Stuttgart Veto des Landes gegen Rotebühl-Oper

Von Thomas Braun 

Der Eckensee war als Standort für eine Interimsoper schon aus dem Rennen, jetzt ist er wieder im Spiel. Zwei Stuttgarter Architekten schlagen nun einen weiteren Standort vor: den Innenhof des Finanzamts.

So könnte die Stuttgarter Interimsoper am Rotebühlplatz nach den Vorstellungen des Büros Bottega und Erhardt aussehen. Foto: Bottega und Erhardt
So könnte die Stuttgarter Interimsoper am Rotebühlplatz nach den Vorstellungen des Büros Bottega und Erhardt aussehen. Foto: Bottega und Erhardt

Stuttgart - Wo schmettern die Tenöre und Sopranistinnen der Staatsoper in den nächsten Jahren ihre Arien, wo schwingt die Stuttgarter Ballett-Compagnie künftig das Bein? Über diese Frage zerbrechen sich in Stuttgart nicht nur die Kulturschaffenden und die Politik, sondern auch viele Bürger die Köpfe. Ein Stuttgarter Architektenbüro hat nun einen Standort ins Gespräch gebracht, der eigentlich schon aus dem Rennen schien. Das Büro Bottega und Ehrhardt könnte sich ein Übergangsquartier für das sanierungsbedürftige Große Haus im Innenhof des Stuttgarter Finanzamts vorstellen.

Der Innenhof im Eigentum des Landes Baden-Württemberg war bei der Prüfung von rund 30 weiteren Standorten im unmittelbaren City-Umfeld vom Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater eigentlich schon aussortiert worden. Als Grund führt das für landeseigene Liegenschaften zuständige Finanzministerium auf Anfrage dieser Zeitung an, der Standort sei „hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Fläche zwischen den Bäumen zusammen mit dem für den Theaterbetrieb notwendigen Volumen sowie den betrieblichen und logistischen Abläufen im Vergleich zu anderen möglichen Interimsstandorten (wie zum Beispiel ehemaliges Paketpostamt Ehmannstraße oder Mercedes-Benz-Museum) schlechter geeignet“.

Architekten sehen Möglichkeit, den Baumbestand großenteils zu erhalten

Henning Erhardt sieht das anders: Der Innenhof des Finanzamts (insgesamt 6000 Quadratmeter) verfüge über eine ausreichend große Grundfläche, um das notwendige Volumen einer temporären Oper mit einer Grundfläche von knapp 3000 Quadratmetern aufzunehmen, meint der Architekt. Auch ein mögliches Gegenargument gegen den Standort, nämlich den Baumbewuchs, sieht er nicht als Hindernis: Man müsse ja nicht die gesamte Fläche überbauen, sondern könne insbesondere die großstämmigen, älteren Bäume am Rand des Parkplatzes erhalten: „Zwischen Finanzamt und Oper verbliebe ein grüner Filter.“

Das Urheberrecht für die Idee darf der Stadtrat der Stadtisten, Ralph Schertlen, für sich beanspruchen. Er hatte die Prüfung des Innenhofs per Anfrage an die Verwaltung im August vorgeschlagen. Angeregt durch die auf Betreiben der Gemeinderatsmehrheit von CDU, SPD, FDP, Freien Wählern und AfD wiederbelebte Debatte um eine vorübergehende Überbauung des Eckensees im Oberen Schlossgarten, der in der Öffentlichkeit durchaus auch kritisch gesehen wird, haben sich Erhardt und sein Kollege Giorgio Bottega nicht nur Gedanken über einen besseren Standort gemacht. Sie haben auch erste Skizzen verfertigt, wie sich ein Baukörper in den Innenhof integrieren ließe. Den Standort an sich halten die Architekten dank der guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, die umliegenden Parkhäuser und die Nähe zur Innenstadt für durchaus geeignet. Nicht zuletzt die Lage am vorbeilaufenden Cityring ermögliche „eine gute Wahrnehmung der Oper im städtischen Raum“, meinen sie.

Ratsfraktionen reagieren unterschiedlich auf den Vorschlag

Anders als beim möglichen Standort Eckensee habe der betonierte Parkplatz kaum Relevanz für das Stadtklima. Im Vergleich zu einem etwa vom Naturschutzverein BUND vorgeschlagenen Opernbau im Ehrenhof des Neuen Schlosses – vom Verwaltungsrat ebenfalls verworfen – würde eine Interimsoper beim Finanzamt zudem die Umgebung an der Schnittstelle zwischen Innenstadt und Stuttgarter Westen eher aufwerten.

Eckardt hat seine Entwürfe mittlerweile ans Landesamt für Vermögen und Bau sowie an den Stuttgarter Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) geschickt, aber noch keine Stellungnahme erhalten. Die Fraktionen im Rathaus reagieren unterschiedlich auf die Idee. CDU-Fraktionschef Alexander Kotz sagte, für die CDU stelle der Standort „kein No-Go“ dar. OB Fritz Kuhn (Grüne) und die Vertreter des Landes hätten ihn aber kategorisch ausgeschlossen. Sein Kollege, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Andreas Winter, betont zwar, dass für die Grünen der Eckensee als Standort für eine Interimsspielstätte auf keinen Fall in Frage komme. Den Vorschlag des Architekturbüros will er zunächst nicht kommentieren. Winter regt aber eine Ortsbegehung des Verwaltungsrats der Staatstheater an, um die zur Diskussion stehenden Ausweichflächen in Bad Cannstatt und im Stuttgarter Norden in Augenschein zu nehmen. Die kulturpolitische Sprecherin der Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke-plus, Guntrun Müller-Enßlin, die den Eckensee ebenfalls ablehnt, hat Bedenken wegen des Baumbestandes im Hof: „Wenn es nur der Parkplatz wäre!“ Sie kritisiert erneut die Opernintendanz, die auf einen Standort in der City beharre: „Die Herren sollen mal nicht so schleckig sein.“

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