Dirk Tyschler hat „ganz klassisch angefangen“ – mit Himbeere. „Die war geil“, sagt er. Etwa 15 Jahre ist es her, als sich der Unternehmensberater eine kleine Kompressormaschine zum Eismachen kaufte. Bei jeder Reise besuchte er Eisdielen, sammelte Rezepte und „schöne Ideen“. Dann studierte er an der Eis-Universität in Bologna und belegte Seminare an Koch’s Eisfachschule in Berlin. „Ich bin ein Quereinsteiger, ich will alles genau wissen“, sagt der 54-Jährige. Am 1. April eröffnete er seine Eis- und Schokoladenmanufaktur, Kesselglück heißt der Laden in der Nadlerstraße. Damit will er nicht nur sich glücklich machen, sondern alle Stuttgarter. Wobei die Auswahl wieder größer ist: Die Eiswerkstatt und die Schleckerei sind in die Saison gestartet, Old Bridge, Bertazzoni und Vana warten schon länger auf schönes Wetter.
Eiswerkstaat und Schleckerei jetzt auch eröffnet
Mit einem Alltime-Klassiker feiert die Eiswerkstatt im Westen das Wiedersehen mit der Kundschaft. „Crème brûlée lieben die Leute“, sagt Sebastian Kern. Im Lauf des Frühjahrs wollen er und sein Kompagnon Johannes Messmer „endlich ein paar Sorten ausprobieren“, Milchreis, Popcorn und Lakritz gehören dazu. Außerdem haben sie sich vorgenommen, mehr mit Kräutern zu arbeiten. Neu ist außerdem ihr kleiner Gastraum im Laden in der Senefelderstraße – und dass sonntags geöffnet ist und dass es Sitzplätze an der Straße gibt, wenn die Stadtverwaltung dem Antrag auf Umwandlung von Parkplätzen zustimmt. Darüber hinaus ist Stuttgarts einzige Bio-Eisdiele nun auch im Nordosten der Stadt vertreten – zumindest an Sonn- und Feiertagen mit ihrem Eiswagen im Schlossgarten beim Biergarten Flora und Fauna.
Popcorn-Karamell-Schoko gab es bei der Schleckerei im Osten zum Saisonauftakt am 4. April. Milchreis hat die Eisdiele Vana beim Berliner Platz, die seit März wieder am Start ist, bereits in der Vitrine. „Es war einer der kältesten Monate in unserer Eisgeschichte“, sagt Inhaber Joannis Nakos, der sich endlich besseres Wetter wünscht. Mehr vegane Sorten hat er im Programm, weil die Nachfrage stetig steigt, Mandeleis zum Beispiel, Kokos, wenn es wärmer wird, Zartbitter ist sein Highlight. Neu kreiert hat er eine zuckerfreie Variante mit Mango und Maracuja und den Austauschstoffen Erythrit und Birkenzucker. Eine Kugel Tonkabohne mit Himbeerfudge oder Buttermilch mit Zitrone sowie 14 andere Sorten sind aktuell bei Vana für zwei Euro pro Kugel zu haben.
Old Bridge hat Zimt mit gebrannten Mandeln im Sortiment
Bei Old Bridge ist und bleibt Pistazie der Publikumsliebling. „Wir sind sehr klassisch orientiert“, sagt Geschäftsführer Marc Westlein. Die Eisdiele mit zwei Standorten in der Innenstadt hat nur im tiefsten Winter geschlossen, das frische Frühjahr wird mit Sorten wie Zimt mit gebrannten Mandeln überbrückt oder der brasilianischen Beere Açai. Die Auswahl ist mit 24 Sorten in dieser Jahreszeit vergleichsweise groß. Wenn es heiß wird, kommen Waldbeere, Ananas und Charentais-Melone dazu.
Alfredo Bertazzoni fährt noch mit einem auf zehn Sorten gedrosselten Sortiment, im Sommer stockt er auf 26 auf. Kindermilchschnitte hat der Eismacher aus dem Osten im Moment als Besonderheit zu bieten, große Experimente macht er nicht. Schokolade, Vanille, Stracciatella, Erdbeere und Zitrone sind seine Verkaufsschlager. „Die Leute gehen immer wieder auf die Klassiker zurück“, sagt er. Wichtig ist ihm „die klare Linie“ bei den Zutaten, seine Haselnüsse stammen aus dem Piemont, im Zitroneneis ist Zitronensaft. Die Entwicklung in der Branche betrachtet Alfredo Bertazzoni mit gemischten Gefühlen: „Früher waren alle Eismacher Italiener, jetzt sind zu 50 Prozent andere dazugekommen.“
Neben Eis auch Schokolade als zweites Standbein
Dirk Tyschler vom Kesselglück darf sich zertifizierter Gelatiere nennen, seine Seminare in Bologna hat er abgeschlossen. In seiner Eisdiele sollen sich die Kunden fühlen wie am Lido, blaue Strandhäuschen, weiße Tische und Stühle, ein sandfarbener Boden und Videoeinspielungen vom Meer machen die Inneneinrichtung aus. Aber er setzt nur auf wenige Klassiker wie Vanille, Schokolade und Zitrone. Rote-Bete-Mohn-Eis gibt es im Kesselglück stattdessen, Rübli- und Rhabarber-Eis, weil er saisonal und lokal einkaufen will, oder Eis aus dem Goldelse-Eierlikör. Er verwende weder Farbstoffe noch Aromen und keine Fertigmischungen, in seinem Himbeereis seien echte Früchte, betont Dirk Tyschler, den Zuckeranteil will er weiter reduzieren. Sein Ziel ist es, „ein schönes Stuttgarter Eis zu machen, das für die Stuttgarter passt“. Eine Kugel kostet 2,20 Euro.
Mit Business Development verdiente der 54-Jährige früher sein Geld, auch seine neue Branche hat er genau studiert. Stuttgart könnte noch mehr Eisdielen vertragen, ist er sich sicher. Kesselglück fährt mit der hausgemachten Schokolade außerdem zweigleisig und wird das ganze Jahr über geöffnet haben. Schaumküsse mit Himbeerfüllung, Schokotaler und bunte Tafeln liegen in der Vitrine. Kuchen soll es in naher Zukunft geben und Schokofondue auf Früchtesalat to go. „Ich habe noch viele Ideen, um den Kessel glücklich zu machen“, sagt Dirk Tyschler, der „endlich handwerklich arbeiten will“.