Diskussion um Schülerbewertungen Eisenmann gegen strengere Abinoten

Von  

Es gibt keine Inflation an guten Noten. Vor allem nicht in Baden-Württemberg. Da sind sich Arbeitgeber, Lehrer und Ministerin einig. Dennoch könnten die Anforderungen angehoben werden.

Bei der Abiturprüfung gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Foto: dpa
Bei der Abiturprüfung gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Foto: dpa

Stuttgart - Die Abiturnoten in Deutschland sind zu gut, die Prüfungspraxis zu lax, kritisiert Susanne Lin-Klitzing, die Vorsitzende des deutschen Philologenverbands. Doch in Baden-Württemberg sehen das Arbeitgeber und Gymnasiallehrer anders. „Ich denke nicht, dass wir in Baden-Württemberg eine strengere Bewertung unserer Abiturienten brauchen“, sagte auch Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) unserer Zeitung.

Genau das fordert Lin-Klitzing. Denn die Abiturnoten müssten aussagekräftiger werden. Das sei erforderlich „wenn wir wollen, dass die jungen Menschen gut auf das Arbeitsleben oder ein Studium vorbereitet werden“. Die jetzigen Notenvergaben könnten junge Menschen dazu verleiten, sich falsch einzuschätzen, weil die Rückmeldung über ihre Leistungen besser sei „als es ihrem realen Stand entspricht.“ Das könne zu Problemen im Berufsleben führen.

Arbeitgeber teilen Bedenken nicht

Diese Sorge teilen die baden-württembergischen Arbeitgeber nicht. „Mit Blick auf Baden-Württemberg sehen wir kein Alarmsignal“, sagt ein Sprecher des Arbeitgeberverbandes. Die Kultusministerin verweist darauf, dass es im Südwesten keine Inflation an Spitzenbewertungen gibt: „ Die Abiturnoten sind seit vielen Jahren konstant“, betont Susanne Eisenmann. „Sie zeigen das gute Niveau des Abiturs in Baden-Württemberg und sind meiner Meinung nach absolut aussagekräftig“, sagte die Ministerin.

An den allgemein bildenden Gymnasien im Südwesten lag der Abiturschnitt im Jahr 2017 bei 2,38. Seit 2010 hat er nie die Marke 2,37 unterschritten und lag nie über 2,41. Dagegen stieg etwa in Bayern der Schnitt zwischen 2006 und 2016 von 2,43 auf 2,32, in Brandenburg sogar von 2,48 auf 2,28.

Auch die Anzahl der Abiturienten mit der Traumnote 1,0 ist nach den Zahlen der Kultusministerkonferenz für den Abschlussjahrgang 2017 mit 1,6 Prozent im Südwesten deutlich geringer als in Bayern (2,0 Prozent) oder Brandenburg (2,4) und Thüringen (2,6 Prozent).

Für die Arbeitgeber haben die Noten nach Auskunft ihres Sprechers ohnehin an Bedeutung verloren. Fast alle Firmen machen demnach bei den Einstellungsverfahren eigene Kompetenztests. Allerdings fänden sie es „wünschenswert, wenn alle Länder die gleichen Leistungsanforderungen und Leistungsstandards anlegen würden“, sagt der Sprecher des Arbeitgeberverbands. Dafür setzt sich die Kultusministerin ein. Auch sie bemängelt, dass es den Abiturnoten im Vergleich unter den Ländern an Aussagekraft fehle. Sie strebt einen Länderstaatsvertrag an, mit dem „eine bessere Vergleichbarkeit und mehr Verbindlichkeit“ erreicht werden soll.

Im Südwesten kein Hype um bessere Noten

Ralf Scholl, der Vorsitzende des Philologenverbands in Baden-Württemberg, lobt: „Baden-Württemberg ist das einzige Land, in dem die Schnitte nicht immer besser geworden sind“. Das Land habe „den Hype um bessere Noten nicht mitgemacht“. So seien die Bewertungen aussagekräftig.

Allerdings teilt Scholl die Forderung des deutschen Philologenverbandes, dass es eine Eins nur geben sollte, wenn 100 Prozent der Aufgaben richtig gelöst sind. „Sehr gut“ (entsprechend 15, 14 und 13 Notenpunkten) gibt es in Baden-Württemberg derzeit schon ab 85 Prozent richtiger Antworten.

Auch bei den Mindestanforderungen setzt sich der Philologenverband für Verschärfungen ein. Bestanden soll eine Prüfung nur sein, wenn Schüler 50 Prozent der geforderten Leistung erbringen. Das soll als „ausreichend“ gewertet werden, bisher genügen in Baden-Württemberg dafür 45 Prozent.

„Strengere Noten machen nichts besser“, sagt Doro Moritz, die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie meint, eine zusätzliche verbale Beurteilung der Schüler könnte hilfreich sein. Doch sei das ein großer Aufwand für die Lehrer und müsste mit mehr Zeit ausgestattet werden.

Unsere Empfehlung für Sie