Krimikolumne

Drago Jančar: „Die Nacht, als ich sie sah“ Alles in Trümmern

Drago Jančar geht in seinem Roman an die Schmerzgrenze – ganz ohne Effekthascherei. Foto: Anita Schiffer-Fuchs
Drago Jančar geht in seinem Roman an die Schmerzgrenze – ganz ohne Effekthascherei. Foto: Anita Schiffer-Fuchs

Slowenien vor und während des Zweiten Weltkriegs: in dieser Zeit siedelt Drago Jančar seinen grandiosen Roman „Die Nacht, als ich sie sah“ an. Vor zeitgeschichtlichem Hintergrund geht es um eine große, wenn auch nicht unendliche Liebe – und krimispannend um einen Verrat mit tödlichen Folgen.

Lokales: Hans Jörg Wangner (hwe)
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Stuttgart - Aus der längst untergegangenen königlichen und kaiserlichen Monarchie Österreich-Ungarn weht noch immer ein wehmütiger Hauch herüber, ganz, als hätte es so etwas wie die gute alte Zeit tatsächlich gegeben. Letzte Ausläufer dieser gesellschaftlichen Verhältnisse gab es noch in den späten 1930er Jahren, ehe der Zweite Weltkrieg das Überkommene vollends ruinierte. In dieser Zeit beginnt Drago Jančar seinen Roman „Die Nacht, als ich sie sah“.

Stevan Radovanović, in Ljubljana hoffnungsvoller Leutnant der Kavallerie, wird dienstlich verpflichtet, der jungen Frau eines reichen Unternehmers Reitstunden zu geben. Widerwillig macht er sich an die Arbeit, um sofort mit der exzentrischen Dame aneinanderzugeraten. Er ist es gewohnt, Rekruten hart anzupacken, ihr ist alles Militärische ein Gräuel. Doch der Offizier kann sich dem Befehl nicht entziehen, er und seine Schülerin Veronika Zarnik müssen sich zusammenraufen – und verlieben sich hoffnungslos ineinander.

Veronika verlässt ihren Mann, Radovanović wird zur Strafe in die hinterste Provinz versetzt, die Liebe der beiden zerbricht dort fast zwangsläufig an der sozialen und wirtschaftlichen Misere. Und so nimmt Leo Zarnik, mittlerweile Schlossbesitzer, seine Frau ohne Umstände wieder auf, als sie zu ihm zurückkehrt. Er feiert sogar eine zweite Hochzeit mit ihr.

Die Eheleute führen auch während des Krieges ein offenes Haus, veranstalten Klavierabende und Feste, deutsche Offiziere gehen bei ihnen ein und aus. Doch in Wirklichkeit unterstützt Leo aktiv die Partisanen, was ihn sofort an den Galgen gebracht hätte, wenn die Gestapo Wind davon bekommen hätte. Dass die tödliche Gefahr auch von einer ganz anderen Seite droht, kommt den Eheleuten nicht in den Sinn.

Aus fünf Perspektiven – der des Leutnant, der von Veronikas Mutter, der eines Wehrmachtsarztes, der eines Hausmädchens und der eines Partisanen – beleuchtet Jančar mit zahlreichen Rückblenden und Vorgriffen das Schicksal der Zarniks, von dem schnell klar wird, dass es kein gutes Ende nehmen wird. Doch wie dann eine Spirale aus falschen Verdächtigungen und roher Gewalt einsetzt, aus gebrochenen Loyalitäten und vorgeblich politisch motiviertem Exzess – das nimmt dem Geschehen vollends alle Nostalgie.

Drago Jančars Roman geht an die Schmerzgrenze. Nicht weil er billige Effekte haschen wollte, sondern weil er ein Autor ist, der historische und menschliche Abgründe schildern kann. Herausragend.

Drago Jančar: „Die Nacht, als ich sie sah“. Roman. Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut und Klaus Detlef Olof. Folio Verlag, Wien. 191 Seiten, 19,90 Euro. Auch als E-Book, 16,99 Euro.

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