Ein paar Tage später lerne ich Edeltraud Wetzel und Heinz Kobald kennen. Sie: 67, verheiratet, freiberufliche Lektorin, Eigenheimbesitzerin, Mutter und Großmutter. Er: 69, zweimal geschieden, kein Zuhause, kaum Zähne und seit Jahrzehnten ohne Kontakt zu seinen Angehörigen. Mit 39 hatte Kobald bei einem Autounfall schwere Schädelverletzungen erlitten. Er verlor seinen Arbeitsplatz, seine Ehe zerbrach. Kobald hatte Schulden und flog aus seiner Wohnung in Stuttgart-Münster. Zunächst landete er unter einer Neckarbrücke, dann siedelte er in den Wald um.
Am frühen Morgen des 7. Oktober 1996 joggt Edeltraud Wetzel mit ihrem Cockerspaniel in Richtung Saufang, als sie eine hagere Gestalt entdeckt, die sich in einer rostigen Cola-Dose Kaffee kocht. „Ist das Ihr Frühstück?“, fragt sie. Kobald nickt, und die Fremde verspricht: „Morgen bringe ich Ihnen etwas Anständiges mit.“ Edeltraud Wetzel serviert Heinz Kobald dann nicht nur frische Brezeln von der Bäckerei Klinsmann, sondern besorgt ihm auch eine feste Bleibe und ordnet seine Finanzen. Kurzum: sie kümmert sich um ihn.
Schöne Erinnerungen
Meine Reportage über einen gebrochenen Mann, dem das Schicksal eine tatkräftige Helferin vorbeischickt, hat ungeahnte Folgen. Mir wird der Theodor-Wolff-Preis verliehen, „für die poetische Schilderung bürgerschaftlichen Engagements, ohne die Mühe und Frustration zu verschweigen, die damit verbunden sein können“, wie es in der Laudatio heißt. Edeltraud Wetzel, die wahre Heldin der Geschichte, bekommt den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg überreicht.
Ein Jahrzehnt ist das her, unser Ruhm längst vergangen. Zum Jubiläum, denke ich, sollten wir uns wiedersehen, um in schönen Erinnerungen zu schwelgen. Wir verabreden uns an der Sonnenuhrhütte im Stuttgarter Schwarzwildpark, jener wetterfesten Grillstelle, wo sich Edeltraud Wetzel und Heinz Kobald zum ersten Mal begegnet sind.
Sie haben sich kaum verändert. Edeltraud Wetzel wirkt mit 76 vitaler als manch 16-Jährige. Und Heinz Kobald ist durch das Glasauge und die Narbe, die sich über seine Stirn zieht, ohnehin eine Erscheinung, der das Alter scheinbar nichts mehr anhaben kann.
Was ist seit unserer letzten Begegnung passiert? Ihre Nachbarin Frau Bogner – die StZ-Leserin, ohne die wir uns nie kennengelernt hätten – sei leider gestorben, erzählt Edeltraud Wetzel. Und Jenny, die Cockerspaniel-Dame, die sie seinerzeit bei ihren Waldrunden begleitet hat, lebt auch nicht mehr. Die neue Hündin an ihrer Seite, ein wilder Jack-Russel-Mix, heißt Tini und buddelt, während wir reden, beharrlich nach Mäusen. „Ich genieße mein Rentnerinnendasein“, sagt Edeltraud Wetzel. Kürzlich hat sie mit ihrem Mann eine Kreuzfahrt auf dem Douro quer durch Portugal gemacht. Bald geht’s auf eine Radtour mit zwei Freundinnen entlang der Weichsel von Krakau nach Warschau. „Da freu ich mich schon drauf.“
Noch immer packt ihn der Freiheitsdrang
Und wie läuft’s bei Heinz Kobald? Die schwere Metallplatte in seinem Schädel wurde im Katharinenhospital durch ein modernes Kunststoffteil ersetzt. Seither sind die Kopfschmerzen weg, und er kann wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachkommen: mit dem VVS-Jahresticket – „der einzige Luxus, den ich mir leiste“ – durch die Gegend fahren.
Daheim hat es Kobald noch nie lang ausgehalten. Jeden Morgen packt ihn der Freiheitsdrang, und er macht sich ziellos auf den Weg. Dafür lässt er gerne alles stehen und liegen. „Wir haben gerade Knatsch, weil sich Heinz immerzu irgendwo rumtreibt, aber nie aufräumt oder putzt“, erzählt Edeltraud Wetzel und schiebt mir einen Brief über den Tisch:
Liebe Frau Wetzel!
Ich weiß, dass ich einiges gemacht habe, was nicht gut war. Ich trage meinen Müll nicht hinunter. Meine Wohnung ist auch nicht immer so, wie du es gerne hättest. Wenn du dann von einer großen Sauerei sprichst, muss ich dir leider recht geben. Ich habe mir nun eine Liste gemacht, damit ich weiß, was ich täglich zu tun habe. Wenn sie nicht so ist, wie du dir das vorstellst, darfst du sie gerne ändern. Und vielleicht komme ich doch mal an den Punkt, wo alles so ist, wie du es möchtest.
Mit ganz lieben Grüßen, Heinz Kobald
Mit schönen Worten konnte Kobald seine Wohltäterin schon immer um den Finger wickeln. Die erste von Hunderten Botschaften fand Edeltraud Wetzel im Januar 1997 in ihrem Briefkasten. Seither ist keine Woche vergangen, ohne dass sie eine handgeschriebene Entschuldigung ihres Mündels erhalten hätte. Meistens geht’s ums liebe Geld. Alle zwei Wochen zahlt sie ihm 200 Euro aus, damit er mit seiner Rente über die Runden kommt. Und was macht Kobald? Gönnt sich beim Ochs’n Willi erst mal einen saftigen Braten mit Kartoffelsalat, kauft anschließend großzügig bei Edeka ein – und greift wenige Tage später wieder zum Füller:
Liebe Edeltraud,
könntest du mir diese Woche noch ein paar Euro bringen? Ich weiß, dass das eigentlich im Moment nicht sein sollte, aber vielleicht kannst du wieder einmal eine Ausnahme machen? Und das vielleicht sogar ohne Wut im Bauch?
Mit ganz lieben Grüßen, Heinz Kobald
Dann fährt sie in seine Zweizimmerwohnung im Stuttgarter Westen, füllt den Kühlschrank und legt einen 50-Euro-Schein auf den Tisch. Aus pädagogischer Sicht ist ihre stetige Barmherzigkeit zweckwidrig, denn so lernt Kobald nie, die Konsequenzen seines Tuns zu ertragen. Andererseits: soll der 79-Jährige hungern, so wie früher als Obdachloser im Wald? Und was, wenn er aus Not klauen würde, hätte sie sich dann als seine ehrenamtliche Betreuerin mitschuldig gemacht?
Zwei sehr unterschiedliche Biografien
Edeltraud Wetzel wurde oft gefragt, warum sie sich um ein Mann sorgt, der ihr eigentlich völlig fremd ist. Lange fand sie keine Antwort, aber mittlerweile glaubt sie, dass das mit ihrer Geschichte als Flüchtlingskind zusammenhängt. 1945 wurde sie mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern aus dem Sudetenland in ein unterfränkisches Dorf geschafft und bei Bauern untergebracht. „Wir hatten gar nichts, und man half uns.“ Als ihr Vater anno 51 in Stuttgart Arbeit gefunden hatte, war es in ihrer Familie selbstverständlich, dass die Nachbarschaft am Esstisch stets willkommen ist. „Ich habe gelernt, dass es Freude macht, etwas zu geben.“
Das Schicksal hat sie auf Heinz Kobald treffen lassen, der auf ein völlig anderes Leben zurückblickt: 1940 wird er als uneheliches Kind in Stuttgart geboren, seinen leiblichen Vater lernt er niemals kennen. Seine Mutter vermählt sich mit dem österreichischen Holzknecht Willibald Kobald, der den seinerzeit dreijährigen Heinz adoptiert. Der Bub wächst im Kärntner Micheldorf auf. Mit 17 macht er die Flatter und findet eine Stelle beim Cannstatter Kolbenhersteller Mahle. Die Arbeit im Presswerk ist hart, aber gut bezahlt. Kobald heiratet jung, zeugt fünf Kinder und verlässt seine Familie, weil er sich frisch verliebt hat, in ein „feuriges Weib vom Hallschlag, die Schwester eines berühmten Boxers“, wie er erzählt.
Um so einen alten Hallodri kümmert sich nun eine kultivierte Frau, die seit 51 Jahren mit einem fürsorgenden Mann verheiratet ist. „Vieles, was der Heinz getan hat oder noch immer tut, ist für mich rätselhaft“, sagt Edeltraud Wetzel. „Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass er ein lieber Mensch ist.“
Fast so berühmt wie George Clooney
44 Jahre lang hat Heinz Kobald nichts von seinen Kindern aus erster Ehe gehört. 2010, nach einem gemeinsamen Auftritt mit Edeltraud Wetzel in der SWR-Talkshow „Nachtcafé“, melden sich zwei seiner Töchter bei ihm. Es kommt zu einem Treffen, bei dem Heinz Kobald erfährt, dass er x-facher Opa ist. Danach bricht der Kontakt wieder ab. Offenbar sind seine Nachkommen zu dem Schluss gekommen, dass sie ohne ihn besser dran sind.
Schmerzt ihn diese Erfahrung? Kobald weicht solchen Fragen aus. Lieber beschreibt er ausschweifend die Ziegen, die seine Stiefoma auf ihrem Hof hielt. Oder er scherzt, dass ihn meine Reportage vor zehn Jahren fast so berühmt wie George Clooney gemacht habe.
Nach der Veröffentlichung in der StZ griffen andere Medien die Story vom Waldschrat und seiner guten Fee auf. Kobald wurde von Passanten auf der Königstraße angesprochen („Ich kenne Sie doch aus dem Fernsehen!“) und plauderte bei einer Feier im Mannheimer Schloss, zu der er und Edeltraud Wetzel eingeladen worden waren, mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Für einen Mann, der jahrelang einsam am Rand der Gesellschaft vegetierte, sind das kostbare Erinnerungen.
Mittlerweile geht er am Stock
Noch immer zehrt Kobald von ihnen, auch wenn mittlerweile wieder fast alles so ist wie zuvor. Sonntags besucht er den Gottesdienst in der Hoffnungskirche, wo er sich vor einigen Jahren evangelisch-methodistisch taufen ließ (seine Taufpatin war natürlich Edeltraud Wetzel). Anschließend gibt es Kaffee und Kuchen. Auf die langen Spaziergänge vom Stuttgarter Westen bis hinauf zum Bärenschlössle, die er immer so geliebt hat, muss er seit einiger Zeit verzichten: Das rechte Knie macht nicht mehr mit. Erschwerend kommen die Erfrierungen an den Zehen hinzu, die er sich im Winter 97/98 zuzog, als er im Wald unter einer Plastikplane schlief. Kobald geht nun stets am Stock und denkt mitunter an den Tod. Seiner Vertrauten schreibt er:
Liebe Edeltraud,
habe mich wieder mal mit meiner Bestattung beschäftigt. Muss ja sein. War auch wieder auf dem Waldfriedhof, aber ich kann mich einfach mit den Bäumen nicht anfreunden. Möchte dir deshalb eine Frage stellen: Wäre es möglich, dass ich ein kühles Plätzchen im Kolumbarium bekomme? Da brauchen wir keine Grabpflege und auch keine Blumen. Es grüßt ganz herzlich, Heinz Kobald
Eine zufällige Begegnung hat das Dasein von Edeltraud Wetzel und Heinz Kobald verändert. Bis zum Ende seiner Tage wird sie ihn stützen. So Gott will und wir leben, werden wir uns im Sommer 2029 wieder an der Sonnenuhrhütte treffen. Bis dahin Ade.
Hier geht es zu der preisgekrönten Reportage über Edeltraud Wetzel und Heinz Kobald vom Juni 2009.