Damals war ich mit knapp elf Jahren ein junger Sportfan. Der Höhepunkt war für mich der Sonntag im Olympiastadion mit den drei Goldmedaillen von Bernd Kannenberg, Hildegard Falck und Klaus Wolfermann, und am Tag danach der Sieg von Ulrike Nasse-Meyfarth im Hochsprung – irgendwie schien alles zu glücken. Bis zum 5. September.
Dem Tag der Geiselnahme.
Alles war bunt, in hellen Sommerfarben, die Fotos der Terroristen auf dem Balkon des israelischen Quartiers, der ausgebrannte Hubschrauber in Fürstenfeldbruck, das war schwarz-weiß. Als Kind habe ich wenig davon verstanden, nur das Entsetzen der Erwachsenen gespürt. Geblieben von München ist der Wunsch, Sport, Leistung, Fair Play und globale Begegnung selbst zu erfahren.
Seit 1972 hat sich Deutschland siebenmal um Spiele beworben – ohne Erfolg.
Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen und Gründe. Einige Anläufe waren schlicht untauglich, andere konzeptionell durchaus stark, aber glücklos. Häufig wurde im Vorfeld nicht gründlich genug geprüft, welchen Nutzen die Veranstaltung dem Land und der Gesellschaft bringen würde. Und wenn doch, wurden diese positiven Auswirkungen nicht ausreichend kommuniziert.
Zurzeit laufen in München die European Championships, auch Mini-Olympia genannt. Sie werden mit großer Begeisterung angenommen. Wie sehr kann das helfen, oder wie wichtig ist das auch, um einen guten Nährboden für eine Olympiabewerbung zu schaffen?
Die ersten Tage der European Championships haben vor allem eines gezeigt: Die Begeisterung der Menschen für Sport und für sportliche Höchstleistungen ist ungebrochen. Das ist toll zu sehen und freut mich besonders für die Athletinnen und Athleten, die nicht oft so eine Bühne geboten bekommen. Uns motiviert das natürlich bei unseren Überlegungen. Aber wir dürfen uns auch nicht zu sehr davon treiben lassen, sondern müssen erst mal ruhig und sachlich unsere Hausaufgaben erledigen.
Sind Sie überrascht, wie groß die Euphorie um die Multisport-Europameisterschaften in München ist?
Nein, gar nicht. Ich habe selbst oft erlebt, was ein Sportgroßereignis bei Menschen auslösen kann, und war mir sicher, dass die Münchner Organisatoren mit ihrem Konzept die Menschen mitreißen können. Gerade nach den vergangenen zwei Pandemiejahren scheint die Sehnsucht nach so einem Gemeinschaftserlebnis besonders groß gewesen zu sein.
Sie haben erklärt, Sie wollten sich um eine Olympiabewerbung kümmern. Sie sind aber nur bis Dezember gewählt . . .
Ich denke schon, dass wir als Präsidium zeigen, dass man in einem Jahr einiges bewegen kann. Wir versuchen derzeit auf vielen Ebenen, Deutschland nach zwei Jahren Pandemie wieder zu einem aktiveren, bewegteren und gesünderen Land zu machen. Mit der Bundesregierung werden wir noch in diesem Jahr einen Bewegungsgipfel abhalten.
Dann beginnt die Olympia-Offensive?
Definitiv zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nein. Dann würden wir die Fehler der Vergangenheit wiederholen und eine Chance vergeben. Aber wir wären ein schlechtes Präsidium, wenn wir uns nicht intensiv mit dem Thema Olympische und Paralympische Spiele beschäftigen würden. Das tun wir, auch wenn der Sport in Zeiten der Pandemie, Energiekrise und des Bewegungsmangels viele Herausforderungen zu bewältigen hat.
Sie sagen es: Ukraine-Krieg, Klimanotstand, Energiekrise, Inflation. Ist da den Deutschen eine Bewerbung zuzumuten?
Eine Olympiabewerbung ist dann besser vermittelbar, wenn sie Antworten auf Krisen findet, sich anpasst und Auswege und Alternativen aufzeigt. Wenn sie eine Legacy hat. Eine Bewerbung an Interessen, Sorgen und Ängsten vorbei hätte keine Berechtigung, weder in guten noch in schlechten Zeiten.
Wie muss die Strategie aussehen, um Erfolg versprechend zu sein?
Daran arbeiten wir gerade und werden bei der Mitgliederversammlung im Dezember einen möglichen Prozess präsentieren. Das heißt aber nicht, dass wir uns direkt bewerben. Vielmehr wollen wir 2023 – bevor wir uns mit konkreten Jahreszahlen, Orten und dem offiziellen Bewerbungsprozess befassen – transparent, intensiv und ergebnisoffen mit allen Stakeholdern aus Sport, Politik, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft diskutieren, ob und unter welchen Voraussetzungen eine erneute Bewerbung Deutschlands überhaupt Sinn macht. Oder eben nicht.
Die Themen Nachhaltigkeit und Kosten dürften mit entscheidend sein, oder?
Definitiv, nachhaltige Planung ist unabdingbar. Aber der Spielraum für nachhaltige Bewerbungen wird immer größer, weil auch der Letzte mittlerweile erkannt hat, dass es keine megateuren Prachtbauten braucht, in denen wenige Jahre später Unkraut wuchert.
Wäre es wegen der Nachhaltigkeit nicht klug, die Spiele an vier, fünf Orte zu vergeben, zu denen sie stets zurückkehren?
Eine Idee war, die Sommerspiele immer in Athen und die Winterspiele immer in Innsbruck auszutragen. Aber das kollidiert mit dem Wunsch vieler Nationen, auch Gastgeber der Spiele sein zu können. Persönlich bin ich kein großer Fan von dieser Festlegung auf wenige Städte. Vielmehr sollten die Umsetzungsmöglichkeiten flexibler gestaltet werden, damit zahlreiche Städte, Regionen und Länder als Ausrichter infrage kommen. Die olympische Idee ist universell, dass verträgt sich nicht mit festgelegten Standorten.
Kann man die Kosten für ein solches Mammutprojekt überhaupt seriös beziffern? Ich denke da an Stuttgart 21 . . .
An dem Punkt sind wir noch lange nicht, erst wollen wir herausarbeiten, was die Zivilgesellschaft davon hätte, irgendwann wieder Gastgeber zu sein. Aber klar ist: Die Kosten müssen möglichst gering gehalten werden, der Gigantismus vergangener Tage ist nicht mehr zu verkaufen. Aber ich bin generell optimistisch, dass dies gelingen kann, allein schon durch die breite Nutzung vorhandener Anlagen und den Verzicht auf Neubauten.
Wie wollen Sie einen breiten Olympiakonsens in der Bevölkerung schaffen?
Wie gesagt: Wir wollen in einem transparenten Prozess mit möglichst vielen, gerade auch olympiakritischen Menschen informieren, aufklären, Vorurteile beheben, diskutieren und erörtern, wo ein möglicher Nutzen einer erneuten Bewerbung für das ganze Land liegen könnte.
Kleinere Gruppen von Olympiagegnern können sich mitunter großes Gehör in den Social Media verschaffen.
Vor dieser Situation steht ja nicht nur der Sport, Faktenchecks helfen mittlerweile auf ganz vielen Feldern, wenn es unsachlich wird. Aber daneben wird es faire kritische Diskussionen geben, und die müssen über jedes Medium geführt werden. Und wir werden seriös erheben, wie die Meinung in der breiten Gesellschaft bezüglich Olympia ist.
Die Sommerspiele sind bis 2032 vergeben, 2036 wäre der nächste Termin. Man könnte darin aber eine Gefahr sehen wegen der Nazispiele von 1936.
Es sind aber auch viele Stimmen zu vernehmen, wie etwa IOC-Präsident Thomas Bach, die sagen, der Termin sei wie geschaffen, um zu zeigen, dass sich die Welt zu einem besseren Ort entwickeln kann. Aber dem DOSB geht es derzeit weder um Orte noch um Jahreszahlen, sondern um die grundsätzliche Klärung, ob und welche Spiele wir wollen.
Wie haben Sie sich mit IOC-Chef Bach über eine Bewerbung ausgetauscht?
Wir haben mit dem neu gewählten Präsidium auf Einladung des IOC und seines Präsidenten im April eine Sitzung in Lausanne abgehalten. Ich persönlich befinde mich in regelmäßigem Austausch mit Thomas zu den unterschiedlichsten sportpolitischen Themen. Auf Olympia bezogen ist er als IOC-Präsident aber zu Neutralität verpflichtet.