Digitalisierung Der gläserne Autofahrer rückt ein Stück näher

Von  

Der Dekra-Konzern arbeitet zusammen mit dem Start-up Pace Telematics an einem Index für sicheres Fahren auf der Grundlage von ausgewerteten Fahrzeugdaten.

90 Prozent aller Unfälle im Straßenverkehr passieren, weil Menschen Fehler machen. Foto: dpa
90 Prozent aller Unfälle im Straßenverkehr passieren, weil Menschen Fehler machen. Foto: dpa

Stuttgart - Der Stuttgarter Dekra-Konzern, spezialisiert auf technische Fahrzeugprüfungen, will die Digitalisierung nutzen, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. Die zu Jahresbeginn neu gegründete Tochter Dekra Digital hat deshalb jetzt mit dem Karlsruher Start-up Pace Telematics eine Kooperation vereinbart. Die Partner wollen gemeinsam einen Standard auf der Grundlage von Fahrzeugdaten schaffen, den sogenannten Dekra Safety-Index, der sicheres Autofahren messbar macht. Gespräche mit potenziellen Kunden werden bereits geführt. Kerim Galal, Geschäftsführer von Dekra Digital, sagte unserer Zeitung, dass er in den nächsten Wochen mit dem ersten Abschluss rechne.

Der „gläserne Autofahrer“ gilt vielfach als Schreckgespenst; trotzdem geht der Trend dahin. So gibt es in der Autoversicherung bereits viele Telematiktarife, bei denen Autofahrer in der Hoffnung auf Rabatte ihr Fahrverhalten überprüfen lassen. Galal sieht es ganz nüchtern: „Wer die Nutzung seiner Daten zulässt, kann mit einem Mehrwert rechnen. Der Trend dahin ist klar erkennbar.“ Auch wer das Auto einem Kunden oder Angestellten zur Nutzung überlässt, will wissen, wer genau das Gefährt auf welche Weise gelenkt hat. Als potenzielle Interessenten an dem Index sieht Dekra deshalb alle Unternehmen, die Fahrzeugflotten im Einsatz haben, sei es als Mietwagen-, Carsharing- oder Busunternehmen oder als Betreiber eines eigenen Fuhrparks; Werkstätten und Versicherungen gelten als weitere mögliche Kunden.

Starkes Beschleunigen und abruptes Bremsen bringen Abzüge

Pace Telematics in Karlsruhe hat bereits eine App entwickelt, die eine Vielzahl von Fahrzeugdaten, die über einen Stecker am Bordcomputer ausgelesen werden, auf einem Smartphone-Bildschirm aufbereitet und um weitere Informationen (zum Beispiel Fehlercode-Analyse und Tankstellensuche) ergänzt. Pace hebt hervor, dass alle Daten auf eigenen Servern in einem deutschen Rechenzentrum gespeichert werden. Der Dekra-Konzern bringt seine langjährigen Erfahrungen auf dem Gebiet Verkehrssicherheit ein und entwickelt den Algorithmus, der aus vielen Daten einen Index macht. 100 Prozent steht für völlig fehlerfreies Fahren; hohe Geschwindigkeit, starkes Beschleunigen und abruptes Bremsen führen ebenso zu Abstrichen wie Telefonieren während der Fahrt.

Pace ist ein eher ungewöhnliches Start-up. Die drei Gründer Martin Kern, Robin Schönbeck und Philip Blatter sind keine 25-jährigen Computernerds, sondern doppelt so alte Männer mit langer Berufserfahrung. So hat Kern acht Jahre lang für McKinsey Automobilhersteller beraten und anschließend den Reifen-Online-Shop Tirendo aufgebaut, der später an den Konkurrenten Delticom verkauft wurde, bevor er im Frühjahr 2015 zusammen mit Schönbeck und Blatter Pace Telematics gründete. Im vergangenen Jahr gehörte das Unternehmen mit seinen etwa zwei Dutzend Mitarbeitern zu den Finalisten des bekannten Wettbewerbs „Entrepreneur des Jahres“. Die Karlsruher verkaufen ihre App in eigener Regie über das Internet an Privatkunden und arbeiten auch mit anderen Unternehmen wie dem Tuning-Spezialisten Abt zusammen.

Die direkte Beteiligung steht nicht im Vordergrund

Dekra Digital und Pace Telematics haben zunächst einen auf zwei Jahre befristeten Vertrag abgeschlossen. Das Vorgehen beschreibt Galal so: „Eine direkte Beteiligung an Pace ist keineswegs ausgeschlossen, sie steht aber nicht im Vordergrund. Uns geht es in erster Linie darum, das Projekt Dekra Safety-Index gemeinsam erfolgreich zu entwickeln, dann werden wir weitersehen.“ Die Beteiligung an innovativen Unternehmen und Start-ups gehört aber durchaus zur Dekra-Strategie. So hat sich der Konzern vor einem Jahr mit 25,1 Prozent an dem Beratungsunternehmen Magility mit Sitz in Kirchheim/Teck beteiligt. Schwerpunktthema von Magility ist die Digitalisierung. Ein weiteres großes Gebiet, auf dem sich Galal künftig ein Engagement von Dekra Digital vorstellen kann, ist das Thema Internet und Sicherheit (Cyber-Security).

Galal kümmert sich bei Dekra federführend um die Digitalisierungs- und Innovationsstrategie des Konzerns. Der 37-jährige Wirtschaftsinformatiker war lange Assistent des Vorstandsvorsitzenden Stefan Kölbl und begann 2013 mit dem Aufbau einer Strategieabteilung zur Umsetzung der „Vision 2025“ von Dekra. Denn der Trend weg vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität und zum autonomen Fahren verändert auch die Grundlage des Dekra-Geschäfts, die technische Prüfung von Fahrzeugen.