Haussmann führt in Bad Urach ein zufriedenes Leben, sagt er, ohne gesundheitliche Probleme. Er gehört auch nicht zu den Stubenhockern. Der Tag beginnt früh, er fährt seine Frau Margot in ihre psychotherapeutische Praxis in Metzingen, dann geht er mit der Retrieverhündin Honey in den Weinbergen spazieren.
Frühe Bekanntschaft mit Theodor Heuss und Reinhold Maier
Anschließend kommt, was er nicht missen möchte: Arbeit im Homeoffice, Vorbereitung auf allerhand Aktivitäten. Der Mann aus dem engen, deshalb oft schattigen Bad Uracher Tal sucht die Weite. Auf keinen Fall will er „sich verengen lassen“. Das hat er schon früher so gehalten: Er war in der früheren Firma seines Vaters unternehmerisch tätig, lehrte an der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er auch seine Doktorarbeit schrieb – und war in der FDP parteipolitisch tätig: als Gemeinderat und als Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Reutlingen, als Generalsekretär und als Bundeswirtschaftsminister – stets im Sinne „des schwäbischen Liberalismus von Theodor Heuss und Reinhold Maier“, die er durch seinen Vater schon in jungen Jahren kennenlernte. „Ich wollte nie nur Politiker, nur Wissenschaftler oder nur Unternehmer sein.“
„Anstrengend, aber lehrreich“ nennt er die Jahre, in denen er zugleich im Bad Uracher Stadtrat und im Bonner Bundestag saß. Als Generalsekretär half er mit, der FDP ein neues Parteiprogramm zu geben, als Bundeswirtschaftsminister war er in der Zeit der Wende tätig. Doch mit vielen Vorschlägen zur Wiederbelebung eines Mittelstandes setzten er und seine FDP sich nicht „gegen CDU und Kanzleramt“ durch.
Kohl wollte rasche Entscheidungen, die Liberalen hätten sich ein schrittweises Vorgehen gewünscht. Dass er nach der Bundestagswahl 1990 nicht mehr als Wirtschaftsminister tätig sein wollte, begründet er mit Angst vor den Morden der RAF, aber auch mit parteiinternen Auseinandersetzungen.
Aktiv in der Naumann-Stiftung und in der Kohl-Stiftung
Einige Jahre später, 1996, wurde er dann, offenbar mit Unterstützung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, erster Präsident der noch heute existierenden Asian-Europe-Foundation in Singapur. Überhaupt haben es dem ehemaligen Minister Stiftungen angetan: Er ist Mitglied im Kuratorium der FDP-nahen „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“ und als einziges Mitglied ohne CDU-Parteibuch im Kuratorium der Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung. „Man will ja auch im Alter nicht nur über Krankheiten reden.“ Bei der Unternehmensberatung Cap Gemini und der deutsch-chinesischen Investorengruppe Agic ist Haussmann nach wie vor beratend tätig.
Mit alten Weggefährten wie etwa dem früheren FDP-Vorsitzenden Wolfgang Gerhard hat er immer noch Kontakt, er telefoniert viel und lange mit Freunden und Bekannten. „Wenn wir gefragt werden, geben wir unseren Rat, aber wir drängen uns nicht auf.“ Parteipolitisch ist der Ehrenvorsitzende der FDP in seinem früheren Wahlkreis Reutlingen nicht mehr aktiv.
In Tübingen ist er nach wie vor Gastprofessor. Etwa 90 Studenten kommen zu den Vorlesungen, die er eher praktisch anlegt, etwa mit Betriebsführungen: „Ich will den Studentinnen und Studenten nicht Folien um die Ohren schlagen, wir diskutieren aktuelle wirtschaftspolitische Fragen.“ Im Zentrum steht seine langjährige Leidenschaft: die internationalen Aktivitäten mittelständischer Unternehmen.
„Forellentreffen“ in Tübingen
Die altehrwürdige Universitätsstadt am Neckar ist ihm nicht nur wegen der Uni lieb und teuer: Einmal im Monat trifft er sich mit einem Dutzend Freunden und Bekannten in der Gaststätte „Forelle“ zum Meinungsaustausch. Zu den „Forellen“, wie sie sich selbst nennen, gehören auch Mitarbeiter der Universität und Unternehmer: „Sonst bleibt man in seiner eigenen Blase gefangen.“
Besonders wichtig aber ist ihm immer noch Bad Urach, zumal er dort 2022 Ehrenbürger wurde. „Einmal im Monat treffe ich mich mit Bürgermeister Elmar Rebmann, und wir diskutieren Projekte wie etwa die Landesgartenschau 2027 in Bad Urach und eine Erdwärmebohrung.“ Schon länger organisiert Haussmann die „Bad Uracher Rathausgespräche“. Das nächste Mal geht es um das Verhältnis zwischen den USA und China. Außer Haus noch aktiv sein zu können, ist ihm auch privat wichtig: „Meine Frau will keinen alten Nörgler daheim.“
Der umtriebige Liberale
Werdegang
Helmut Haussmann wurde 1943 in Tübingen geboren und wuchs in Bad Urach auf. 1961 legte er das Abitur in Metzingen ab, sieben Jahre später beendete er sein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an den Universitäten Tübingen, Hamburg und Erlangen-Nürnberg als Diplom-Kaufmann. Dort wurde er zunächst Forschungsassistent, dann promovierte er und erhielt 1978 einen Lehrauftrag. Von 1968 bis 1971 war er geschäftsführender Gesellschafter im Betrieb seines Vaters. Seit 2010 ist er Gastprofessor an der Universität Tübingen. Seit 1991 und bis heute ist er bei der Unternehmensberatung Cap Gemini aktiv.
Politik
1969 trat Haussmann in die FDP ein, für die er auch von 1975 bis 1980 im Stadtrat von Bad Urach saß. 1976 wurde er, damals bereits Kreisvorsitzender der FDP Reutlingen, in den Bundestag gewählt. In diesem saß er bis bis 2002. Er gehörte auch zu einer Gruppe von Liberalen, die sich gegen den Weiterbau des Atomkraftwerks „Schneller Brüter“ in Kalkar wandten. Den Wechsel von der sozialliberalen Koalition unter Helmut Schmidt zur CDU-FDP-Koalition lehnte er zunächst ab.
Ministeramt
Von 1988 bis 1991 war Haussmann Bundeswirtschaftsminister. Umstritten war seine Ministererlaubnis für eine Fusion der damaligen Daimler-Benz AG mit dem ehemaligen Rüstungskonzern Messerschmidt-Bölkow-Blohm (MBB). Diese setzte er gegen das Votum des Bundeskartellamts und der Monopolkommission durch.