Es war das Ende einer Ära. Vor einem Jahr, am 15. April 2023, wurden die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz genommen. Die Reaktoren Neckarwestheim 2, Emsland und Isar 2 waren wegen der Energiekrise in Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine drei Monate länger gelaufen als ursprünglich geplant. Doch dann war Schluss. Kritiker gaben düstere Prognosen ab. CDU-Chef Friedrich Merz sprach von einem „schwarzen Tag für Deutschland“. Drei große Befürchtungen gab es damals: Deutschland werde zu wenig Strom haben, der Preis werde steigen und Elektrizität würde klimaschädlicher erzeugt werden. Ein Jahr später zeigt sich: Fast nichts davon ist eingetroffen – auch wenn es mit Blick auf die Energiepreise große Sorgen gibt.
Gab es einen nach dem Abschalten der Atomkraftwerke einen Engpass beim Strom?
Nein. Die Bundesregierung bilanziert dazu: „In Deutschland kann die Stromnachfrage jederzeit durch am Markt verfügbare konventionelle und erneuerbare Erzeugungsleistung gedeckt werden.“ Die Nachfrage nach Strom blieb zwischen 16. April 2023 und 15. März 2024 mit 426 Terrawattstunden (TWh) auf einem ähnlichen Niveau wie im Jahr zuvor, wie eine Studie im Auftrag von Greenpeace und des Energieversorgers Green Planet Energy zeigt.
Der Anteil des Atomstroms war in den Jahren vor der Abschaltung ohnehin nur noch sehr gering. Er lag bei der Erzeugung 2022 noch bei 5,8 Prozent an der Gesamtproduktion. 2023 liefen die Reaktoren für drei Monate im Streckbetrieb und lieferten aufs Jahr gerechnet gerade einmal 1,5 Prozent des Stroms.
Ist der Strom in Deutschland schmutziger geworden?
Atomstrom verursacht bei der Produktion kaum klimaschädliches CO2. Vor dem Atomausstieg wurde gewarnt, dass der wegfallende Atomstrom durch Kohlekraftwerke ausgeglichen wird. Diese stoßen besonders viel CO2 aus. Doch die Sorge hat sich nicht bewahrheitet. Der CO2-Ausstoß im Energiesektor sank in Deutschland um 24 Prozent, heißt es in der Greenpeace-Studie. Die Stromnachfrage ging in dem Zeitraum nur um ein Prozent zurück. Die Stromerzeugung aus Stein- und Braunkohle sank 2023 um 53 Terawattstunden. Dagegen legte die die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen um 28 TWh zu.
Ist der Strompreis gestiegen?
Im Gegenteil. Der Börsenstrompreis lag im März 2023 in Deutschland durchschnittlich bei rund 103 Euro pro Megawattstunde, im März 2024 hingegen bei 65 Euro. Damit war er zwar höher als in Frankreich (53 Euro) oder den Niederlanden (63 Euro) – aber günstiger als in Polen (75 Euro) oder Italien (89 Euro). Der Preis in Deutschland liegt inzwischen wieder auf dem Niveau vor dem Ukraine-Krieg. Deutschland hat dabei auch davon profitiert, dass es mehr Strom importiert hat, vor allem aus Windkraft- und Wasserkraftwerken in Skandinavien. Das ist günstiger, als den Strom hierzulande durch Gas- oder Kohlekraftwerke zu erzeugen.
Auch für Privathaushalte sinken die Preise, wenn auch weniger deutlich. Wer aktuell einen neuen Stromvertrag abschließt, kann mit Preisen von rund 26 Cent pro Kilowattstunde rechnen. Vor einem Jahr waren es etwa 33 Cent. Experten schätzen, dass der Preis mit weiter laufenden Atomkraftwerken noch etwas niedriger liegen könnte, allerdings in einem Bereich von weniger als einem Cent pro Kilowattstunde für Privatverbraucher.
Warum gibt es trotzdem Sorgen über hohe Energiepreise?
Wie akut die Frage der Energiekosten ist, zeigte sich in dieser Woche. Thyssen-Krupp erklärte, künftig weniger Stahl in seinem Werk in Duisburg zu produzieren. Als Grund nennt der Konzern auch „die hohen und durch klimapolitische Zielsetzungen weiter steigenden Energiekosten“. Für die Industrie sind nicht allein die Börsenstrompreise entscheidend, sondern auch die sogenannten Systemkosten. Das sind etwa Kosten für den Netzausbau. Hier wird ein weiterer Anstieg prognostiziert, sodass Deutschland einen Standortnachteil hätte.
Die Politik versucht dies auszugleichen, indem sie Industrieunternehmen eine ganze Reihe von Vergünstigungen bietet. Viele Abgaben und Steuern, die etwa Privatkunden zahlen, fallen für sie nicht an. Doch ob solche Hilfen auch in Zukunft fließen, ist nicht gesichert. Das erschwert aus Sicht der Industrie die langfristige Planung von großen Investitionsentscheidungen.
Wie läuft die politische Debatte?
Franziska Brantner (Grüne), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, bilanzierte im Gespräch mit unserer Redaktion zum Jahrestag des Atomausstiegs: „Die Strom-Versorgungssicherheit ist hoch, die Strompreise sind seitdem weiter deutlich gefallen und die CO2-Emissionen gehen zurück.“
Die Union, unter deren Führung 2011 der Atom-Ausstieg beschlossen wurde, stellte in dieser Woche im Bundestag einen Antrag, der das Kapitel der Atomenergie noch etwas verlängern sollte. Er sah vor, den Rückbau der zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke zu stoppen, damit später über eine Wiederinbetriebnahme entschieden werden könne. Das wäre jedoch nur unter großen Anstrengungen – und hohen Kosten – möglich: Viele Mitarbeiter kündigten schon vor der endgültigen Stilllegung oder gingen in den Vorruhestand. Neue Brennstäbe zu beschaffen, würde Jahre dauern. Der Antrag wurde mit der Mehrheit der Ampel-Koalition abgelehnt.