„Dunkelstadt“ auf ZDF Neo Verkaterte Ermittlerin

Von Thomas Gehringer 

Im Undercover-Modus: Alina Levshin beweist in der ZDF-Neo-Serie „Dunkelstadt“ ihr Talent für starke, lässige Frauen-Rollen.

Doro Decker (Alina Levshin) sucht nach Vermissten. Foto: ZDF/  Sofie Silbermann 16 Bilder
Doro Decker (Alina Levshin) sucht nach Vermissten. Foto: ZDF/ Sofie Silbermann

Stuttgart - Vor zehn Jahren hinterließ eine junge Schauspielerin das erste Mal großen Eindruck: Alina Levshin spielte in Dominik Grafs ihrer Zeit vorauseilenden Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ eine junge Ukrainerin, die in einem mafiösen Berlin ihren Träumen nachjagt. Eine schmale, zarte Person mit festem Willen. Wenig später feierte sie mit einer weniger zarten Rollenfigur ihren größten Erfolg. Für die Darstellung eines Neonazi-Mädchens in „Kriegerin“ regnete es 2012 Preise. 2014 stieg sie gemeinsam mit Friedrich Mücke nach nur zwei Folgen aus dem neuen Erfurter „Tatort“ aus, den der MDR damit zu den Akten legte.

Danach wurde es etwas ruhiger um die 1984 in Odessa geborene Levshin, die im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern nach Berlin kam. Nun folgt die Hauptrolle in einer in Antwerpen gedrehten ZDF-Neo-Serie. Als Privatdetektivin in „Dunkelstadt“ beweist Alina Levshin ihr Talent für komische Szenen und starke, lässige Frauenrollen – auch wenn das Rauchen bei ihr irgendwie angelernt wirkt. „Es hat einen Hauch von einem Comic“, sagte sie über die deutsch-belgische Produktion. Ihre Figur wirke „erst mal nicht so heldenhaft – das finde ich toll.“

Häufig in Lebensgefahr, meistens verkatert, aber immer die Ruhe weg: Das ist Privatdetektivin Doro Decker, die neben allerlei Fällen noch den Tod ihres Polizistenvaters aufzuklären hat. Dunkel wie manche Ecken in der belgischen Hafenstadt ist auch ihr Gemütszustand, was man deshalb weiß, weil sie aus dem Off zum Publikum spricht. Sie beschwört das einsame Leben in der im Film namenlosen Stadt herauf, „die von allem zuviel hat, nur nichts für dich“. Sie lästert über sich selbst („Ich bin schwierig in Beziehungen – jeder Art“) und wird gerne mal ironisch: „Der macht’s ja richtig spannend. Hat er wohl in einem Krimi gesehen.“

Es ist nicht ganz klar, ob sie die Ausbildung an der Polizeischule abbrach oder gefeuert wurde. Jedenfalls wehrte sie sich dort gegen übergriffige Ausbilder und „idiotische Befehle“. Der Polizist Chris (Artjom Gilz) hat ein Auge auf sie geworfen, doch obwohl sie angetan ist, bleibt sie auf Distanz. Wenn es sein muss, um etwa an Polizeiakten zu kommen, lässt sie sich auf ein Rendezvous ein und kotzt ihrem Verehrer nach zuviel Whiskey-Genuss auf die neuen Sneakers. So ungerührt, wie Alina Levshin die Szene spielt, wird sie erst wirklich komisch.

Im Kühlschrank steht nur Schnaps

Leider ist „Dunkelstadt“ ansonsten nicht sehr dunkel. Die Fälle sind (meistens) nicht originell, der Humor ist nicht schwarz genug. „Dunkelstadt“ will die klassische Detektivserie aufmöbeln, scheut aber den großen Sprung. Der knittrige männliche Haudegen wird immerhin durch eine coole Frau abgelöst. Doro Decker haust allein in einem unordentlichen Büro in einer tristen Hafengegend, im Kühlschrank steht nur eine Flasche Schnaps, und ohne ihren größten Fan, den schwulen Adnan (Rauand Taleb), der den Laden sauber und am Laufen hält, wäre sie vermutlich aufgeschmissen. Dennoch geht die Detektivin bemerkenswert aufrecht durchs Leben. Sie stoppt ein Komplott gieriger Parteipolitiker, rettet verschwundene Obdachlose und in die Hände einer Sekte geratene Teenager.

Jede Folge beginnt mit der aussichtslosen Lage, in die sie sich am Ende gebracht haben wird: in einem Keller gefesselt finsteren Gestalten ausgeliefert; auf der Rutsche in Richtung eines Verbrennungsofens geschubst; bewusstlos in einen Pool gekippt. Erst in Folge vier ist die Detektivin mal auf der sicheren Seite. Da hält sie einen Mann fest, der aus einem Fenster baumelt. Allerdings gibt es gute Gründe, den Serienmörder nicht ins Haus zu ziehen.

Ihre Fälle löst sie meist im Undercover-Modus, als Journalistin, Kellnerin oder Obdachlose. So wechselt Alina Levshin häufiger mal Outfit und Frisur, nur der schicke alte Mercedes bleibt. Dem armen Rauand Taleb wiederum wurden schreiend bunte Hemden und eine groteske Staubwedel-Frisur verpasst, passend zum Putzfimmel Adnans. Dank Taleb wird Doros rechte Hand aber nicht zur Karikatur. Mit diesem ungleichen Duo kann man schnell warm werden. Und in Folge drei ist dann auch der Fall mal packender, was nicht zuletzt am Schauspieler Maximilian Mundt („How to sell drugs online (fast)“) liegt. Er spielt in dieser Episode einen seltsamen, reichen jungen Mann, der nach dem gewaltsamen Tod seines älteren Bruders allein in einer großen Villa lebt.