Die Geschwister, die derzeit das Ditzinger Unternehmen Trumpf prägen: Vorstandschefin Nicola Leibinger-Kammüller, der Aufsichtsratschef Peter Leibinger und die Architektin Regine Leibinger (von links) Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Erst prägte Berthold Leibinger den Ditzinger Trumpf-Konzern, dann seine drei Kinder. Die Familie pflegt sehr eigene Rituale, in deren Zentrum ein lederner Familienkodex steht.
Im Hause Trumpf ist man traditionell bescheiden. Das gilt auch für die Chefin des Laser-Imperiums, Nicola Leibinger-Kammüller. „Eine Dynastie sind wir noch nicht“, sagt sie über ihre Familie. Allerdings strahlen ihre Augen dabei schalkhaft, und wirklich bestreiten, dass man im Hause Trumpf respektive Leibinger dynastisch denkt, lässt es sich dann ja doch nicht.
Das zeigen schon die Gedankenspiele um die nächste Wachablösung. Anders als ihr Vater Berthold Leibinger, der die Firma erst mit 75 an die Tochter übergab, will Nicola Leibinger-Kammüller nicht erst im hohen Alter abtreten. „Bis 75 werde ich nicht bleiben“, sagt die 64-Jährige. Sie als Vorstandsvorsitzende und ihr Gatte, derzeit Digitalvorstand von Trumpf, wollen in absehbarer Zeit gemeinsam in den Ruhestand treten. Die nächste Generation der Familie sei dann jedoch noch nicht im angemessenen Alter, erklärt sie, weshalb zumindest übergangsweise ein familien-, aber nicht firmenfremder Geschäftsführer übernehmen werde.
Die dritte Generation bekommt die Verantwortung bei Trumpf nicht geschenkt
Und danach? Die Frage bleibt offen, auch wenn der Blick natürlich in die Richtung der Nachkömmlinge geht. Die Chefin hat vier Kinder, ihr Bruder Peter, der dem Trumpf-Aufsichtsrat vorsitzt, ebenfalls vier. Zwei hat die Schwester Regine, deren vielfach ausgezeichnetes Berliner Architekturbüro wegweisende Firmengebäude für Trumpf realisiert hat. Geschenkt bekäme die Verantwortung aber kein Mitglied der dritten Generation: „Ein Kind der Familie zu sein reicht nicht“, sagt Nicola Leibinger-Kammüller. „Man muss es auch können. Und wollen.“
Der Familienverbund wird bei den Leibingers auf sehr eigene Weise gepflegt. Im Alter von 16 Jahren erhalten die Heranwachsenden einen in Leder gebundenen Familienkodex überreicht. Darin, so schilderte es „NLK“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“, zu deren Herausgeberrat sie gehört, werde erklärt, „wie wir uns als Familie verhalten wollen, wie wir miteinander umgehen, auch mit demjenigen, der vielleicht aus der Firma ausscheiden will. Auch sonst ist da formuliert, was wir gern haben und was nicht und dass die Familie sich sozial engagiert und wir einen Bezug zur Kirche haben.“ Am Ende wird der Kodex feierlich unterschrieben, und man ist „fortan Teil der Familienrunde“.
Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller hat die Produktionshallen eröffnet. Foto: Jürgen Bach
Jedes Jahr am 3. Oktober steht der Familientag an
Damit einher geht die Pflicht, am jährlichen Familientag teilzunehmen, der um den 3. Oktober an wechselnden Trumpf-Standorten abgehalten wird – mit vorher festgelegter Agenda, die auch Vorschläge der „Kinder“ berücksichtigt. Wenn ganz grundlegende Fragen anstehen, ist dies der Rahmen, in dem sie besprochen werden. Eine solche Frage könnte etwa sein, ob Trumpf angesichts der veränderten Weltlage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine daran festhält, seine Laser nie militärisch einzusetzen.
Die nächste Generation spürt bei solchen Fragen, welche Verantwortung ein Unternehmen mit sich bringt. Trumpf steht heute für einen Jahresumsatz von mehr als fünf Milliarden Euro und gut 18 000 Arbeitsplätze. 90 Prozent der Firma gehören der Familie, die restlichen zehn Prozent der Berthold-Leibinger-Stiftung, die vielfältige Projekte wissenschaftlicher, kultureller, kirchlicher und sozialer Art fördert.
Wie groß ist der Druck, der daraus erwächst? Im Interview mit unserer Zeitung sagte Nicola Leibinger-Kammüller einmal: „Mein Vater hätte gesagt, dass die Firma das Wichtigste ist im Leben.“ Sie selbst wünsche sich zwar, dass das Unternehmen im Sinne der Familie weitergeführt werde. Aber die Kinder der Leibingers seien schon immer frei in der Wahl ihrer Studienfächer und ihrer Lebensgestaltung. „Wichtig ist, dass das Unternehmen gut geführt wird. Und am wichtigsten ist, dass alle Familienmitglieder glücklich sind in diesem einen Leben, das sie auf Erden haben.“
Der Gründer und sein ambitionierter Erbe
Namensgeber Der Ditzinger Werkzeugmaschinen- und Laserkonzern Trumpf wurde zunächst von zwei Männern geprägt. Der Kaufmann Christian Trumpf übernahm 1923 eine mechanische Werkstätte von Julius Geiger im Stuttgarter Westen, das war die Geburtsstunde der Firma. Nach Trumpfs Tod wurde sein Patenkind Berthold Leibinger 1978 zum Geschäftsführer ernannt, der schon zahlreiche Positionen in der Firma bekleidet und schrittweise Anteile erworben hatte. Unter seiner Ägide wuchs Trumpf zum Weltkonzern heran.
Überzeugungen Berthold Leibinger (1930 bis 2018) entstammte einem kunstsinnigen Stuttgarter Elternhaus. Seine Sinne standen für Technik ebenso offen wie für Musik und Literatur – von Thomas Mann bis zum Comic. Gesellschaftliches Engagement war ihm als gläubigem Pietisten eine Selbstverständlichkeit. 2005 übergab Leibinger die Geschäftsführung an seine Tochter, die promovierte Philologin Nicola Leibinger-Kammüller. Sein Sohn Peter, heute Aufsichtsratschef, prägte das Unternehmen als Technikvorstand maßgeblich mit. Tochter Regine führt das Architekturbüro Leibinger Barkow in Berlin und entwarf zahlreiche Trumpf-Firmengebäude.