Ein Polizist wird Austernfischer Ein Schwabe in Schottland
Der Polizist und Metzger Lars Mack aus Nattheim will auf Colonsay, einer Insel der Inneren Hebriden, die Austernzucht seines Schwiegervaters übernehmen.
Der Polizist und Metzger Lars Mack aus Nattheim will auf Colonsay, einer Insel der Inneren Hebriden, die Austernzucht seines Schwiegervaters übernehmen.
Wohin die Augen auch schauen: Überall ist das Meer zu sehen. An einem Sommertag wie diesem, mit strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel, sind von Colonsay aus die Nachbarinseln Jura und Islay gestochen scharf zu erkennen. Colonsay liegt jwd. Im Sommer gibt es eine tägliche Fährverbindung zum Festland. Meistens jedenfalls. Manchmal allerdings kommt das Schiff, das in dem westschottischen Hafenstädtchen Oban ablegt und rund zweieinhalb Stunden unterwegs ist, gar nicht an. Wegen eines Defekts zum Beispiel. An solchen Tagen sind die rund 120 Insulaner und ihre wenigen Gäste auf sich gestellt. Die Versorgung stockt, und in dem kleinen Lebensmittelgeschäft in der Nähe des Hafenpiers dürften manche Waren ausgehen. Wieder einmal.
Lars Mack blickt von der Terrasse des Hauses im Hauptort Scalasaig, das er künftig dauerhaft bewohnen wird, in Richtung Hafen. Nach einer Tasse Kaffee packt der Mann aus dem ostwürttembergischen Nattheim seine Schwimmsachen zusammen und schwingt sich auf das Mountainbike. Es ist kurz vor sieben.
Der 48-Jährige, der fast immer ein spitzbübisches, kindliches Lächeln im Gesicht trägt, radelt gut gelaunt die paar Hundert Meter hinunter bis zum Hafen. Von dort aus ist das Haus, das er und seine Frau Sandy Abrahams vor ein paar Wochen gekauft haben, noch gut zu erkennen. Nach einem etwa zehnminütigen Fußmarsch über Stock und Stein erreicht der gelernte Metzger, der seit rund 20 Jahren in Deutschland als Polizist arbeitet, das kleine Leuchtfeuer, das den Schiffen bei Nacht und Nebel Orientierung gibt. Raus aus den Klamotten und rein ins Meer!
Nach knapp einem Kilometer Schwimmen im welligen Wasser ein kurzer, spontan eingelegter Stopp bei einer Jacht, die seit dem Vortag in der kleinen Bucht hinter dem Leuchtfeuer ankert. Die Dame an Bord staunt zunächst, dann fragt sie, ob der Besucher womöglich einen warmen Tee mit Zucker haben möchte. Klar, der will. Thank you very much! Die Frau reicht dem Schwimmer eine Tasse in Richtung Wasser und will wissen, woher er kommt. „From Germany“, antwortet Mack. Was ja stimmt, einerseits.
Doch dann erzählt der Mann im Meer, dass er im Juli 2022 auf Colonsay geheiratet hat. Seine Frau Sandy ist die Tochter des Austernzüchters Andrew Abrahams. Sandy ist auf der Insel aufgewachsen und in die winzige Schule mit damals gut einer Handvoll Kindern gegangen. Er werde beim Schwiegervater ins Geschäft einsteigen, erzählt Lars Mack weiter, und das Unternehmen eines Tages mal übernehmen. Das sei der Plan. „Oh, that’s great!“, antwortete die Dame auf der Jacht.
Mack schwimmt zurück, trocknet sich ab und erklärt dann mit seinem speziellen Lars-Lachen im Gesicht: „Das muss ich jetzt die nächsten 30 Jahre aushalten.“ Das Meer. Die Wellen. Und diese vermeintlich grenzenlose Freiheit. Fortan werden ihm nur noch die Gezeiten vorschreiben, wann genau er arbeiten muss: Die Gitterbehältnisse mit den Austern können nur bei Ebbe gedreht werden. Deshalb orientieren sich die Austernzüchter am Hoch- und am Niedrigwasser.
Lars Mack arbeitet seit 2003 als Polizist in der Millionenstadt München, mal im Büro, mal auf der Straße. In diesem November erwarten seine Frau und er das erste gemeinsames Kind. Es wird ein Bub. Finn soll er heißen. Wenn der Sohn da ist, soll endgültig Schluss sein mit dem Dienst und Dasein als bayerischer Landesbeamter in Uniform. Der Nachwuchs soll zwar noch in Deutschland das Licht der Welt erblicken, nicht auf Colonsay und auch nicht sonst wo im Vereinigten Königreich – wegen der besseren medizinischen Versorgung in der Bundesrepublik.
Spätestens im März kommenden Jahres will die Kleinfamilie aber komplett übersiedeln auf die Heimatinsel von Sandy Abrahams, die lange in London gelebt und als Anwältin gearbeitet hat. Die britische Juristin und der deutsche Polizist haben sich kurz vor Beginn der Coronapandemie im Februar 2020 in Slowenien kennengelernt. Seither sind die beiden ein Paar. Nur ganz selten gehen sie getrennte Wege. Egal wo Lars arbeitet, er ist gelegentlich auch als Kapitänleutnant für die Bundeswehr im Einsatz, seine Sandy ist fast immer dabei und hat ihr Arbeitsgerät im Gepäck, den Laptop.
Lars Mack arbeitet zwar in München, Nattheim indes war immer die Heimat des gebürtigen Heidenheimers. Die Mutter und die Schwester leben nach wie vor in der 6500-Einwohner-Gemeinde im Kreis Heidenheim. Er selbst hat im Ort ein kleines Grundstück, auf dem eine winzige Hütte steht. Im Schwabenland trifft Mack regelmäßig die einstigen Sportsfreunde der TSG Nattheim, die künftig wohl nach Schottland kommen müssen, wenn sie ihren Kumpel Lars sehen und mit ihm schwimmen wollen.
Das mehrwöchige Gastspiel von Lars Mack und Sandy Abrahams auf Colonsay in diesem Sommer ist vermutlich der letzte Urlaubsbesuch. Wenn die Kleinfamilie das nächste Mal anreist, dann mit Sack und Pack. Bereits im vorigen Winter hat Lars Mack sein altes Wohnmobil mit allerlei Hausrat einmal quer durch halb Mitteleuropa bis nach Colonsay gefahren. Ein Umzug auf Etappen. Seine Frau Sandy, erzählt er, habe eigentlich nicht wieder zurückziehen wollen auf die einsame Insel ihrer Kindheit, auf der es im Winter lange dunkel und oft nasskalt und grau ist. Sie mag London, sie mag München und geht gerne mit Freundinnen aus. Auf Colonsay gibt es nur einen Pub, und der ist im Winter mitunter für längere Zeit geschlossen.
Als Lars Mack im Frühjahr 2021 – mitten in der Pandemie – erstmals auf Colonsay war, kam ihm diese fixe Idee in den Kopf: ein kompletter Neustart, noch mal etwas ganz anderes machen. Selbstständig arbeiten. Ursprünglich habe er mal den Plan gehabt, die Metzgerei der Eltern in Nattheim zu übernehmen. Deshalb hat er auch den Meister gemacht. Als aus dem Einstieg in den elterlichen Betrieb nichts wurde, war Lars Mack ein paar Jahre lang Zeitsoldat bei der Bundeswehr, inklusive ein paar Monate in List auf Sylt, zur Ausbildung als Schiffskoch. Vielleicht deshalb sein Faible fürs Meer? Jetzt also zurück zu den beruflichen Wurzeln, in die Lebensmittelbranche.
Sandy Abrahams ist mittlerweile auch happy mit der Rückkehr auf die Insel ihrer Kindheit. Sie arbeitet für Firmen, die mit erneuerbarer Energie Geld verdienen, fast immer ortsunabhängig. Sie benötigt nur schnelles Internet – und das gibt’s auf Colonsay. Ihr Mann hat ein paar Pläne für den Neustart, unabhängig von den Austern. Lars Mack will mit anderen sportbegeisterten Insulanern im nächsten Sommer einen kleinen Triathlon auf Colonsay veranstalten. Und in den langen Wintermonaten möchte er Eisschwimmer aus aller Welt zu Camps einladen. Er weiß: Manche Kumpels in Deutschland sind skeptisch. Kann ein Mann Ende 40, der bis dato ständig durch die halbe Welt gezogen ist, künftig – quasi am Ende der europäischen Welt – glücklich werden?
Er selbst hat keinerlei Zweifel. Falls ihm an trüben Wintertagen mal langweilig werden sollte, dann werde er die vielen Bücher lesen, die die Vorbesitzer des Hauses in Scalasaig im Regal haben stehen lassen. Außerdem muss Lars Mack noch viel von seinem Schwiegervater lernen. Andrew Abrahams, Mitte 70, ist noch topfit, ein preisgekrönter Austernzüchter und Imker, der sich um die geschützten Dunklen Bienen kümmert. Die Fußstapfen, in die er trete, sagt Lars Mack, seien groß: „Sehr groß sogar.“
Eben hat er ein paar Gäste aus Schwaben von Scalasaig zur Austernfarm der Schwiegereltern im Süden der Insel begleitet. An einem gewöhnlichen Arbeitstag werde er die Strecke zum Haus seiner Schwiegereltern ohne Auto bewältigen, bei jedem Wetter: zunächst fünf Kilometer weit mit dem Fahrrad und dann noch mal rund anderthalb Kilometer zu Fuß. Bei Niedrigwasser über den Strand, bei Flut müsste er den Umweg über Land nehmen, das wäre beschwerlich und wenig sinnvoll, denn die Austernbänke sind dann ja nicht zu erreichen. Zur Arbeit fahren Andrew Abrahams und sein Schwiegersohn aus Deutschland dann noch mal etwa eine halbe Stunde mit einem alten Traktor zu ihrem Ziel, den Austern draußen im Ozean.
Andrew Abrahams ist ein schweigsamer Mann. Er hat in Großbritannien und in der Schweiz Agrarwissenschaften studiert. Vor mehr als 40 hat der Oysterman of Colonsay am verlassenen Südende der Insel ein Stückchen Land gekauft, dort längere Zeit in einem Wohnwagen gelebt und das imposante Haus selbst gebaut, das er und Sandys Mutter noch heute bewohnen.
Auf die Frage, ob Lars wohl alles lernen kann, was er für die Arbeit als Austernzüchter wissen muss, antwortet Andrew Abrahams kurz und knapp: „Time will tell. Nobody knows“ – das werde die Zeit zeigen und könne heute noch niemand sagen. Er selbst, erzählt der Mann mit der wettergegerbten Haut, habe alles „auf die harte Weise“ lernen müssen. Vieles hat sich Mister Abrahams selbst beigebracht. Lange her. Lars Mack aus Nattheim hat bessere Karten, denn er hat einen ausgezeichneten Lehrmeister.