Krimikolumne

Don Winslow: „Manhattan“ Der Fausthieb auf dem Herrenklo

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Politik und Sex, Agenten und Künstler, dunkle und helle Gestalten: Don Winslow führt in seinem neu aufgelegten Roman „Manhattan“ ins New York der späten 50er Jahre.

So wie dieses dem einen oder anderen noch bekannte Paar darf man sich wohl Mr. und Mrs. Senator Joe  Keneally vorstellen. Foto: dpa
So wie dieses dem einen oder anderen noch bekannte Paar darf man sich wohl Mr. und Mrs. Senator Joe Keneally vorstellen. Foto: dpa

Stuttgart - Walter Withers ist smart, distinguiert und gebildet. So smart, distinguiert und gebildet, dass er straflos einem Senator auf dem Herrenklo die Faust in den Magen rammen darf. Der Politiker, den der frühere CIA-Mann da zwischen Schüssel und Waschbecken angeht, ist noch smarter als sein Angreifer, heißt Joe Keneally und ist auf dem besten Wege, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Wenn man nun noch weiß, dass Keneally eine bezaubernde Frau namens Madeleine hat, irischer Herkunft ist und ein Womanizer vor dem Herrn, wird klar, wenn Don Winslow in seinem Roman Manhattan im Sinn hatte: John F. Kennedy natürlich.

Willkommen im New York der späten 50er Jahre. Die Welt der Jazzclubs, der Schwulenbars, des Ostküstenadels, der Agenten und Doppelagenten, der kalten Krieger und natürlich auch ein bisschen der Mafia. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Personenschützer Withers, der eben seinen Agentenjob in Schweden gekündigt hat. Dass hinter diesem Schritt mehr stand als nur der Wunsch, in seinem geliebten New York leben zu können, versteht sich fast von selbst. Ebenso so wenig überrascht es in diesem Milieu, dass der Keneally-Job kein gewöhnlicher Body-Guard-Einsatz wird. Spätestens als des Senators Geliebte, die Schauspielerin Marta Marlund, tot in Withers Hotelzimmer liegt, kommt eines zum anderen.

Das alles schildert Don Winslow in seinem erstmals 1997 auf Deutsch erschienen Roman sehr versiert, sehr sicher, formal wie sprachlich nah an der Perfektion. Aber auch nicht frei von einer gewissen unterkühlten Eitelkeit – eine Eigenschaft des Schriftstellers, die immer deutlicher zutage tritt, je länger er schreibt.

Man kann Winslow für seine Virtuosität schätzen (und wird vielleicht bei den hölzernen Dialogen des nächsten Durchschnittskrimis wehmütig an ihn zurückdenken), ja man muss ihn zum Beispiel für die Tage der Toten, eines der schwärzesten, abgründigste, bösesten Drogenepen überhaupt, bewundern – lieben muss man ihn aber nicht. Da gibt es in seiner Liga andere . . .

Don Winslow: „Manhattan“. Roman. Aus dem Englischen von Hans-Joachim Maass. Suhrkamp TB, Berlin. 404 Seiten, 9,99 Euro. Auch als E-book, 9,99 Euro.