Sind sie ihren Träumen näher gekommen? Vor einem Jahr waren Kathrena (17), Miwan (18) und Kseniia (16) noch Schülerinnen an der Schlossrealschule im Stuttgarter Westen. Sie wollten weiter zur Schule gehen und studieren. „Irgendwas mit Raumfahrt“ wollte Kathrena werden, die mit ihrer Familie 2016 aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Industriemechanikerin bei Mercedes-Benz, der Wunsch der aus dem Nordirak vor dem IS geflohenen Kurdin Miwan. Umwelttechnikerin wollte Kseniia werden. Sie kam 2022 mit ihrer Familie aus Russland nach Stuttgart. Höchste Zeit für ein Wiedersehen in den Räumen der Mobilen Jugendarbeit Stuttgart West/Botnang, um zu erfahren, wie das Leben weitergegangen ist. Ein Gespräch über das Jobben neben der Schule, den Führerschein, No-go-Areas in Stuttgart und die AfD.
Glückwunsch noch mal zum Realschulabschluss. Wie war’s denn, als ihr den endlich in der Tasche hattet?
Kathrena Schön. Sehr, sehr schön. Zu sehen, dass man etwas abgeschlossen hat, wo man seit der fünften Klasse gebangt hat, ob man es mit guten Noten schafft.
Miwan Ich war auch sehr aufgeregt. Weil wir so lange darauf gewartet haben. Gerade wir als Mädchen aus einem anderen Land mit unseren Schwächen in Deutsch. Wenn man nicht wirklich in die Sprache reingeboren ist, denkt man: Das habe ich super gemacht.
Kseniia Ich war wirklich gespannt. Ich bin in die Prüfung gegangen mit dem Gedanken: Ich habe gelernt, ich habe mich auf den Stoff fokussiert – und es hat geklappt. Ich hatte gute Noten.
Gab’s dann ein großes Fest?
Miwan Es gab eine Abschlussfeier mit allen. Wir haben uns schön angezogen und waren mit der ganzen Familie essen.
Mit Tanz?
Kathrena Wir haben eher geweint, weil wir auseinandergehen.
Geht es wie geplant weiter?
Miwan Ja, ich bin auf der Steinbeisschule, habe relativ gute Noten dort. Ich habe mich schon für das zweite Jahr beworben.
Kseniia Ich bin dort auch. Ich wollte das unbedingt. Das ist vom Stoff her schwer. Aber das ist das, was ich will. Deshalb finde ich die Energie dafür.
Kathrena Ich gehe jetzt auf eine IT-Schule. Bis jetzt läuft es okay, obwohl ich gemerkt habe, dass IT gar nicht meine Richtung ist. Deshalb möchte ich gerne auf Miwans Schule wechseln. Dort geht es praktischer zu.
Miwan Wir machen handwerkliche Sachen, Projekte und bauen Modelle. Das macht mir großen Spaß.
Miwan und Kathrena, ihr kommt aus einer reinen Mädchenklasse. Jetzt ist das vermutlich ziemlich anders.
Kseniia In unserer Schule sind nur 20 Prozent Mädchen.
Miwan In meiner Klasse sind nur drei andere Mädchen. Insgesamt sind wir 24.
Kathrena Bei uns sind wir fünf Mädchen unter 30 Jungs.
Wie ist das ?
Miwan Am Anfang war es nicht unangenehm, aber fremd. Es war mir schon bewusst, dass wir weniger Mädchen sein werden, weil es eine Technikschule ist. Aber dass wir in der Klasse so wenige sind, wusste ich nicht. Jetzt sind wir alle miteinander befreundet.
Respektieren euch die Jungs?
Miwan Da sagt keiner, dass wir das nicht können. Sie klatschen sogar, wenn wir was sagen. Mädchen sind in der Klasse, sag ich mal, schlauer, haben bessere Noten und sind besser organisiert. Das sagen die Lehrer immer wieder.
Kseniia Die Mädchen in unserer Klasse haben mehr zu sagen, wenn wir entscheiden, wohin wir mittags essen gehen. Wir sind eine kleine Klasse mit nur 13 Leuten – sechs Mädchen, weil ein paar aufgehört haben.
Habt ihr mittlerweile noch Zeit für eure Hobbys?
Kathrena Ich habe nur zweimal in der Woche Mittagsschule.
Kseniia Ich mache eine Pause als Cheerleaderin. Sonst habe ich nicht genug Zeit für die Schule. Ich habe jeden Tag Mittagsschule bis 15.45 Uhr. Wenn ich dann zu Hause bin, brauche ich noch eine Stunde für Essen und Umziehen. Dann bleibt nicht so viel Zeit. Bis 18 oder 19 Uhr mache ich noch Hausaufgaben. Jeden Tag ist irgendwas, das man noch wiederholen muss. Am Wochenende gehe ich mit Freunden raus. Oder ins Kino. Aber insgesamt habe ich viel weniger Zeit.
Miwan Ich arbeite noch neben der Schule. Ich habe dreimal Mittagsschule bis 15.45 Uhr und arbeite dreimal in der Woche bei Starbucks als Barista. Am Wochenende lerne ich oder unternehme etwas mit Freundinnen.
Kathrena Ich habe jetzt wieder angefangen, in einem Eiscafé zu arbeiten. Ich habe keine Hobbys. Arbeiten macht mir Spaß.
Was macht ihr mit dem Geld, das ihr verdient?
Kathrena Ich spare auf den Führerschein.
Miwan Ich hab die Führerscheinprüfung schon hinter mir. Meine Eltern wollten, dass ich ihn gleich mit 17 mache.
Mit welchem Auto fährst du dann?
Miwan Mein Vater gibt mir sein Auto.
Kathrena Wir waren am Wochenende zusammen draußen.
Wo wart ihr denn?
Miwan In Ludwigsburg (lacht). Bei Edeka. Wir haben uns auf dem Parkplatz mit Freundinnen getroffen.
Ist es für eure Eltern beruhigend, dass ihr dann nicht S-Bahn fahren müsst?
Miwan Ja. Jetzt kann ich später rausgehen und später nach Hause kommen.
Bedeutet der Führerschein für euch mehr Freiheit?
Miwan Ja. Wenn man um 23 Uhr nach Hause geht, ist der Weg nicht sicher. Als Mädchen fühlt man sich in Stuttgart nicht sicher.
Kseniia Mir ist bisher nichts Schlimmes passiert. Aber ich weiß, dass etwas passieren kann.
Gibt es Orte, wo ihr gar nicht hingeht?
Kathrena Zum Schlossplatz. Die Jungs sind wie Wölfe. Sie sehen die Mädchen als Beute. Ich mag nicht, spät rauszugehen.
Miwan Du meinst, dass wir nichts mit fremden Menschen auf der Königstraße unternehmen. Aber wenn wir miteinander nachts unterwegs sind, ist das kein Problem für unsere Eltern. Sie wissen, wie wir sind. Aber alleine ohne Auto, einfach mit der Bahn, ist schon unangenehm.
Habt ihr Angst vor der Zukunft?
Kathrena Angst vor dem, was kommen wird, habe ich keine. Ich hab Angst davor, dass ich etwas nicht schaffen werde, wovon ich geträumt habe. Aber das ist dann Gottes Wille. Es steckt dann immer etwas dahinter. Und wenn es klappt, dann war es der richtige Weg. Als Angst würde ich das nicht bezeichnen.
Miwan Bis vor eineinhalb Jahren, ja. Ich habe dann angefangen, die Zukunft zu ignorieren, das zu machen, was ich gerade mache. Entweder es klappt oder nicht. Ich habe gemerkt, dass ich mir selber schade, wenn ich etwas plane und es dann nicht schaffe. Deshalb habe ich mir versprochen, dass ich nichts mehr plane. Ich mache einfach, was kommt.
Kseniia Ja. Nicht wegen meinen eigenen Vorstellungen von der Zukunft. Nicht wegen meiner Karriere. Sondern wegen der Politik. Es ist immer noch Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Die Menschen sterben. Die Russen machen nichts dagegen. Als ich nach Deutschland gekommen bin, dachte ich, dass es hier besser ist. Aber jetzt ist da die AfD. Es sollen alle Meinungen existieren dürfen. Aber nicht die von denen, die keine Demokraten sind. Eine autoritäre Regierung bedeutet Gewalt. So wie es in Russland und in vielen anderen Ländern schon ist. Dann gibt es keinen Feminismus mehr. Auch für mich als Flüchtling wird es gefährlicher.
Macht euch die AfD Angst?
Kathrena Nein.
Miwan Nein.
Kathrena Es arbeiten in Deutschland so viele ausländische Menschen, dass es ohne die Menschen, die nicht hier geboren wurden, gar nicht gehen würde. Deutschland hat vieles mit Ausländern geschafft. Das würde der Wirtschaft schaden.
Miwan Als es hochkam, dass die AfD, alle Ausländer abschieben will, habe ich mich schon gefragt: War ich jetzt acht Jahre umsonst hier? Stell dir vor, der Brief kommt, dass du zurück in den Irak musst. Ich habe hier schon so viele Sachen geschafft. Ich wüsste nicht, was ich machen würde, wenn ich jetzt in den Irak zurückgehen würde. Soll ich jetzt dort noch mal neu anfangen? Aber wenn alle Ausländer abgeschoben werden, auch die mit deutschem Pass, weil sie einen anderen Hintergrund haben, dann geht das nicht. Wie soll die Wirtschaft weiter wachsen, wenn alle die, die hier schon arbeiten und etwas aufgebaut haben, abgeschoben werden? Wir, die ausländischen Kinder, sind doch die Zukunft. Wie soll es gehen, wenn wir weg sind, wenn die Bevölkerung immer älter wird? Ich glaube, die Deutschen sind nicht gegen die Ausländer, die arbeiten oder in die Schule gehen.
Wie informiert ihr euch?
Miwan Über die Zeitung auf dem Handy. Nicht täglich. Wenn ich auf Tiktok politische Nachrichten lese, frage ich mich, ob das stimmen kann. Dann informiere ich mich in der Zeitung oder im Fernsehen. Auf Politik habe ich gar keine Lust. Mein Leben ist als Schülerin mit einem Job nebenher anstrengend genug. Ich will mich da nicht hinsetzen und überlegen, ob ich abgeschoben werde.