Seine 3000 Schallplatten hat er chronologisch geordnet, von Chuck Berry über The Stooges bis Motörhead. In der Ecke steht eine Washburn-Gitarre, fette Lautsprecherboxen hängen unter der Wohnzimmerdecke. „Fühl dich wie zu Hause, alles easy“, sagt Hannes Koerber, fläzt sich aufs Ledersofa, zündet sich eine Zigarette an und legt die Füße samt Cowboystiefeln auf den Couchtisch: „Wenn ich so sitze, wird mein Rücken entlastet.“ Er leidet unter dem Iliosakralgelenk-Syndrom, schmerzhafte Sache. „So, was soll ich dir jetzt erzählen?“
Fangen wir ganz von vorne an. Hannes Koerber wird im Frühsommer 56 unter dem Sternzeichen Zwillinge im Stuttgarter Katharinenhospital geboren und wächst als Einzelkind in Leonberg auf. Vater Fritz konstruiert Mopeds bei Kreidler, sonntags legt er Bruckner-Platten auf und stellt sich ins Wohnzimmer, ein imaginäres Orchester dirigierend. Derweil bereitet Mutter Elisabeth einen Schweinebraten zu.
Während der Pubertät entfernt sich Hannes von diesen bürgerlichen Wurzeln. Im Gymnasium fällt er durch eine große Gosch, löchrige Jeans und lange Haare auf. Nach dem Abi geht er nicht zur Bundeswehr, sondern zieht mit einer Gitarre im Gepäck in die Ferne. Auf den Straßen von Herat und Neu-Delhi debütiert Hannes Koerber als Livemusiker. Er spielt Songs von Bob Dylan und bekommt dafür ein paar Münzen zugeworfen.
Ein Akademiker am Fließband
Nach seiner Rückkehr wollen seine Eltern, dass er nun endlich studiert. Das tut er dann auch, und zwar rekordverdächtige 56 Semester an der Universität in Tübingen. Im Laufe der Jahrzehnte besteht Koerber das Erste Staatsexamen in Germanistik und legt die Magisterprüfungen in Ethnologie und Empirischer Kulturwissenschaft erfolgreich ab. Die Zeugnisse bedeuten ihm nichts, er will kein Akademiker sein. Statt klug daherzuschwätzen, schuftet er beim Daimler im Presswerk oder gießt am Fließband von Ritter Sport Schokolade in Quadrate. Er jobbt immer nur so lang, bis er wieder genügend Scheine in der Tasche hat, um sein Anderssein zelebrieren zu können.
„Komm, lass uns raussitzen“, sagt Koerber. Vom Balkon führt eine Stahlleiter in den Garten, Koerber rückt Tisch und Stühle in die Sonne. „Wegen Corona bin ich froh, dass ich hier an der frischen Luft immer was zu schaffen habe.“ Kürzlich hat er eine Mauer hochgezogen, die nun einen Teil des steilen Hangs einebnet. „Die Steine stammen von einem Abbruchhaus aus dem 13. Jahrhundert.“ Auch der kleine Teich ist frisch angelegt: „Da kommt noch ein Springbrunnen rein. Den hab ich schon bei Hornbach besorgt, muss nur noch installiert werden.“ Bald kann er die Füße zu beruhigendem Wasserplätschern hochlegen.
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Mit Anfang zwanzig mag es Hannes Koerber laut, schnell und dreckig. In London, dem Epizentrum des Punkrocks, besucht er Konzerte von The Clash und The Damned. Ihm gefallen die aus ein paar simplen Gitarrenakkorden hingerotzten Songs und die herausgebrüllten Botschaften gegen das Establishment. So wie die Jungs dort auf der Bühne, die auf jede gesellschaftliche Konvention pfeifen, will er auch sein. Koerber säbelt sich die Hippie-Haare ab, färbt sie mit Wasserstoff blond – und kehrt als Punker heim.
Wilde Feiern in besetzten Häusern
Tübingen, das liberale Unistädtchen, ist zu jener Zeit ein gutes Pflaster für bunte Vögel. Hier schreit niemand „Unterm Adolf hätt’s das nicht gegeben“, wenn Koerber mit seinen Kumpels dosenbiersaufend auf der Treppe vor der Stiftskirche abhängt. Und es rückt auch keine Hundertschaft an, wenn sie leer stehende Häuser besetzen, um darin zu wohnen und zu feiern: die ehemalige Polizeiwache in der Münzgasse, das Druckereigebäude Göbel in der Poststraße, eine französische Offiziersvilla in der Ludwigstraße.
Den Soundtrack zu dem rebellischen Treiben liefert Hannes Koerber. 1980 gründet er mit dem Gitarristen Mick, dem Bassisten Joe und dem Schlagzeuger Ede die Band K. G. B. Im selbstverwalteten Jugendzentrum Epplehaus werden die ersten Songs aufgenommen. Als Koerber die Stücke stolz seinen Eltern vorspielt, urteilt sein Vater: „Das ist keine Musik, das ist Krach!“
In der Punkszene erspielen sich K. G. B. rasch einen Namen als spaßbringender Liveact. Die Tübinger Band tourt nicht nur kreuz und quer durch die Bundesrepublik, sondern auch durch Italien, Spanien, die Niederlande und Skandinavien, obwohl in Bologna, San Sebastian, Amsterdam oder Stockholm vermutlich niemand Koerbers ironische Verse versteht: „Countdown im Schlaraffenland / Deutschland einig Flaschenpfand“.
Koerbers große Liebe
Koerber ist nicht nur der Leadsänger und Texter von K. G. B., sondern auch der Manager der Band. Alles macht er selbst: Auftritte buchen, Studiotermine organisieren, Fan-T-Shirts bedrucken lassen, Schallplatten und CDs verkaufen. Ständig muss er sich neue Mitmusiker suchen, weil außer ihm jeder Punkrocker irgendwann Berlin oder Köln spannender findet als die beschauliche schwäbische Studentenstadt Tübingen. An die 50 Gitarristen, Bassisten und Drummer sieht er über die Jahrzehnte kommen und gehen. Unterm Strich macht sich der Aufwand nicht einmal bezahlt: „K. G. B. hat mich rund 150 000 Euro gekostet“, erzählt Koerber.
Angela, seine Lebenspartnerin, bringt Kaffee in den Garten. Koerber lächelt ihr zu. „Es war mein größtes Glück, dass ich diese wunderbare Frau kennengelernt habe.“ Elf Jahre ist das her. Koerber, der Kettenraucher, war gerade nach einem Herzinfarkt aus der Klinik entlassen worden, als er ein Foto von Angela auf der Facebook-Seite eines amerikanischen Freundes entdeckte. „Nice“ hatte jemand unter das Bild geschrieben. Koerber kommentierte: „Not nice – beautiful!“ So ging das los mit Angela, seiner großen Liebe.
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Koerber ist ein Dichter, er kann mit Worten verzaubern. Viele schöne Briefe schreibt er Angela nach Detroit. Eines Tages steht sie unangemeldet vor seiner Tür in der Münzgasse, wo er in einer WG wohnt. In Koerbers Leben gab es einige Frauen, die in seinen hellblauen Augen versunken sind, „aber Angela ist die Erste, mit der ich alt werden will“.
Hundert punkige Politsongs
Kann man denn als Punker überhaupt in Würde altern? Darf man noch einer Jugendkultur anhängen, wenn die Haare längst schlohweiß sind? „Punk war für mich nie eine Mode, sondern eine Haltung“, antwortet Koerber. „Es geht darum, gegen Engstirnigkeit, Ungerechtigkeit und Faschismus zu kämpfen. Dafür ist man niemals zu alt.“ Gut hundert punkige Politsongs hat Koerber geschrieben und mit seiner Band aufgenommen, 13 Alben umfasst die Diskografie. All seine Musikstücke kann man heute rund um die Uhr und rund um den Globus über Spotify oder iTunes hören. Und doch hat es K. G. B. nie über den Status eines Geheimtipps hinausgeschafft. Während andere deutsche Punkbands wie Die Toten Hosen oder Die Ärzte die Stadien füllten, tingelte Koerber mit ständig wechselnder Besetzung von Jugendhaus zu Jugendhaus. „Kommerzieller Erfolg war für mich nie wichtig“, sagt er. „Ich wollte spannende Erfahrungen sammeln.“
In den 80ern lässt Koerber nichts aus, um seinen Horizont zu erweitern. Die Nächte macht er durch, jede Droge probiert er aus. Auf Trips durch Burma und Indonesien berauscht er sich an der Warmherzigkeit der Menschen und der Schönheit der Natur.
Sein größtes Abenteuer erlebt Koerber 1987. Mit der befreundeten US-Punkband Toxic Reasons tourt K. G. B. durch die Vereinigten Staaten. In einem klapprigen Ford-Van samt Anhänger geht es Hunderte Meilen am Stück über schnurgerade Highways. Auftritte in einem texanischen Country&Western-Club, einem kalifornischen Steakhouse und einer Veteranenhalle in Kansas, aber auch in den angesagten Rockschuppen von Atlanta, San Francisco und New York. Manchmal kommen zehn Leute zu den Gigs, manchmal tausend.
Wofür steht K. G. B.?
Selbst in den Monaten der US-Tour ist Hannes Koerber von einer Rockstarexistenz weit entfernt. Die Gagen sind mau, sogar das labbrige Budweiser-Bier müssen die Musiker selbst bezahlen. Geschlafen wird meistens im Auto, geduscht nur einmal pro Woche. In Texas wird Koerber von einem Cowboy kräftig in den Hintern getreten, weil der ihn in seinem K. G. B.-Shirt für einen Kommunisten hält. Wie soll er dem wütenden Ronald-Reagan-Gefolgsmann begreiflich machen, dass das Kürzel gar nicht für den russischen Geheimdienst KGB steht, sondern „Kein Grund zur Beruhigung“ bedeutet?
Doch auch blaue Flecken sind ein Preis, den Koerber gerne bezahlt, um auf der Bühne stehen und seine Punkpoesie ins Publikum schreien zu dürfen: „Wirklich reich ist man nur dann / wenn man feststellt irgendwann / dass man mehr Träume sein eigen nennen kann / als die Wirklichkeit zerstören kann.“
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1991 stirbt seine Mutter – ein Wendepunkt in Koerbers Leben. Sein Vater, zu dem er bis dahin kaum noch Kontakt hatte, kommt ins Altersheim. Drei Jahre lang, bis zu seinem Tod, kümmert sich der einzige Sohn um ihn: „Das war ein natürlicher Trieb.“
Sicherer Hafen in der Weststadt
Hätte Koerber nicht geerbt, würde er heute von Sozialhilfe leben. Seine monatliche Rente beträgt 63,50 Euro. Das Haus mit Garten und einer Einliegerwohnung in der Weststadt, das er sich vom Nachlass der Eltern kaufen konnte, ist sein sicherer Hafen.
Zunächst zieht Angela allein dort ein. Ihr Darling Hannes bleibt in seiner WG, weil er denkt, dass etwas räumliche Distanz einer Beziehung guttut. Dann kommt Corona, und Koerber will mit seinem angeschlagenen Herz nicht mehr mit 20 Leuten unter einem Dach wohnen, die alle jünger sind als er und wenig Wert auf Hygieneregeln legen.
Seit gut zwei Jahren wohnt Koerber nun mit Angela in seinem Häuschen am Tübinger Stadtrand. Er freut sich, wenn die Apfelbäume erblühen, die Nachbarn ein Schwätzchen mit ihm halten oder seine alten Kumpels vorbeischauen. Er sagt, dass er jeden Morgen, wenn er aufwacht, dankbar sei: „Ich bin davon überzeugt, dass es nie wieder eine Generation geben wird, die so unbeschwert das Leben genießen kann, wie wir es konnten.“
Dieser Text erschien erstmals am 22.04.2022.