Heidelberg - Das Entstehen und die ersten Krisen der Weimarer Republik sind mit Friedrich Ebert verbunden, der von 1919 bis 1925 ihr Präsident war. Sie spiegeln sich in Reden, Briefen und Auskünften, die wir hier als Antworten auf die Fragen der Nachgeborenen arrangiert haben. Ebert starb 1925 im Alter von 54 Jahren, gezeichnet von den Anforderungen seines Amtes.
Herr Ebert, warum sind Sie Sozialdemokrat geworden?
Weil die Sozialdemokratie Sorge trägt, dass dem Volke das Fell nicht noch weiter über die Ohren gezogen wird. Ich bekenne, dass ich ein Sohn des Arbeiterstandes bin, aufgewachsen in der Gedankenwelt des Sozialismus, und dass ich weder meinen Ursprung noch meine Überzeugung jemals zu verleugnen gesonnen bin.
Seit 1905 waren Sie Mitglied des SPD-Parteivorstandes. 1913 wurden Sie zum Vorsitzenden gewählt. Der notorische Streit unter den Genossen war Ihnen immer ein Gräuel.
Die Geschlossenheit ist Vorbedingung für unseren Erfolg. Sie verlangt aber die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit. Wenn das nicht geschieht, dann kommen wir zu anarchistischen Zuständen. Wenn wir schmutzige Wäsche zu waschen haben, so gehen wir damit besser in die Waschküche, aber nicht in die Öffentlichkeit.
Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren Sie in der Sommerfrische auf der Insel Rügen. Was dachten Sie, als Sie vom drohenden Krieg erfuhren?
Die Zwackel soll der Teufel holen! Mit der Ruhe zu Ferien scheint’s alle zu sein.
Die SPD hat unter Ihrer Führung wider Erwarten im Reichstag die Kriegskredite bewilligt und damit das Schlachten erst ermöglich. Wie kam es dazu?
Wir dürfen das Vaterland, wenn es in Not ist, nicht verlassen. Nur zur Verteidigung der bedrohten Heimat hat Deutschland die Waffen ergriffen; in diesem Bewusstsein haben wir den langen Krieg geführt, und nur dieser Geist konnte uns die gewaltigen Opfer ertragen lassen, die alle Kreise unseres Volkes an Gut und Blut erbringen mussten. Uns Sozialdemokraten ist es nicht leicht geworden, mit der Verteidigung unseres Landes auch das herrschende System mit zu schützen.
Für Sie war der Erste Weltkrieg auch eine persönliche Tragödie.
In unserem Hause ist Trauer eingezogen. Unser lieber (Sohn) Heinrich ist dem Kriege zum Opfer gefallen. Am 26. Januar (1917) hat er in Mazedonien eine schwere Verwundung erhalten. Der Schlag trifft uns sehr schwer. Wir müssen uns trösten mit den vielen anderen, die ihr Liebstes verloren.
Dies blieb nicht Ihr einziger Verlust.
Ich habe zwei Söhne für dieses Reich verloren.
Wie rechtfertigen Sie Ihren patriotischen Kurs während des Krieges?
Unglückliche Arbeiterfrauen haben sich bitter und jammervoll beklagt, dass man ihre Männer so leichtfertig ins Verderben treibe. Die Sozialdemokratische Partei hat ihren Willen und ihre Kraft dafür eingesetzt, dass Deutschland in dem schwersten Existenzkampf bestehen kann und gesichert werde. Zugleich aber hat unsere Partei unausgesetzt danach gestrebt, die unermesslichen Verwüstungen des Krieges zu beendigen.
Der Krieg hat auch Ihre Partei zerrissen. Wie haben Sie das erlebt?
Meinungsverschiedenheiten hat es immer gegeben, das ist naturgemäß und wird wohl auch so bleiben. Aber verderblich für die Partei und verhängnisvoll für das Proletariat ist es, wenn dieser Meinungsstreit in Methoden ausgefochten wird, die jede Kameradschaft ertöten müssen.
1917 kam es zur Spaltung. Die Linken formierten eine Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD). Wie sehr hat Sie das geschmerzt?
Alles, was die Unabhängigen geleistet haben, bestand lediglich in der Bekämpfung unserer Partei. Ihr einziger Erfolg ist die Schwächung der Schlagkraft der Arbeiterklasse.
Noch bevor der Krieg zu Ende war und der Kaiser abgedankt hatte, ließ die SPD sich dazu überreden, eine Mitverantwortung in der Regierung zu übernehmen. Warum?
Gewiss, es wäre bequemer, unsere Hände in Unschuld zu waschen. Aber in der Schicksalsstunde des deutschen Volkes wäre eine solche Politik vor der Geschichte nie und nimmer zu verantworten. Wir sind in die Regierung hineingegangen, wenn es um das ganze Volk, um seine Zukunft geht. Für Volk und Reich ist die Demokratisierung zur Lebensnotwendigkeit geworden.
Die Revolution im November 1918 hat Sie eher überrascht?
Wenn die Völker fortschreiten und die Verfassungen stillstehen, kommen die Revolutionen. Die Sozialdemokratische Partei hat von jeher die Überzeugung vertreten, dass ein großes Volk nicht auf die Dauer von einer dünnen Oberschicht aufgrund ererbter Vorrechte regiert werden könne. Im alten Deutschland waren ganze Klassen, Nationen und Konfessionen von der schaffenden Mitwirkung im Staate vollständig ausgeschlossen. Die Fortsetzung dieser Ausschaltungspolitik ist für Deutschland verhängnisvoll geworden.
Der letzte kaiserliche Reichskanzler Max von Baden hat Ihnen sein Regierungsamt angetragen. Wie lautete Ihre Antwort?
Es ist ein schweres Amt, aber ich werde es übernehmen. Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Aber ich will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.
Ihr Genosse Philipp Scheidemann hat spontan die Republik ausgerufen. Was haben Sie ihm daraufhin gesagt?
Du hast kein Recht, die Republik auszurufen! Was aus Deutschland wird, das entscheidet eine Konstituante.
Und Ihre erste Botschaft damals an die revolutionären Massen?
Mitbürger! Verlasst die Straßen! Sorgt für Ruhe und Ordnung!
Rechte haben später der Revolution und der Demokratie die Kriegsniederlage angelastet. Haben Sie diese Dolchstoßlegende kommen sehen?
Die provisorische Regierung hat eine sehr üble Erbschaft angetreten. Wir waren im eigentlichsten Wortsinne die Konkursverwalter des alten Regimes. Nur ärgste demagogische Verlogenheit kann behaupten, dass die Demokratie durch Preisgabe deutschen Landes oder auf Kosten der Interessen des Volkes zur Macht gelangen wollte. Tatsächlich ist, dass sie die Macht ergreifen musste, weil nur sie noch imstande war, Deutschland zu retten.
Sie mussten sich dem Ansturm der Linken um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erwehren, die eine Art Sowjetrepublik errichten wollten. Wie haben Sie argumentiert?
Das siegreiche Proletariat richtet keine Klassenherrschaft auf. Es überwindet die alte Klassenherrschaft und stellt die Gleichheit alles dessen her, was Menschenantlitz trägt. Das ist der große ideale Gedanke der Demokratie.
Anfang 1919 wurde der kommunistische Spartakusaufstand niedergeschlagen, Luxemburg und Liebknecht dabei ermordet. Was hat Sie veranlasst, das Militär gegen Ihre ehemaligen Genossen zu Hilfe zu rufen?
Wo Spartakus herrscht, ist jede persönliche Freiheit aufgehoben. Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden. Es ist begreiflich, dass in den ersten Tagen und Wochen der Republik Fehlgriffe vorkamen. Auch bei der jungen Republik geht’s ohne Kinderkrankheiten nicht ab. Unser Land befindet sich aber nach den furchtbaren Kriegsjahren in einer so ernsten Situation, dass die Kinderkrankheiten schnellstens überwunden werden müssen, wenn wir nicht zugrunde gehen sollen.
Was war Ihre Botschaft an die Deutschen, als Sie 1919 zum ersten Reichspräsidenten gewählt worden sind?
Nicht eine Partei, sondern die große Mehrheit des ganzen Volkes hat mich gewählt und kann daher auch von mir verlangen, dass ich der Präsident des Volkes und nicht einer Partei bin.
Und wie lautete Ihr Urteil über den Versailler Friedensvertrag?
Unerfüllbar, unerträglich und unannehmbar. Wir haben uns mit allen Mitteln und aller Kraft gewehrt, aber wir mussten schließlich der brutalen Gewalt der Übermacht weichen. Unser Volk ist zermürbt. Bei Ablehnung wäre nach dem, was uns über die Absichten der rachsüchtigen Gegner bekannt ist, mit Verschärfung der Aushungerung, wenn nicht mit voller Verwüstung Deutschlands zu rechnen gewesen. Selbstzerfleischung und Verfall des Reiches wären sicher gefolgt. Das aber durfte nicht sein. Und dieser Gedanke muss auch Sie beseelen. Deutschland darf nicht zugrunde gehen.
Die Weimarer Republik war durch Gewalt von rechts und links bedroht. 1923 versuchten die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler einen Putsch. Welchen Eindruck hatten Sie von Adolf Hitler und seinen Horden?
In der Zeit der größten Bedrängnis haben sich Verblendete ans Werk gemacht, um das Deutsche Reich zu zerschlagen. Wer diese Bewegung unterstützt, macht sich zum Hoch- und Landesverräter, stürzt Deutschland ins Unglück, bringt uns in die Gefahr eines feindlichen Einmarsches und zerrüttet alle Aussichten auf die Anbahnung wirtschaftlicher Gesundung. Alles ist dahin, wenn das wahnwitzige Beginnen Erfolg hat.
Was bedeutet Ihnen Ihr Herkommen?
Seien Sie versichert, dass wir unsere Herkunft niemals verleugnen. Ich bin stolz darauf, Arbeiter zu sein. Baden hat den Reichsgedanken immer mit Treue und großem Nachdruck vertreten. In diesem Sinne möchte ich Sie bitten, Ihr Glas zu erheben und mit mir zu trinken auf das Wohl, das Glück, das Gedeihen des Badnerlandes.
Und Ihre schwäbischen Landsleute?
Ich fühle mich im Schwabenlande nicht als Fremder. Ich kenne das Land und die Leute. Als nächster Nachbar, als Badener, fühle ich mit Ihnen, denke mit Ihnen und habe Verständnis für die Sorgen.
Quellen: Die Friedrich-Ebert-Zitate entstammen den Biografien von Werner Maser und Walter Mühlhausen, zudem den von Walter Mühlhausen veröffentlichten „Reden als Reichspräsident“, den von ihm editierten Band „Private Briefe 1909 bis 1924“ und dem 1926 erschienenen zweibändigen Werk „Schriften, Aufzeichnungen, Reden“.