Schildkröten auf Wanderschaft Bei Maxi und Pauli spielen die Hormone verrückt

Von Patrick Steinle 

Bei Maxi und Pauli spielen die Hormone verrückt. Ihre Gedanken kreisen unentwegt um Weibchen. Um die Sehnsucht zu stillen, die in ihnen brennt, suchen die beiden Tiere ständig das Weite. Die Besitzer verzweifeln derweil.

Maxi und Pauli überwinden auf der Suche nach weiblichen Artgenossen   fast jedes Hindernis. Foto: Patrick Steinle
Maxi und Pauli überwinden auf der Suche nach weiblichen Artgenossen fast jedes Hindernis. Foto: Patrick Steinle

Echterdingen - Vor zwölf Jahren haben sich die Töchter der Familie Kampe zwei junge griechische Landschildkröten gekauft. Da der Vater unter einer Tierhaarallergie leidet, kamen Schildkröten als einziges Haustier infrage. Was sich beim Kauf noch nicht feststellen ließ: Es sind zwei Männchen, und diese Tatsache sollte ein Jahrzehnt später ziemlich viel Ärger auslösen. Sie tauften die beiden Panzertiere Maxi und Pauli. Diese dürfen den ganzen Garten nutzen. Dort befindet sich ein kleines, beheiztes Gehege und ansonsten können sie sich frei auf dem etwa 60 Quadratmeter großen Stück bewegen. „Auf die Ernährung der Tiere achten wir besonders“, sagt Irmtraud Kampe.

Im Laufe der Jahre und mit zunehmendem Alter wurden die Schildkröten aber immer schwieriger zu halten. Die Männchen entwickelten hormonelle Triebe, jedoch gibt es kein Weibchen, um den Geschlechtsakt auszuführen. Deshalb nutzen sie ihre Energie für andere Dinge. Der Hormonüberschuss lässt die Tiere aggressiv werden. Beim Spielen miteinander beißen sie sich häufig.

Die Telefonnummer will sie nicht auf die Panzer schreiben

Was die Familie aber am meisten ärgert, ist der Trieb, aus dem Garten zu flüchten. Die kraftvollen Vierbeiner klettern über die etwa 30 Zentimeter hohe Abzäunung und scheinen Echterdingen erkunden zu wollen. Anfang Juli jedenfalls lief einer der beiden von dem Garten an der Gutastraße aus bis zum Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium. Kinder fanden die Schildkröte und spielten mit ihr, ehe Irmtraud Kampe sie abholte.

Kurze Zeit später büchste eines der beiden Männchen wieder aus dem Garten aus und krabbelte bis zum Stangenkreisverkehr. Dort fand eine Joggerin das Tier mit dem Panzer auf dem Rücken. Ihr Sohn startete einen Aufruf auf der Social-Media-Plattform Facebook und gab an, eine Schildkröte gefunden zu haben. Auf das Bild der Schildkröte wurde eine Nachbarin der Familie Kampe aufmerksam. Sie kontaktiert die Besitzer und es stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um ihre Schildkröte handelte.

Meist kommen die beiden Schildkröten aber gar nicht so weit. Maxi und Pauli sind in der Nachbarschaft schon bekannt. Teilweise heben die Nachbarn die Tiere über den Zaun zurück. „Auf Facebook wurde gemeldet, dass jemand eine Schildkröte gefunden hat. Ist das wieder einer deiner beiden Kerle?“, zitiert Kampe ihre Nachbarin. Tatsächlich war vergangene Woche mal wieder einer der Vierbeiner abgehauen, dabei handelte es sich um ihn. „Meine Telefonnummer schreibe ich nicht auf ihre Panzer“, sagt sie. „Bisher kamen sie ja immer zurück nach Hause“.

Die Schildkröten sind längst nicht mehr niedlich

Dieses Jahr ist die Arbeit für Familie Kampe sehr aufwendig. Sie versuchen, keine offenen Stellen am Rand des Gartens zu lassen. Jedoch finden die Schildkröten meist trotzdem einen Weg nach draußen. Das zerrt an Kampes Nerven. Sie überlegt sich ernsthaft, die Tiere abzugeben. Allerdings nur in gute Hände. „Es ist zwar schade, weil wir die Schildkröten schon über zehn Jahre haben. Andererseits muss ich sehr viel Arbeit investieren und unsere Töchter sehen Maxi und Pauli gar nicht mehr. Sie hängen emotional nicht mehr so stark an den beiden“, sagt Kampe. Vor Kurzem wurden die beiden sogar umbenannt. Maxi heißt nun Berndt – so haben die Schüler, die die Schildkröte im Juli gefunden hatten, das Tier getauft – und Pauli wird nun nur noch Paul gerufen. „Die Verniedlichung haben sich die beiden nicht verdient, bei alledem, was sie in diesem Jahr angestellt haben“, sagt Kampe.




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