Eiermann-Magnani-Haus Ein Pfarrer, ein Architekt, ein Flüchtlingsheim

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Im Odenwalddorf Hettingen baute Egon Eiermann unmittelbar nach Kriegsende eine Modellsiedlung für Vertriebene aus dem deutschen Osten. Jetzt ist aus einem der Häuser ein kleines Museum entstanden.

Das Backsteinhäuschen liegt auf einem Hanggrundstück oberhalb des Ortes. Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung 15 Bilder
Das Backsteinhäuschen liegt auf einem Hanggrundstück oberhalb des Ortes. Foto: Thomas Wolf © Wüstenrot Stiftung

Buchen - 1946. Der Herr Pfarrer krempelt die ­Ärmel seiner Soutane hoch und gründet eine Baugenossenschaft. Heinrich Magnani, Sohn eines italienischen Arbeitsmigranten und katholischer Hirte im Odenwald-Dorf Hettingen, hat beschlossen etwas gegen die Flüchtlingskrise zu tun. Rund fünfhundert Heimatvertriebene hat es nach Kriegsende 1945 aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die 1500-Seelen­Gemeinde verschlagen, die – in Erman­gelung von Sporthallen, Schulzentren und Container-Provisorien – direkt bei den ­Familien im Dorf unter­gebracht werden. Sozialer Sprengstoff, erkennt Magnani, den es durch den Bau neuer Häuser schleunigst zu entschärfen gilt. Für sein Projekt „Neue Heimat“ gewinnt der umtriebige Geistliche keinen Geringeren als Egon Eiermann, der sich aus dem zerbombten Berlin in seine Vaterstadt Buchen im Odenwald gerettet hat.

Eiermann, nachmals einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Nachkriegsmoderne, bekannt als Architekt der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und – besonders aus Stuttgarter Perspektive – der IBM-Hauptverwaltung in Vaihingen, plant eine kleine Siedlung auf einem Hanggrundstück oberhalb von Hettingen. Nicht alles wird realisiert, aber es entstehen sieben leicht gegeneinander versetzte Doppelhäuser für Zuzügler und bedürftige Einheimische, größtenteils in Eigenarbeit von neuen und alten Hettingern gemeinsam errichtet. Das soll nicht nur die Kosten niedrig halten, sondern auch den sozialen Zusammenhalt stärken – das Ganze ein Vorzeigeprojekt gelungener Integration, wie man heute sagen würde, dem sogar der Papst im fernen Rom seinen Segen spendet.

2018. Aus einem der vierzehn Häuser ist ein kleines Museum geworden: das Eiermann-Magnani-Haus in Buchen-Hettingen. Als Dokument der Zeitgeschichte erinnert es an die Wirren der Nachkriegstage, als rund 14 Millionen Flüchtlinge im Westen eintrafen, wo ebenfalls Not herrschte und alles in Trümmern lag. „Wir müssen ein Herz haben für diese Millionen Menschen“, predigte Heinrich Magnani seiner Gemeinde. Und obwohl die Idee zu dem Museum lange vor der aktuellen Flüchtlingswelle geboren wurde, könne es auch heute ein Vorbild für „den menschlichen Umgang mit Leuten sein, die man sich nicht unbedingt hergewünscht hat“, meint Thomas Schnabel vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg.

Nicht nur „Star-Denkmale“ verdienen es, erhalten zu werden

Das große Museum in Stuttgart hat das kleine Museum im Odenwald unter seine Fittiche genommen und die Ausstellung konzipiert, während die in Ludwigsburg beheimatete Wüstenrot Stiftung das Geld gab und das Häuschen mit wissenschaftlicher Akribie und nach allen Regeln der denkmalpflegerischen Kunst instand­setzen ließ. Philip Kurz, Geschäftsführer der auf die Erhaltung von Bauten der Moderne spezialisierten Stiftung, folgte mit diesem Projekt seinem Credo, dass nicht nur „Star-Denkmale“ Aufmerksamkeit verdienen, sondern auch unscheinbarere Architektur, eben weil sie vom Alltag der „kleinen Leute“ kündet.

Eine „Heimatvertriebenen-Puppen­stube“ sollte aus dem Eiermann-Magnani-Haus aber nicht werden. Zwar hat der Backsteinbau die Jahrzehnte seit seiner Erbauung nahezu unverändert überlebt – im Gegensatz zu den anderen Häusern der Modellsiedlung, die mit ­allem, was die Baumärkte so hergeben, bis zur Unkenntlichkeit umgemodelt wurden. Doch wie immer folgte Wüstenrot bei der Instandsetzung dem Prinzip, dass Spuren der Zeit und der Bewohner zu einem Denkmal gehören, eine Rückführung auf irgendeinen „Originalzustand“ also nicht das Ziel sein kann. Blümchentapeten, Stragula-Böden (eine billige Linoleum-Imitation mit Perserteppichmuster) und farbig angestrichene Dielen durften, abgewetzt wie sie sind, darum bleiben, die später eingesetzten Fenster dagegen wurden gegen die Kastenfenster aus der Bauzeit ausgetauscht, die sich noch im Schuppen fanden und repariert werden konnten.