische Kirche, deren Methoden nicht von ungefähr an die mafiotisch strukturierte Omertà-Gesellschaft Olympischer Komitees oder der Führungsclique des Fußballweltverbandes FIFA erinnern, die Fetische scheinidealistisch überhöhen, ohne die kriminelle Betriebslogik zu hinterfragen, steht derweil mit dem Rücken zur Wand: Der Ex-Papst ist partiell ein Lügner, der amtierende Papst zeigt sich, obwohl mitunter noch getragen von kleinen Wellen der Sympathie weltweit, unfähig, nützliche Machtworte zu sprechen, die ihm als absolutem Kirchenoberhaupt zukämen.

Dramatischer Mitarbeiterschwund in der Krise

Interessanterweise ist die Stunde der maximalen Krise der Weltkirche vor allem der Moment, in dem die Reaktion rhetorisch so richtig ausholt, wie im Falle des Regensburgers Bischof Rudolf Voderholzer. Er dekretierte am Sonntag anlässlich seines Weihejubiläums gehässig, die allgemeine Empörung über den Missbrauch sei „das Feuer, auf dem die Suppe des Synodalen Wegs gekocht“ werde. Für einen geschulten Dialektiker, der ein guter Theologe zwangsläufig sein muss, ist Voderholzers Analyse in Sachen Mitgliederschwund, der dramatische Ausmaße hat und nun erst recht anwachsen wird, von irrsinniger Verblendetheit: Aus der Kirche träten die Leute nicht wegen der Skandale aus, sondern weil ihr Glaube „erodiert“ sei. Die einfachste, nahe liegende Frage, lautete indes – warum wohl ist er erodiert? Die Wahrheit: Voderholzer negiert die Antworten. Er fährt, wie leider viele seiner Kollegen bis hinauf in den Kardinalsrang, die sich noch immer für erwählte Solitäre halten, einfach nicht mit auf dem „Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Woher sollte er wissen, wohin es gehen könnte?

Wer ist die Krone der Schöpfung?

Dass die katholische Kirche sich an einem Punkt ohne Wiederkehr befindet, hat mannigfaltige Gründe: Insgesamt ist der Glaube, den sich heute viele unter dem endlos weiten Firmament der Spiritualität gerne nach Bauchgefühl und Tagesgusto verschaffen, zu einer sehr individuellen Ware geworden. Menschen, die früher insgesamt leichter manipulierbar waren, sind wählerischer, selbstbewusster auch. Zudem differenziert sich gerade massiv eine theologische Grundannahme des Christentums, die den Menschen als „Krone der Schöpfung“ ansah, wobei der göttliche Auftrag nicht vorgesehen hatte, die Welt bis hart an die Grenze zur Unbewohnbarkeit zu bringen. Der katholischen Kirche, wie klassischen anderen Kirchen überhaupt, bliebe dennoch eine Minimalmöglichkeit, nämlich – neben Ehrlichkeit – der kluge Rückschritt als Fortschritt.

Eine radikaloppositionelle, auf das Evangelium setzende, arme Kirche, die nicht ihre Institution, sondern ihre Urwerte hochhielte, eine für alle offene Kirche also, die zuvor zu jedweder Katharsis bereit wäre, hätte unter Umständen eine Zukunft. Aber man braucht viel, sehr viel Glauben (und Gottvertrauen), um sich die derzeit auszudenken.

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